Zeitung Heute : Die weitverbreitete Sucht kann jeden treffen

tgr

Daniel ist ein lockerer Typ: Mit einer Vogelfeder am Hut und Goldkettchen am Hals trällert der "Lebenskünstler", wie er selbst sagt, eigene Songs zur Gitarrenmusik. "Lass das erste Glas doch einfach stehen", singt Daniel zum Beispiel. Doch der gute Vorsatz aus dem Liedtext bleibt in der Wirklichkeit unbeachtet. "Sein Alkoholismus erdrückt mich", sagt Lebensgefährtin Michaela, die zwei Kinder mit in die Beziehung brachte. Am Ende des ARD-Films "Es kann jeden treffen" (23 Uhr) sind die beiden offenbar mit ihren Kräften am Ende.

Das Autoren-Duo Elisabeth Montet und Uwe Pohlig zeigt anhand von drei Beispielen, was der Alkohol im Einzelschicksal anrichtet. Neben Daniel ist da noch Werner, ein ehemaliger Animateur und Reiseleiter auf Gran Canaria, der erst seit einem Monat "trocken" ist, und die Bankangestellte Annette, die den Absprung offenbar geschafft hat. Keine extremen Fälle also, sondern Menschen in unterschiedlichen Phasen, die sich durch ungewöhnliche Offenheit auszeichnen. "Morgens zur Flasche zu greifen, das war wie Zähneputzen", erinnert sich Werner (48). Und die 38-jährige Annette erklärt: "Ich habe getrunken, um zu vergessen, dass ich trinke." Aus der Bahn geworfen werden auch die Menschen in der engsten Umgebung. Annettes Sohn bekennt, nachdem er anfangs die Schuld bei sich selbst gesucht habe, hätte es ihm später nichts ausgemacht, wenn seine Mutter betrunken gegen einen Baum gefahren wäre. Montet und Pohlig sind seit zehn Jahren auf Filme über schwere Stoffe wie das Abschieben der eigenen Eltern ins Altersheim oder den Umgang mit Alzheimer-Kranken abonniert. Auch die Umsetzung - keine eigenen Kommentare, keine wilden Kameraschwenks - ist betont spröde: Das Interesse gilt allein den freimütig erzählenden Personen, zu denen die Autoren bewusst eine persönliche Beziehung aufbauen. "Sie sollen zu uns Vertrauen haben und bei dem Film gerne mitmachen", sagt Uwe Pohlig. Allerdings sei es schwieriger geworden, diese Menschen, etwa über Zeitungsanzeigen, zu finden. "Wir leiden bei den Recherchen unter den vielen Talkshows", erklärt Pohlig. Die einen wollen Geld ("Mit denen sprechen wir nicht"), die anderen misstrauen den Autoren, weil sie nicht in Talkshows gelockt werden möchten.

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