Zeitung Heute : Die Wale singen wieder Über Al Gores Comeback

sind nicht alle Demokraten froh

Malte Lehming[Washington]

Auf einem Beistelltisch in seinem Arbeitszimmer flackert eine Kerze über einer Duftschale. Zur Entspannung hört er Kassetten mit Walgeräuschen. Im Bücherschrank steht Meditationslektüre. Doch am Auffallendsten sind die Atempausen, die er beim Sprechen einlegt. Es ist ein bewusstes Atmen, das den Körper reinigen soll. Man lernt es bei der Gesangsausbildung, im Yoga-Unterricht und im Geburtsvorbereitungskurs. Ein, Aus. Ein, Aus. Ganz regelmäßig, bis ins Zwerchfell. Das beruhigt.

Al Gore hat ein wenig Hilfe bei der Beruhigung nötig gehabt. Fast auf den Tag genau zwei Jahre lang währte die Trauerarbeit des ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten, der von George W. Bush so schmählich besiegt worden war. Seine beeindruckende, zehnminütige Abschiedsrede verfolgten hundert Millionen Amerikaner. Sie endete mit dem Satz: „Es ist nun Zeit für mich zu gehen.“ Dann zog sich Gore zurück. In ein Zimmer im oberen Geschoss seiner Villa baute er ein riesiges Breitwandfernsehgerät mit Rundumbeschallung ein. Da sah er sich Klassiker wie den „Paten“ an und Naturfilme. Später tingelte er mit seiner Frau Tipper monatelang durch Spanien, Italien und Griechenland, ließ sich einen Bart stehen und sprach öffentlich mit niemandem über seine Gefühle und politischen Ziele.

Jetzt ist Al Gore wieder da. An einigen Tagen gibt er zehn Interviews, er witzelt bei David Letterman, debattiert auf CNN, hält Reden vor Parteimitgliedern und reist mit Tipper in 25 Tagen durch zwölf Städte. Offiziell ist das eine Werbetour für ihr gemeinsam verfasstes Buch über die Wandlung der amerikanischen Familie („Joined at the Heart“). Doch jeder weiß: Gore will ein zweites Mal in den Ring steigen und Präsident werden. Der Bart ist ab, das Comeback bis ins Detail inszeniert. Der „Economist“ schreibt von einer Medienoffensive mit „Madonna-ähnlichen Ausmaßen“.

Gores Kritik an der Bush-Regierung ist ungewöhnlich hart: Der ökonomische Kurs sei „katastrophal“, die Milliardenüberschüsse im Haushalt seien in Milliardendefizite verwandelt worden, in der Innenpolitik werde der „Albtraum von Big Brother“ realisiert, in der Außenpolitik führe Bush das Land in sein „größtes Desaster“, die Umweltpolitik sei schlicht „unmoralisch“. Bei der Parteibasis kommen solche Töne gut an. Viele Demokraten nehmen es ihrer Führung übel, dass sie sich von Bush sowohl bei der gigantischen Steuererleichterung als auch beim Irak- Krieg um den Finger wickeln ließ. Prompt gerieten die Kongresswahlen zum Debakel. Das Vakuum, in dem sich die Opposition befindet, füllt Gore geschickt aus. Er ist der mit Abstand bekannteste und beliebteste mögliche Präsidentschaftsanwärter der Demokraten. Vor zwei Jahren erhielt er mehr Stimmen als je ein Demokrat vor ihm. Wer will ihm den Rang des Herausforderers streitig machen?

Doch es ist seltsam. Manche Menschen entkommen ihrem Image nicht. In diesem Sinne ist Al Gore wie Rudolf Scharping. Gores Negativ-Image lässt sich in fünf Worten zusammenfassen: langweilig, hölzern, belehrend, angespannt, gefühllos. Dem arbeitet der 54-Jährige tapfer entgegen. Ob er sich schon definitiv entschieden habe, im Jahre 2004 gegen Bush anzutreten, will David Letterman wissen. „Meine Familie hat bereits abgestimmt, aber wir müssen noch einmal nachzählen“, lautet die Antwort. Beim ersten Mal war diese Replik noch lustig. Inzwischen ist sie zu einer Art Dauerpointe geworden. Er schafft es einfach nicht. Er kann Tipper in aller Öffentlichkeit innig küssen, Witze reißen und anderen Menschen jovial auf die Schulter klopfen – echt wirkt es nie.

Kein Wunder daher, dass die Parteiführung gar nicht glücklich ist über das Comeback ihres Möchtegern-Präsidenten. Fast die Hälfte ist dagegen, dass Gore noch einmal kandidiert, schließlich hat er als amtierender Vizepräsident, bei florierender Wirtschaft und vor dem 11. September schon einmal gegen Bush verloren, obwohl der Texaner damals als Vatersöhnchen, unerfahren und etwas beschränkt galt. Heute genießt Bush Junior eine Zustimmungsrate von 65 Prozent. Prominente Demokraten fordern ein neues, frisches, unverbrauchtes Gesicht. Aber wer soll das sein? Auf diese Frage hat derzeit niemand eine überzeugende Antwort. Das allerdings ist Gores einziger Trumpf.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben