Zeitung Heute : Die Welt, in der Nein Ja bedeutet
Von Christine-Felice Röhrs
Die perfekte Lüge gibt es nicht. Menschen machen Fehler. Sie verstecken etwas, und dann vergessen sie, die Staubränder zu verwischen.
Mit schnellen, kleinen Schritten eilt Gabriele Kraatz-Wadsack aus ihrem Büro im Berliner Robert-Koch-Institut hinaus auf den kahlen Flur, eine schmale Blondine im dunkelblauen Anzug. Sie will zeigen, wie den Lügen auf die Spur zu kommen ist, will zeigen, wie UN-Inspekteure das tun, wenn sie im Irak nach dem Tod suchen, nach Spuren von Massenvernichtungswaffen und dabei sogar auf Staubränder achten. Sie wirft die Tür ins Schloss. Ein prüfender Blick durch die goldene Brille.
„Wie würde ein Inspekteur vorgehen, wenn er dieses Zimmer durchsuchen sollte?“ Die Antwort wartet sie nicht ab. Mit der linken Hand klatscht sie auf das nsschild neben der Tür. „Erstmal gucken wir, wer in dem Zimmer sein sollte.“ Mit der rechten öffnet sie die Tür. „Dann überprüfen wir, ob das wirklich die Person ist, die wir drinnen finden. Und dann postieren wir einen Kollegen an der Tür, damit niemand rein oder raus kann.“ Gabriele Kraatz-Wadsack betritt ihr Büro und tut, als wäre sie wieder im Irak.
26 Mal war Kraatz-Wadsack bis 1998 als UN-Waffeninspekteurin dort, acht Mal als Leiterin eines Teams. Immer hat sie nach Biowaffen gefahndet. Sie ist Tierärztin und Mikrobiologin. Es ist ihr Beruf, Bakterien, Viren oder Pilze zu erkennen, wenn sie durch ein Mikroskop schaut. Denn dies sind die biologischen Kampfstoffe: Erreger, die Leberkrebs auslösen, Hasenpest, Milzbrand oder Pocken.
In einem Büro wie diesem – wäre es im Irak – würde man die natürlich nicht finden, sagt Gabriele Kraatz-Wadsack. Aber Dokumente vielleicht. Listen von mit Milzbrand-Erregern gefüllten Bomben. Rezepte. Importpapiere. Gut versteckt, möglicherweise. Abgelegt in anders deklarierten Ordnern oder in Schränken, zu denen keiner den Schlüssel hat. „Deshalb“, sagt die Inspekteurin, „ist es wichtig, systematisch zu suchen.“ Von rechts nach links, von oben nach unten. Präzision ist Pflicht im Land der verbotenen Zonen, geheimen Paläste und verängstigten Menschen. Zu viele, die etwas zu verstecken haben. Zu viele Verstecke.
Massenvernichtungswaffen aufzuspüren, abzurüsten und aufzupassen, dass an dazu geeigneten Orten keine neuen gebaut werden – das ist die Aufgabe der Inspekteure im Irak. Etwa 5000 waren zwischen 1991 und 1998 dort. Dann, nachdem die Teams vor einer Bombardierung Bagdads abgezogen worden waren, hat Saddam Hussein sie nicht mehr hineingelassen. Erst jetzt sollen sie wieder arbeiten dürfen, vielleicht schon Mitte Oktober.
Kraatz-Wadsack ist 1995 zum ersten Mal dort gewesen, im Januar. Zwei Monate zuvor hatte das Verteidigungsministerium in München angerufen, bei der Sanitätsakademie der Bundeswehr, wo die Wissenschaftlerin arbeitete. Ob sie bereit sei für eine UN-Mission? Kraatz-Wadsack sagte zu. Drei Monate Irak, um zu helfen, einem der gefährlichsten Männer der Welt das Handwerk zu legen. Diesen Satz wird Gabriele Kraatz-Wadsack übrigens blöd finden. Leben möchte sie schützen, nicht Spionin spielen, und es ist schon komisch, dass ausgerechnet sie im Irak gelandet ist, um Waffen zu finden, die Menschen qualvoll sterben lassen – sie, die nicht Humanmedizinerin hatte werden wollen, weil ihr das zu nahe gegangen wäre.
Über das Biowaffenprogramm des Irak war damals noch wenig bekannt. Gleich am ersten Morgen waren sie ins Unbekannte aufgebrochen, nach Al Hakam, einer Hühnerfutterfabrik bei Bagdad. Jeeps mit je vier Inspekteuren, ausgerüstet mit Satellitentelefon, ABC-Schutzausrüstung, Probenentnahme-Sets, Proviant für 24 Stunden. Das Ziel war wie üblich erst am Morgen ausgegeben worden, im „silent briefing“, einem Treffen, bei dem nicht gesprochen wurde, der Wanzen wegen; der Einsatzleiter hatte den Ort mit grünem Stift auf die Tafel gekritzelt. Als die Mitglieder des Teams aus den Jeeps kletterten, sahen sie 52 Gebäude auf fast 36 Quadratkilometern Gelände, umgeben von Erdwällen, Doppelzäunen und Luftabwehrgeschützen. Hühnerfutterfabrik?
Sie gingen auf die übliche Weise vor. Einige sicherten die Tore, passten auf, dass nicht hinten rausgeschafft, was vorne gesucht wurde, dass sich keiner bewegte, schon gar nicht mit Taschen oder Kisten. Wenn UN-Inspekteure zu ihren Überraschungsbesuchen auftauchen, dann muss alles so still stehen, als wäre ein Zeitzauber verhängt worden. Verstöße werden gefilmt und an den Sicherheitsrat gemeldet.
Gabriele Kraatz-Wadsack hatte die Information erhalten, dass der Irak 42 Tonnen Eiweiß und Kohlehydrate importiert hatte – geeignet als Futter für Mikroorganismen. Einen Teil fand ihr Team in Al Hakam: 100- und 25-Liter-Fässer mit Substanzen, die aussahen wie Milchpulver. Dazu Kessel, die zu klein waren für die Hühnerfutterproduktion – Grund genug, misstrauisch zu werden.
Biowaffen herzustellen ist an sich nicht schwer, sagt die Expertin. Zur Vermehrung von Milzbrand-Bakterien zum Beispiel muss nur eine Suppe zusammengerührt werden aus Eiweiß und Kohlehydraten mit destilliertem Wasser oder Kochsalzlösung. Klar wie eine Bouillon ist die zunächst. Wenn die Bakterienstämme hineingestrichen werden und beginnen, sich zu teilen, trübt sich die Flüssigkeit, die später, nach weiterer Verarbeitung, als Aerosol versprüht werden könnte. Schwer ist bei der ganzen Angelegenheit nur, die tödliche Suppe in Massen zu kochen, ohne dass es auffällt. Deshalb die Tarnungen – in Al Hakams Fall als Hühnerfutterfabrik. Im Juni 1996 wurde sie gesprengt.
Rund 250 Einrichtungen, die immer wieder zu überprüfen waren, standen 1998 allein auf der Liste der Biowaffen-Spezialisten. Einige, weil der Irak selbst angegeben hatte, dort früher einmal Biowaffen hergestellt zu haben. Andere, weil Geheimdienste oder Überläufer darauf hingewiesen hatten, dass das dort immer noch geschah. Uni-Labore, Impfstoffproduktionen, Krankenhäuser, Molkereien und Destillerien. Immer war die Frage: Sind die Geräte in der korrekten Reihenfolge aufgebaut? Weist etwas darauf hin, dass sie für anderes genutzt werden?
Gabriele Kraatz-Wadsack springt auf, geht zum Schreibtisch und klickt in rascher Folge am Computer Dateien auf und zu. „Da“, sagt sie schließlich, „650 Seiten, auf denen der Irak über sein Biowaffenprogramm berichtet. Dazu ist er verpflichtet, laut UN-Resolution.“ Dann: „Aber das ist schon die sechste Version. Und wie jede vorher soll auch sie endlich endgültig und verbindlich sein.“
Wie Tauziehen funktionieren die UN-Missionen. Auf der einen Seite die Inspekteure, Fragen stellend. Auf der anderen ein Fabrikdirektor, zum Beispiel, der etwas weiß, aber lügt. Es gibt Menschen, die das frustrieren würde, diese Welt, in der Nein Ja bedeutet und keiner dem anderen traut. Gabriele Kraatz-Wadsack hat es akzeptiert. „Die Aufgabe ist eben, auch gegen ihren Willen alles rauszukriegen.“ Ein wenig Indiana Jones sein, ein wenig Sherlock Holmes – sie hat ein Spiel daraus gemacht, vielleicht auch, weil der Job sonst kaum durchzuhalten wäre.
Nach drei Monaten war sie k.o. Immer das Walkie-Talkie dabei, zur Sicherheit, sogar nachts neben dem Bett, und dann die Anrufe gegen zwei, drei Uhr morgens, bei denen sich keiner meldete. Schikane. Manchmal hing abends ein Hussein-Porträt im Zimmer, das morgens noch nicht da war. Hyatt-Tower hieß das Hotel. „Klingt nach fünf Sternen, oder?“, fragt Gabriele Kraatz-Wadsack. „Waren aber höchstens zwei, nee, einer. Ein Stern und viele Kakerlaken.“
RTL ist da. Die Kameraleute warten im Foyer. Es ist bestimmt schon das 20. Interview heute. Sie setzt sich auf ein braunes Sofa. Sie gibt gerne Interviews, vor allem, um diese Missionen zu verteidigen, die manche nutzlos nennen. „Wir haben nicht zu 100 Prozent herausfinden können, was im Irak passiert“, sagt sie, „das stimmt.“ Aber man diene doch auch zur Abschreckung. „Unter unseren Augen kann Saddam ja nicht viel tun.“ Ob sie weiß, wie viele Biowaffen der Irak zurzeit besitzt? Keine Ahnung, sagt sie. Denn niemand weiß, was in den vergangenen vier Jahren ohne Inspektionen geschehen ist. Aber: „Saddam Hussein kann jederzeit welche produzieren. Er hat die Experten, die Rohstoffe und die Erfahrung.“
Das Interview ist vorbei. „Sitzt mein Lippenstift noch?“, fragt Kraatz-Wadsack. Pink ist er, von Dior, und in der Wüste zu ihrem Markenzeichen geworden. Die Chefin mit ihren bemalten Lippen bei 50 Grad! Vielleicht hat sie gedacht, das sei der letzte Rest Zivilisation, wenn sie wieder einmal in verdreckten Jeans herumlief und der Weste mit den ausgebeulten Taschen für Stablampe, Pflaster und Schweizer Messer. In Al Hakams Lagerhallen hat sie jeden Kübel einzeln fotografiert, jeden gehoben, gewogen und mit dem Unscom-Sticker versehen. Inspekteur sein ist Dreckarbeit.
Dennoch: Gabriele Kraatz-Wadsack sagt, sie würde es wieder tun. Sie sitzt in ihrem kahlen Büro im Robert-Koch-Institut, an das das Verteidigungsministerium sie nach ihrer Rückkehr ausgeliehen hat, und als hätte das Detektivspielen sie süchtig gemacht, sagt sie: „Ich möchte endlich der Wahrheit auf den Grund gehen.“ Andererseits – sie verstünde, wenn es nicht ginge. „Ich bin ein alter Unscom-Hase“, sagt sie. „Die Iraker wollen keine alten Unscom-Leute mehr ins Land lassen. Wir wissen zu viel.“





