Zeitung Heute : „Die Warnung muss auch bei den Menschen ankommen“

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Die Bundesregierung hat ein Konzept zur Errichtung eines Tsunami Frühwarnsystems. Wie sinnvoll ist so ein System, Herr Klein?

Es ist sicher sinnvoll, so ein System zu errichten. Aber die Warnung muss auch bei den Menschen ankommen. Das Wissen in der Bevölkerung spielt eine große Rolle, das hat man auch bei der aktuellen Flutwelle gesehen.

Inwiefern?

Ein Vorbote für einen Tsunami ist die Tatsache, dass sich das Meer oft zunächst ungewöhnlich weit vom Strand zurückzieht. Wer das weiß, kann die verbleibende Zeit nutzen, um sich in Sicherheit zu bringen. Einige Menschen haben sich so gerettet, weil sie darüber etwas gelesen oder in der Schule gehört hatten.

Wissen kann Leben retten.

Das Wasser zieht sich in der Regel zunächst zurück und kommt erst in fünf bis 20 Minuten wieder. Diese Zeit hat man, dazu braucht es kein technisches Warnsystem. Leider kann man sich auf diese Vorwarnung jedoch nicht voll verlassen, da je nach Küstenstruktur dieses Phänomen auch ausbleiben kann.

Wie lange braucht man, um so ein System aufzubauen?

Bis es in Betrieb gehen kann, braucht man mindestens zwei bis drei Jahre.

Beim Flutwarnsystem haben sich ja nun die Deutschen stark ins Gespräch gebracht. Haben nicht Länder wie die USA oder Japan mehr Erfahrung? Sie verfügen schon über eigene Frühwarnsysteme.

Was sensorische Messungen auf dem Meeresboden angeht, sicher nicht. Das können auch deutsche Forscher, das ist für uns Alltag. Aber das Zusammenführen der Daten und die Übertragung ist schon eine größere Herausforderung, für die Kooperation mit anderen Forschergruppen in Deutschland oder auch im Ausland wichtig ist. Da haben Länder wie die USA und Japan schon gewisse Erfahrung, die mit einfließen sollte. Das Einbinden in bestehende Warnsysteme könnte auch deutliche Kostenersparnis bringen, da dann kein neues Satellitenkommunikationssystem aufgebaut werden muss. Das ist aber auch schon im Gespräch.

Haben sich die Frühwarnsysteme in diesen Ländern bewährt?

Einerseits ja. Es gab Situationen, wo Menschenleben gerettet werden konnten. Doch es gab auch einige Fehlwarnungen, was dazu führt, dass die Bevölkerung die Warnungen nicht so ernst nimmt. Auf vier Alarme kommt „nur“ ein Tsunami.

Wie sinnvoll wäre so ein System im Atlantik?

Dort gibt es Spuren von sehr alten Hangrutschungen. Von Hierro, einer kanarischen Insel, ist einmal ein Hang ins Meer gerutscht und hat einen Tsunami ausgelöst. So was wäre auch wieder denkbar, die Insel La Palma zeigt gewisse Anzeichen dafür. Etwas ähnliches ereignete sich in prähistorischer Zeit vor der Küste Norwegens. Da sieht man heute nur noch die großen Rutschmassen am Meeresboden. Das muss so immens gewesen sein – der Tsunami dürfte bis nach Amerika gereicht haben.

Brauchen wir ein Warnsystem für Nord- und Ostsee?

Im Atlantik halte ich es für sinnvoll, bei Nord- und Ostsee vermute ich, dass die Gefahr eher in Form einer Flut als einer zerstörerischen Welle besteht, weil diese Meere eher flach sind und die Gefahr deshalb nicht so groß wie in den Ozeanen. Außerdem gibt es schon heute Dämme als Schutz gegen Sturmfluten. Aber man sollte das Gefahrenpotenzial sicherheitshalber weiter erforschen.

Gerald Klein , 32, ist Meeresforscher im Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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