Zeitung Heute : Die Vorteile des Scheiterns

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Die schlechte Nachricht lautet: Babcock Borsig ist pleite. Aber darin steckt auch eine gute Nachricht. Zwar ist es nie angenehm zu sehen, dass eine Firma untergeht und Arbeitsplätze verloren gehen. Doch Volkswirtschaften benötigen periodische Bereinigungen, um die wenig rentablen Firmen herauszufiltern und freie Bahn zu schaffen für wettbewerbsfähige Unternehmen. Wenn es neben dem starren Arbeitsmarkt ein ganz wesentliches Hindernis für Reformen der deutschen Wirtschaft gibt, dann ist es ganz sicher das Widerstreben der Politik, große Unternehmen scheitern zu sehen. Das zeigte sich erst wieder vor gut einer Woche, als der Versuch von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement, den Maschinenbau-Konzern mit weltweit 22000 Mitarbeitern in letzter Minute zu retten, fehlschlug. Das Bemühen, jedes unprofitable Unternehmen zu retten, ist genauso kontraproduktiv wie die Beibehaltung einer Arbeitsmarktpolitik mit dem Ziel, dass in verhältnismäßig gesunden Firmen niemand entlassen wird. Von daher ist auch Schröders Aufruf, jeden nur möglichen Job bei Babcock zu retten, verfehlt. Eine effektive Umstrukturierung ist langfristig in jedermanns Interesse. Babcock als ein unbedeutendes Unternehmen um ein paar hundert oder selbst tausend Arbeitsplätze willen wiederzubeleben, ist es nicht.

Am Ende bestand nur noch die staatseigene WestLB auf einer Rettung. Die übrigen Banken können mit einer gewissen politischen Missbilligung rechnen, wenn sie sich für den Ausstieg entscheiden, doch ihr Engagement, statt einer politisch einfachen eine vernünftige Geschäftsentscheidung zu treffen, ist ihnen hoch anzurechnen. Wenn Deutschlands Banken jetzt die Jahrzehnte politisch motivierter Kreditpolitik hinter sich lassen, ist das ein hoffnungsvolles Zeichen.

Natürlich hielten mehrere dieser Banken, einschließlich der WestLB, beträchtliche Beteiligungen an Babcock. Doch Banken und große Aktionäre verkaufen nicht nach einem politischen Terminkalender, und in Anbetracht der angespannten Börsensituation ist es kein Wunder, dass es noch keine massiven Veräußerungen gegeben hat. Eines hat die Insolvenz von Babcock gezeigt: Deutschland braucht weniger Hindernisse für Umstrukturierungen, nicht mehr.

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