Zeitung Heute : Die Wahl

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

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Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg.


Von Matthias Kalle

Es gibt Dinge, die erträgt man besser allein – zum Beispiel morgens aufstehen, eine elektrische Zahnbürste kaufen oder joggen. Da will man niemanden dabei haben, da will man für sich sein, und für mich will ich in diesen Tagen, meinen ersten in Minden, unbedingt sein, wenn ich das neue Album von Dashboard Confessional höre. Das Album heißt „The Places You Have Come To Fear The Most“ und natürlich weigere ich mich, diesen Titel in Beziehung mit meiner Ankunft in meiner Heimatstadt gleichzusetzen. Ich bin weder masochistisch veranlagt noch von irgendwelchen Selbstzweifeln getrieben. Wie ich finde, eine Stärke von mir, so wie meine Sensibilität: In dem Lied „The Best Deception“ geht eine Textzeile wie folgt: „So kiss me hard, cause this will be the last time that I let you.“ Donnerwetter.

Und es macht natürlich auch Sinn, dass man am 22. September, beim Kreuzchen machen, alleine sein muss – ja schon von Gesetzes wegen. Die Wahl als eine Art Einkehr, eine innere Emigration, wenn auch nur für eine Minute, länger sollte es dann doch nicht dauern, sonst macht man sich nur verdächtig. Verdächtig machte man sich auch, wenn man sich weigerte, die TV-Duelle zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber mit anderen Menschen zu schauen, so, als wäre diese Veranstaltung ein Fußballspiel oder etwas Ähnliches wie Freiluftkino.

Letzten Sonntag rief mich Landy an. Ob ich nicht vorbeikommen wolle, Pilserfrischung trinken, Duell gucken, solche Sachen. „Die anderen kommen auch.“ – „Och“, sagte ich, „eigentlich wollte ich mir das Duell alleine anschauen. Also mehr so in Ruhe.“ – „Wieso denn in Ruhe?“, fragte Landy, der das Alleinsein prinzipiell ablehnt. Er war wohl etwas sauer. Übrigens wählen Landy und die anderen Jungs und ich alle das gleiche.

Minden war lange Zeit eine SPD-dominierte Stadt. Doch dann, vor ein paar Jahren, bekamen wir einen Bürgermeister, der in Rede und Auftritt an einen Metzger erinnerte – viele Mindener glauben bis heute, dass das Fleischige dieses Mannes ihn um sein Amt gebracht hätte. Jetzt regiert ein CDU–Bürgermeister die Stadt, in der ersten Woche meiner Rückkehr habe ich keine Veränderung festgestellt. Eigentlich interessieren sich die Menschen in Minden nicht sonderlich für Politik. Vor Jahren gab es einmal einen kleinen Skandal, als ein CDU-Abgeordneter im Winter Kohlen aus einem Garten geklaut hat.

Als ich das erste Mal gewählt habe, 1994, war ich 19 Jahre alt und mein Wahlbüro war in der Aula meiner ehemaligen Grundschule: ein flaches Gebäude, in dem es schlecht roch. Jetzt, acht Jahre später, müsste ich da wieder hin, denn wie es sich gehört, habe ich mich brav umgemeldet. Ich will da nicht hin. Ich wähle allein und ich will Ort und Zeitpunkt meiner Wahl selbst bestimmen. Vor ein paar Tagen kamen die Briefwahlunterlagen. Ich ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir, als Landy anrief. Ob ich nicht vorbeikommen wolle, Kaffee trinken, bisschen reden, solche Sachen.

Diesmal habe ich mich für Landy entschieden. Ich habe ja jetzt die Wahl.

Matthias Kalle verlässt Berlin und zieht zurück in seine Heimatstadt Minden. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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