Zeitung Heute : Die weiße Last

Vielleicht haben sich manche in „Höhlen“ unter den Trümmern gerettet. Das ist die letzte Hoffnung, die in Bad Reichenhall bleibt

Mirko Weber[Bad Reichenhall]

Irgendwann in der Nacht auf den Dienstag wird man wach und hält unwillkürlich die Arme über den Kopf, weil es ein ganz schlechter Traum war, aber die Realität ist nicht besser – es wird alles eins.

Die Nacht in Bad Reichenhall ist kalt, es schneit weiter wie seit Tagen hier, nass und schwer regnet das Weiß herab, und 30 Fußminuten entfernt liegen immer noch Menschen unter einer eingestürzten Hallendecke an der Münchner Allee. Sie liegen da seit kurz nach 16 Uhr am Montagnachmittag, in diesem Augenblick hat es von der verglasten Eis- und Schwimmsporthalle her „einen großen Tuscher gemacht“, wie der Anwohner Siegfried Maier später sagt. Ein Krachen war zu hören, als fiele massenhaft Schnee vom Dach – ein Geräusch, das im Berchtesgadener Land kurz vor der österreichischen Grenze eigentlich zum Winter dazugehört. Aber eine solche Wucht und Lautstärke kannte man auch hier nicht. Es folgte eine gespenstische Stille, dann waren die ersten Sirenengeräusche zu hören. Blaulichter wirbeln durch die Dämmerung. Vor den Resten des 1971 errichteten Gebäudes, das im Besitz der Stadt ist, bauen Helfer Zelte auf und versuchen, Menschen zu beruhigen, die ihre Kinder abholen oder Freunde nach dem Eislaufen treffen wollten.

Binnen kurzem sind über 700 Freiwillige und Profis in Reichenhall im Einsatz. Straßen werden abgesperrt, Kräne errichtet, Trümmer mit bloßen Händen weggetragen. Pater Alfred von der Ägidkirche steht vor dem Eingang der Halle, die Hände gefaltet. Er wartet. „Ich helfe“, sagt er, „wenn ich gebraucht werde.“ Bundeswehr, THW und Rotes Kreuz laufen durcheinander, und plötzlich steht ein Mann im Bademantel mit einem um den Kopf gebundenen Handtuch mitten in dieser vollends ungeordneten Szene. Nach dem ersten, brutalen Geräusch hat er das benachbarte Bassin verlassen, „der Bademeister hat mich angebrüllt, dann war ich in drei Minuten angezogen und draußen“, sagt der Mann. Keiner weiß, wer er ist, keiner fragt nach seinem Namen. Er geht, eingehüllt in eine Decke. Obwohl bereits drei Stunden später über 20, meist leicht verletzte Menschen gerettet werden können, oft durch Suchhunde der Bergwacht aufgespürt, bleibt die Situation in Reichenhall unübersichtlich. Manche Überlebende verlassen den Ort des Grauens, ohne ihre Anschrift zu hinterlassen, derweil draußen, vor dem verwüsteten Terrain, auf dem die Eishalle wie ein geborstenes Schiff liegt, die ersten Spekulationen die Runde machen.

Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, in solchen Momenten zu entscheiden, was zu tun wirklich wichtig und hilfreich ist, was unnütz oder hinderlich. Jeder scheint jedem im Weg zu stehen, ortsfremde Einsatzkräfte aus München müssen sich erst zurechtfinden, Fernsehkameras und private Gaffer mit Videokameras blockieren die halb zugeschneiten Wege oder ignorieren die Absperrungen, und so gelingt es der Einsatzleitung erst allmählich, ein System zu skizzieren, nach dem gesucht werden kann. Und dann drohen gar noch die Außenwände der Halle auseinander zu brechen – was auch am Tag danach das größte Problem für die Rettungsmannschaften darstellt.

Als die Öffentlichkeit durch Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier und Landrat Georg Grabner das erste Mal informiert wird, drängt sich beim Nachfragen der Eindruck auf, dass die Katastrophe hätte verhindert werden können, wenn man frühzeitig reagiert hätte. Aber was weiß man in diesem Moment schon? Mittlerweile vermutet die Polizei, dass um 16 Uhr ungefähr 50 Personen in der Halle gewesen sein könnten. Jetzt werden schon vier Tote gemeldet. Bis Mitternacht sind es sechs, am nächsten Morgen neun: eine Frau, zwei Jugendliche, sechs Kinder. Am Mittag werden zwei weitere Tote geborgen, zwei Frauen.

Sie alle waren noch auf dem Eis, als der Hallenwart und Betriebsleiter Josef Mayer bei einer mittäglichen Routinemessungen erkannte, dass der Druck der auf dem Dach liegenden Schneemenge für die Statik gefährlich werden könne. Deshalb telefoniert Mayer mit der Stadt, die wiederum gegen 15 Uhr 30 den ersten Vorsitzenden des Eishockey-Athletik-Clubs, Thomas Rumpeltes, informiert, dass ein auf 17 Uhr angesetztes Jugendtraining entfallen müsse. Stattdessen würden die Schneemengen vom Dach abgetragen. Eine Vorsichtsmaßnahme. Rumpeltes und seine Frau starten die übliche Telefonkette. Josef Mayer fertigt ein Schild an, auf dem „Einsturzgefahr“ steht.

Der gerade stattfindende „Publikumslauf“ jedoch wird nicht abgesetzt. Gegen 16 Uhr fängt das Dach an zu knarzen. Mayer versucht, die Leute aus der Halle zu komplementieren. Doch es ist zu spät. Das Dach stürzt ein. 40 Zentimeter Neuschnee knicken die gesamte Konstruktion. „Die Messungen“, wiederholt der Oberbürgermeister noch in der Nacht immer wieder gebetsmühlenhaft, hätten die Entscheidung nicht nahe gelegt, die Halle sofort zu sperren. Und Heitmeier ergänzt mit ausdruckslosem Blick: „Dass das Dach nicht in Ordnung war, kann ich überhaupt nicht bestätigen.“

Kurz vor Mitternacht sitzt Heitmeier im Großen Sitzungssaal des Landratsamtes, in dem orange-rote Sessel Spalier stehen und die Hundeführer erschöpft auf der Treppe liegen. Das Landratsamt stammt aus derselben Bauperiode wie das Eisstadion, vom Anfang der 70er Jahre. Wo vorher eine grüne Wiese gewesen war in Bad Reichenhall, entwickelte sich entlang der Salzburger Straße eine ganze Siedlung mit kleineren Wohneinheiten, mittendrin das Stadion. Mit einem Flachdach aus Glas, in den mehr als schneereichen Bergen zwischen Schlafender Hexe, Predigtstuhl und Karlkopf. Kein Mensch käme heute mehr auf die Idee, so etwas zu bauen, und es sind nicht wenige gewesen, die bereits seit Jahren in Bad Reichenhall dazu geraten haben, den Eispalast, errichtet nach amerikanischem Vorbild, endlich aufzugeben. Als die Stadt eine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele in Erwägung zieht, ist im Gemeinderat bereits vom Abriss die Rede. Doch das Stadion bleibt. Und bleibt renovierungsbedürftig.

Michael Glos, Deutschlands Wirtschaftsminister, erzählt am Tag danach nach einem Blick auf die Trümmer, dass seine Kinder immer so gerne hier ins Stadion gegangen seien, früher. Reichenhall sei eine „so gastfreundliche Stadt“ und „verfügte immer über hervorragende Einrichtungen“. Glos hört dann einfach auf zu reden, weil es ihm die Stimme erstickt und weil er plötzlich merkt, dass man das Unglück nicht wieder wegreden kann, wie es der Oberbürgermeister und auch der Landrat versuchen. Aus Selbstschutz. Aus Hilflosigkeit. Aus Scham vielleicht. Und aus Trotz womöglich. Elf Tote. Über zwanzig schwer Verletzte.

Der Staatsanwalt aus Traunstein, der, wie in solchen Fällen üblich, wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, bittet darum, die Fragen nach „Was wäre gewesen, wenn …“ vorläufig zurückzustellen. Aber so einfach ist das nicht, denn betroffen sind, wie sich herausstellt, in den allermeisten Fällen Bewohner von Bad Reichenhall, und die wollen natürlich wissen, warum ein Eishockeytraining abgesetzt, nicht aber die Halle sofort geschlossen wird, wenn längst klar ist, dass ein anerkanntermaßen zuvor zumindest oft undichtes Dach – Heitmeier spricht von „Schwitzwasser“ – einem ungeheuren Druck ausgesetzt ist. Michael Butschek vom Wetterdienst in Salzburg erklärt am Dienstag, der feuchte Schnee sei mit einem Gewicht von 300 Kilo pro Kubikmeter extrem schwer gewesen. Insgesamt hätten zum Zeitpunkt des Einsturzes mindestens 180 Tonnen Schnee auf dem Dach gelegen.

Sabine Zehringer, am Unfalltag im Fernsehen häufig zu sehende Redakteurin des „Reichenhaller Tagblatts“, schreibt ziemlich unmissverständlich: „Die Eislauf- und Schwimmhalle ist schon lange sanierungsbedürftig. Wie weit der Allgemeinzustand zum Einsturz des Daches beigetragen hat, werden Kriminalisten und Gutachter zu klären haben.“

Der leitende Staatsanwalt Helmut Vordermayer antwortet vorauseilend am Dienstagmittag, genau an diesen Details arbeiteten seine Beamten, allerdings seien die Umstände im Moment noch denkbar schwierig, denn es schneit und schneit, und noch immer liegen da Menschen unter den Trümmern. Sind es drei, wie die Polizei vermutet? Sind es mehr? Der über Nacht ganz grau gewordene Kreisbrandrat Rudolf Zeif ist die Strecke vor dem ehemaligen Eisstadion schon zu oft wie im Fieber auf und ab gelaufen entlang der überall sichtbaren Blutspuren, als dass er darauf eine genaue Antwort brauchte. Er weiß nur, dass er weitersuchen will, bis er nicht mehr kann. „Manche retten sich in Höhlen“, sagt Zeif, das hätten ihm die Hundeführer erzählt, die mal in der Türkei nach einem Erdbeben im Suchtrupp waren. „Da kann man auch in der Kälte lange überleben.“

Aber der zweite dunkle Tag verliert nun schon wieder sein letztes kärgliches Licht. Und kurz vor 16 Uhr fällt eine Entscheidung: Die Rettungsarbeiten müssen vorläufig eingestellt werden. Die Gefahr für die Helfer ist zu groß. Es muss schwereres Gerät herbeigeschafft werden. Vier Menschen liegen da wahrscheinlich noch unter den Trümmern.

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