Zeitung Heute : Die Ware Buch

MORITZ MÜLLER-WIRTH

Wird in absehbarer Zeit die grenzüberschreitende Buchpreisbindung fallen? Für die Komission der Europäischen Union stellt sie einen "besonders schweren Fall von Wettbewerbsbeschränkung" darVON MORITZ MÜLLER-WIRTHVor genau einer Woche hat die Komission der Europäischen Union beschlossen, in absehbarer Zeit gegen die sogenannte grenzüberschreitende Buchpreisbindung vorzugehen.Diese stelle, so die Argumentation, einen "besonders schweren Fall von Wettbewerbsbeschränkung" dar.Da hat die Komission Recht.In der Tat scheint die Deutschland und Österreich erteilte vorläufige Genehmigung, den Verkaufspreis für Bücher bindend zu vereinbaren, nicht mehr von dieser Waren-Welt. Seit der bis dorthin unbekannte belgische Fußballer Jean-Marc Bosman für sich und seine europäischen Mitstreiter das freie Wechselspiel innerhalb der EU-Staaten durchsetzte, wissen wir: Die Einheit Europas wird sich durchsetzen, zumindest auf dem (Arbeits)-Markt, notfalls per Gerichtsbeschluß.Nach dem "Bosman-Urteil" war das Wehklagen groß.Von Monopolisierung war die Rede, eine bevorstehende Zweiklassengesellschaft innerhalb der europäischen Vereins-Elite wurde beschworen, kurz: das Ende der liebgewonnenen, die nationale Provinz einschließenden Solidargemeinschaft.Und? Alles wie gehabt, zumindest bisher.Es stellt sich also die Frage: Warum soll es der Ware Buch besser gehen als der Ware Mensch? Wer die zwischenstaatlichen Preisabsprachen verbietet, überläßt das Buch und mit ihm Autoren, Verlage, Buchhandlungen und den Leser dem freien Markt.Im Ergebnis bedeutet dies für Deutschland vermutlich zweierlei: von vielem weniger, von einigem mehr, weniger Autoren, weniger Verlage, weniger Buchhandlungen - mehr (billigere) Bücher, mehr Käufer, mehr Wettbewerb. Anders als auf dem grünen Rasen droht jedoch in diesem Fall durch den freien Wettbewerb meßbarer, unwiederbringlicher Verlust.Bisher gilt in Deutschland das Buch als schützenswertes Kulturgut; deshalb weitgehend fernzuhalten von den Kräften des freien Wettbewerbs.Gleiches gilt für subventionierte Orte kulturellen Lebens.Diese Haltung gehörte bisher zum Selbstverständnis einer "Kulturnation".Nach der bisherigen Definition jedenfalls droht der "Kulturnation" durch die Pläne aus Brüssel zumindest eine Schwächung. Wer eine solche Entwicklung will oder glaubt, daß er sie nicht verhindern kann, der soll es klar sagen.Das kann man wollen, dafür gibt es gute Gründe und vor allem schlagkräftige Beispiele.So die preisbindungsfreien Buchmärkte in den USA und in Großbritanien, von deren Boom viele deutsche Verlage durch lukrative Übesetzungen erheblich profitieren.Einen solchen Wettbewerb will die EU.Die Ankündigung aus Bonn, diesem Ansinnen mit nationalstaatlichen Sonderregelungen begegnen zu wollen, wirkt im Jahr der Einführung des Euro wie ein morscher Pfahl in tosender See. Und die "Kulturnation"? Sie schweigt - und mit ihr die meisten ihrer Exponenten.Die wenigen, die sich äußern, tun dies mit einer Mischung aus Fatalismus und Hilflosigkeit.So warnen Autoren und Verleger vor den Folgen kulturloser Brüsseler Bürokratie, beschwören die Gefahren geistloser Bonner Politik.Der Schriftsteller Martin Walser beispielsweise erklärt auf die Frage, ob er sich gegen die Aufhebung der Preisbindung zu wehren gedenke, dafür gebe es Berufsorganisationen.Nun, man kann ja nicht für alles streiten.Daß man streiten kann, wenn man streiten will, dafür lieferte allerdings das heftige Gefecht um die drohenden Veränderungen der deutschen Rechtschreibung ein gutes Beispiel.Es kämpfte die geistige Elite des Landes für den Bestand der gültigen Kommaregeln und focht für die bislang üblichen Möglichkeiten, bei Bedarf das Wort "Katastrophe" zu trennen.Nun, da etwas ansteht, was nicht nur Kulturpessimisten für eine echte Katastrophe halten, wo es um eine der Grundlagen des Kulturstaates geht, herrscht Schweigen.

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