Zeitung Heute : Die Wahrheit ist ein Verrat

CARLA RHODE

Beklemmend: "Das Versprechen" von Luc und Jean-Pierre DardenneCARLA RHODEIrgendwo in einer belgischen Industriestadt nahe der deutschen Grenze liefert ein Güterzug eine Ladung neuer Autos an.Hastig krabbelt eine Schar Immigranten hervor, die Autos dienten als Versteck für ihre illegale Einreise.Es sind Flüchtlinge aus allen möglichen Ländern, ausgerechnet hier, in dieser tristen, häßlichen Gegend, wollen sie ihr Glück machen.Sie fallen Roger (Olivier Gourmet) in die Hände, er betreibt ein dreckiges Gewerbe.Roger bereichert sich an den Ärmsten der Armen, verkauft ihnen Pässe und Papiere gegen Dollars und treibt hohe Mieten ein.Rogers Geschäfte laufen gut, niemand ist so skrupellos wie er. Der Vater: ein übler Ausbeuter Auch sein Sohn Igor (Jérémie Renier) nimmt es mit den Gesetzen nicht so genau.Er ist Lehrling in einer Autowerkstatt und hat dort reichlich Gelegenheit für kleine Diebstähle.Vater und Sohn - aus dem gleichen Holz geschnitzt? Roger hätte es gern so, er bindet Igor mit einem Siegelring an sich und brennt ihm eine Tätowierung in die Haut.Noch ist sie nicht fertig, Igor ist erst fünfzehn Jahre alt.Er gehorcht dem Vater, aber im entscheidenden Moment stellt er sich gegen ihn.Kaum konnte man hoffen, daß sich an der beklemmenden Atmosphäre des Films von Luc und Jean-Pierre Dardenne noch etwas ändern werde.Mit der Handkamera ging es durch die schmalen Gänge des verfallenen Flüchtlingshauses, nur einen Spalt breit öffneten sich Türen und gaben den Blick auf unbeschreibliches Elend frei.Rogers Hand streckte sich herein, unerbittlich forderte er sein Geld.Diesem Fatalismus glaubt man ebensowenig entrinnen zu können wie die bedauernswert ausgelieferten Menschen. Der Sohn: ein kleiner Dieb Doch plötzlich, paradoxerweise im Moment eines tragischen Unfalls, fällt ein Lichtstrahl in diese Düsternis.Der Afrikaner Hamidou ist von einem Baugerüst gestürzt und droht zu verbluten.Geschickt bindet ihm Igor das verletzte Bein ab und will ihn ins Krankenhaus bringen.Doch der Vater fackelt nicht lange, der Unfall würde ihn nur in Schwierigkeiten bringen.Er wird den Verunglückten sterben lassen.Der Sohn sieht den Vater an und begreift, daß hier etwas Ungeheuerliches geschieht.Ändern kann er es nicht, aber Hamidous Frau Assita, die mit ihrem Baby gerade erst aus Burkina Faso angekommen war, muß die Wahrheit erfahren, auch gegen Rogers Willen.Igor hatte dem Sterbenden versprochen, für sie zu sorgen.Man sieht förmlich, in welchem Konflikt sich der Junge befindet.Das Versprechen zu halten, wäre ein Verrat am Vater.Igors Verantwortungsgefühl siegt: Assita hat ein Recht darauf zu wissen, daß ihr Mann nicht mehr lebt, diese Wahrheit spricht Igor in ihren abgewendeten Rücken hinein. Assita wird sich nicht umdrehen, aber sie wird den richtigen Weg einschlagen, um die Tat zu sühnen.Das schnürt einem fast die Kehle zu. fsk am Oranienplatz (OmU)

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