Zeitung Heute : Die Wahl vergeht das Dilemma bleibt

HERMANN RUDOLPH

Die Erleichterung wird, wo sie denn empfunden wird, kurz sein.Die Vertagung der Entscheidung über das Holocaust-Denkmal bringt uns ja in der Sache auch keinen Schritt weiter.Sie wird uns vielmehr - da sie das Tor für die Versuchung, die Diskussion ganz neu zu beginnen, einen kräftigen Spalt öffnet - erst recht mit der Frage konfrontieren: Wie ernsthaft wollen wir das Mahnmal? Und, noch schwerer wiegend: Sind wir bereit, zu akzeptieren, daß nicht jeder sein Mahnmal haben kann, daß mithin ein Mahnmal, das unumstritten ist, nicht vorstellbar ist - zumal bei diesem Gegenstand -, daß also die Hoffnung, eine Wendung der Debatte oder gar ein neuer Entwurf könnten uns die Last abnehmen, uns zur Hinnahme eines als nicht voll befriedigenden Entwurfs durchzuringen, eine Illusion ist? Es gibt, gewiß doch, bessere und schlechtere Lösungen, aber wer nach fünfhundert Entwürfen und Debatten, bei denen kein Argument nicht mehrfach hin- und hergewendet worden ist, noch auf ein Ergebnis wartet, das jedem wohl und keinem wehe tut, muß sich fragen lassen, ob er das Vorhaben wirklich will.

Die Vertagung hat auch, bei Licht besehen, wenig genug mit dem Wahlkampf zu tun, und die einschlägigen taktischen Geplänkel sind so wichtig auch nicht.Das eigentliche Problem für die Entscheidung bleibt das Denkmal selbst - die Fast-Unmöglichkeit, für das Ereignis des Mordes an den europäischen Juden einen auch nur einigermaßen adäquaten Ausdruck zu finden.Das zwingt zu einer hoch belasteten, von Zweifeln bedrohten Abwägung.Sie ist nur zu bestehen, wenn man sich klar darüber ist, daß es sich bei diesem Mahnmal nicht um eine der authentischen oder didaktischen Gedenkstätten handelt, von denen es in der Tat genügend gibt, sondern um etwas, was es noch nicht gibt, was es aber geben sollte: einen Erinnerungsort für das Unvorstellbare, aber Geschehene, mitten im Herzen der deutschen Hauptstadt.Nur die Überzeugung, daß es gut wäre für uns Deutsche, einen solchen Ort zu haben, macht eine Entscheidung möglich.Aber gibt es diese Überzeugung wirklich? Wie tief reicht sie?

Natürlich ist gegen eine Denkpause nichts einzuwenden - vor allem, wenn sie zum Denken und nicht nur zum Wiederkäuen der einschlägigen Argumente benutzt wird.Aber an einer Entscheidung führt kein Weg vorbei.Da ein neuer Wettbewerb nicht in Frage kommen kann - nichts spricht dafür, daß er überzeugendere Ergebnisse erbringt, und auch an die Kosten darf man denken - , wird sie im Spektrum der vorliegenden Arbeiten zu fällen sein.Nach dem Such-Prozeß der vergangenen Jahre wird es also auf eine Entscheidung über das Eisenman-Projekt herauskommen.Dabei liegt auf der Hand, daß jedes Votum, für oder gegen den Stelenwald, Proteste herausfordern wird, in deren Heftigkeit sich die Dimension des Vorhabens, ja, des Vorgangs, an den es erinnern soll, widerspiegeln werden.Aber um einen leichteren Preis ist diese Entscheidung nicht zu haben.

Zu überlegen ist nun allenfalls, ob das Mahnmal-Vorhaben - nachdem es inzwischen der Bürgerinitiative entwachsen ist, die es über die Jahre gebracht hat - beim Bundestag nicht in besseren Händen wäre.Zu erwägen wäre ferner, ob Auslober und Bundestag das Projekt zur Sache einer Stiftung machen sollten, um es so weit als möglich aus der Reichweite der Politik zu rücken.Die Initiative dazu könnte vom Bundespräsidenten ausgehen, der seinerzeit die Schirmherrschaft über das Mahnmal übernommen hat.Damals schwamm das Unternehmen noch auf der Woge der ungeteilten Sympathie.Nun, da es in Not geraten ist, wäre die Zeit gekommen, diese Aufgabe wahrzunehmen.

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