Zeitung Heute : Die wahre linke Geschichte

GRIPS-THEATER Volker Ludwig und Franziska Steiof haben ein Musical über Rosa Luxemburg geschrieben. Regine Seidler verkörpert in „Rosa“ das kämpferische Vorbild

PATRICK WILDERMANN

Die Idee, ein Musical über Rosa Luxemburg zu schreiben, kam Volker Ludwig schon vor langer Zeit, genauer: im Jahr 1968. Klar, die wilde Apo-Zeit, tausende Studenten skandierten Rosas Sprüche – da lag das nahe. Bloß wurde damals nichts daraus, aus profanen, ja kapitalistischen Gründen. Ludwigs Kabarett-Konkurrenz vom Berliner „Bügelbrett“ nämlich hatte angekündigt, ebenfalls ein Singspiel über die streitbare Sozialisten-Ikone vorzubereiten. Das kam dann zwar auch nicht zustande, aber auf diese Weise durfte der Luxemburg-Plan des Grips-Theater-Gründers noch Jahrzehnte reifen wie edler Whiskey. Regine Seidler hingegen, die jetzt die Titelfigur im Musical „Rosa“ verkörpern wird, war 1968 noch nicht einmal geboren. Die Luxemburg begegnete ihr später in erster Linie als trockener Marxismus-Schulstoff, in DDR-Biografien, in denen diese Frau als „geschlechtslose Denkerin“ präsentiert wurde, wie Seidler erzählt. Da sei beispielsweise Rosas Liebesbeziehung zu Clara Zetkins Sohn Kostja zu einer mütterlichen Obhut umgedichtet worden. Jetzt erst, im Zuge der tieferen Beschäftigung mit Luxemburgs Geschichte, merke sie, was ihr alles vorenthalten wurde – „und darüber bin ich so wütend im Nachhinein“, sagt Seidler. „Vielleicht“, überlegt Ludwig lächelnd, „wird man die Ostdeutschen eher überreden müssen, sich das Stück anzuschauen, als die Westdeutschen.“

Man weiß heute viel über Rosa Luxemburg. Ludwig weiß sogar zu viel, glaubt er manchmal. Sechs Biografien hat er gelesen, natürlich die Briefwechsel, dazu ungezählte Seiten an politischen Originalschriften. Und daraus soll nun, getreu der alten Grips-Devise „Wer nicht unterhält, darf auch keinen Eintritt verlangen“, ein Musical werden, das jungen Erwachsenen ohne besondere Vorkenntnisse nicht nur den kompletten Bogen einer bewegten Biografie, sondern notwendigerweise auch die politischen Ideale der Luxemburg nahebringt. „Ihr Leben bestand ja größtenteils aus Kämpfen mit verschiedenen ideologischen Flügeln der SPD, also dem Langweiligsten, was man sich vorstellen kann“, seufzt Ludwig – zum Zeitpunkt des Gesprächs arbeitet er noch an „Rosa“, zusammen mit der Koautorin und Regisseurin Franziska Steiof, es wird lustvoll gestritten und gestrichen, an inszenatorischen Lösungen gebastelt. „Formal ist es das spannendste Stück, das wir je hatten“, sagt der Grips-Chef.

Aber natürlich hat das Politische auch eine private Seite. Leichter andocken als ans marxistische Gedankengut ließe sich, meint Regine Seidler, bei den Liebesgeschichten, besonders bei der wechselhaften Liaison mit Leo Jogiches. Stark und emanzipiert in der Liebe findet Seidler die Luxemburg, schwärmt von ihren vielen Gesichtern, von „hundert Frauen in einer Person“: Starke Depressionen hätte sie gehabt, sich dann wieder zu Größenwahn aufgeschwungen, sei fröhlich und verspielt gewesen, gleichzeitig streng zu sich selbst, groß in Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit – ein Geschenk, sie zu spielen. Seidler, die lange Jahre am Grips-Theater engagiert und zuletzt fürs Fernsehen tätig war, hat jedenfalls für Ludwigs Offerte ohne langes Zögern ihre Babypause ausgesetzt.

Aber geht es darum, eine Heldinnengeschichte zu erzählen, die Heilige Rosa zu bedienen? „Das bestreiten wir natürlich“, lächelt Ludwig verschmitzt. Außerdem würden ja die Songs, komponiert von Thomas Zaufke, mit ihren oftmals ironischen Texten gripstypisch das Geschehen konterkarieren. Und wenn es doch mal zu pathetisch würde, interveniere auch das Ensemble, meint Seidler lachend. Wobei wiederum alle Beteiligten der Ansicht sind, dass die meisten Gedanken der Luxemburg (etwa in Wirtschaftsbelangen) nichts an Aktualität eingebüßt hätten und ihre Haltung in vielen Fragen vorbildlich sei. Volker Ludwig bringt es 68er-getreu auf den Punkt: „Eigentlich müsste man, wenn man das Theater verlässt, für die Revolution sein.“PATRICK WILDERMANN

Premiere 7.10., 19.30 Uhr

Vorstellungen 9.11., 18 Uhr; 8. und 26.-29.11., jeweils 19.30 Uhr

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