Zeitung Heute : Die Welt ist eine randlose Scheibe

McDonald`s macht jetzt Pizza und will mit seiner neuen Kette Deutschland erobern

Esther Kogelboom[München]

Man ist, was man isst. Frank Bleker isst jeden Morgen vor Dienstbeginn ein knuspriges Donatos-Sandwich mit Hähnchenbrust. Er ist der Sprecher von Donatos, einer amerikanischen Pizza-Kette, die im Dezember in München ihr erstes Restaurant außerhalb der Vereinigten Staaten eröffnet hat. Das Restaurant liegt in der Nähe des Ostbahnhofs, in der Regerstraße, einladend direkt gegenüber der Paulaner-Brauerei, und es sieht aus wie eine Kapelle aus Backsteinen. Es ist noch früh am Tag, und die Leute sitzen unter Lampen, die im Minutentakt die Lichtfarbe wechseln, an langen Tischen aus massivem, dunklen Holz. „Wenn es die Lichtverhältnisse zulassen, stellen wir auch Kerzen auf“, sagt Frank Bleker. Die Pizza, für die er wirbt, muss ohne Rand auskommen.

„Wir machen einfach die beste Pizza“, sagt er. „Edge to edge belegt mit den leckersten Toppings.“ Den Rand, erklärt er, lassen die Leute sowieso immer liegen. Der Konkurrent Pizza Hut hat deswegen einen Rand erfunden, der mit Käse gefüllt ist. Der Rand ist die große Herausforderung der Pizza-Industrie.

Als Jim Grote sich 1963 in Columbus, Ohio, ein bisschen Geld von seinem Vater lieh und damit einen Backofen kaufte, waren die natürlichen Grenzen seiner Leibspeise eher ein zweitrangiges Problem. Auch konnte er kaum ahnen, dass er 36 Jahre später ein gemachter Mann sein würde: 1999 unterschrieb er einen Vertrag mit der McDonald’s Corporation. McDonald’s verfolgt seit Ende der 90er Jahre eine „Diversifizierungsstrategie“, weil das Kerngeschäft mit den Burgern stagniert. Offiziell klingt das so: „McDonald’s investiert in viel versprechende Marken im Bereich Informal Eating Out und führt so eine Win-Win-Situation herbei“. Die 200 Donatos-Restaurants, die Jim Grote im Mittleren Westen Amerikas etabliert hatte, verleibte sich McDonald’s ein. Der Gast allerdings sollte davon nichts mitbekommen – zu ungesund ist das Image des Hamburgerkonzerns.

Und jetzt soll Deutschland edge to edge mit Donatos belegt werden: „In München wurde vor mehr als 30 Jahren das erste McDonald’s-Restaurant in Deutschland eröffnet. Das ist der Grund für den roll out von München aus. Wir können innerhalb von drei Jahren 200 Donatos-Einheiten aufbauen.“ Bedingung: Das Experiment Regerstraße verläuft erfolgreich. Was kommt da mit Frank Bleker und Jim Grote auf uns zu? In erster Linie: immer und überall identisch schmeckende und aussehende Pizzas in zwei verschiedenen Größen. Eine ist mit Peperoni belegt, eine andere heißt „Serious Meat“, es gibt eine „Founder’s Favorite“ und für die Kleinen „Little Donny“ mit Wurstaugen, es gibt verschiedene Sandwichmodelle, einen ausgeklügelten Liefer- und Abholservice sowie ein teigbeige-tomatenrotes Firmendesign mit dem Slogan: Auch verrückt nach Pizza?

Und dann kommt mit Riesenschritten: Hermann Riedl, der frisch gebackene Chef von Donatos Deutschland, ein großer Mann mit Brille und einem schnippischen Lächeln. Er behauptet von sich, er kenne den Standort jeder Kuh, von der das Fleisch auf der Pizza stammt. Er ist gelernter Koch, „Sternekoch“, und hat schon vor Jahren die Systemgastronomie mit ihren Karrierechancen für sich entdeckt. Acht Jahre hat er für Pizza Hut geschuftet, dann kam McDonald’s, jetzt Donatos. „Es macht rein privat tierischen Spaß“, sagt Riedl. „Als das Restaurant fertig war, standen wir wie die Kinder davor, wow. Wow. Wow.“

Der Spaß soll auch bei seinen Gästen nicht zu kurz kommen. Bestellungen werden über Tischtelefone aufgegeben. Damit es schneller geht und die Wartezeit lustiger ist. Auch, wenn das Restaurant voll besetzt ist, liegt eine weggeworfene Serviette höchstens 30 Sekunden auf dem Boden, bevor sie von einem strahlenden Mitarbeiter aufgehoben und weisungsgemäß dem Wertstoffkreislauf zugeführt wird.

In der Küche sitzen dicht gedrängt und in glühender Hitze unweit des patentierten Hochleistungsbackofens fünf Mitarbeiter, die die Bestellungen aufnehmen. Natürlich wurden sie wochenlang für den Job geschult. Natürlich sagen sie: Danke für Ihre Bestellung, und natürlich klingt das nicht auswendig gelernt. Schweißtröpfchen glänzen auf Nasen und Wangen. Über den Telefonisten hängt ein Plakat, auf dem steht: „Unsere Pizza sieht toll aus. Sie auch?“ Sechs bis sieben Euro bekommen die Pizza-Arbeiter die Stunde, auch der, der die 100 Scheiben Peperoni-Salami nachzählen muss, die auf eine „Pepperoni Large“ kommen.

Wer schlechte Laune hat, „der kommt nach hinten, in die Küche“, sagt Riedl und hält einen druckreifen Kurzvortrag über die große Verantwortung für das Personal, das einen gepflegten Haarschnitt tragen muss. Er hebt ein Stückchen Pizza zum Mund, betrachtet es zufrieden und beißt hinein, als wäre eine Kamera auf ihn gerichtet. In den Toilettenräumen, den „Waschräumen“, wie Riedl sagt, läuft Meditationsmusik vom Endlosband – wie in der Küche „die beste Pizza nach menschlichem Ermessen“.

Bleker und Riedl sind ein perfekt aufeinander eingespieltes Team, sie machen einander die Sätze komplett, wenn der jeweils andere nicht weiter weiß. Zwei Pizza-Missionare in ihrer Donatos-Kapelle, deren Gemeinde von Tag zu Tag wächst. Sie sind unerschütterlich im Glauben an ihr Produkt. Sie bestellen ein paar unterschiedliche Pizzas, zum Probieren. Und schließlich offenbart sich auch noch Riedls komödiantisches Talent. „Keine Sorge“, sagt er und lacht aus vollem Herzen. „Was wir nicht schaffen, essen die in der Küche.“ Frank Bleker muss aufpassen, dass er sein Sandwich nicht in den falschen Hals bekommt.

Donatos kommt aus dem Lateinischen, von donare – geben. Hermann Riedl gibt München ganz bald noch zwei weitere Donatos-Einheiten. Ein Pick-up-Schalter für den Frankfurter Flughafen ist auch in Planung. Riedl wischt sich den Mund ab, zwinkert seinem Sprecher zu und streicht sich über den Bauch. Er seufzt. „Ah, das war gut. Wissen Sie, jeder Gast soll unsere Pizza mit der seines Lieblingsitalieners vergleichen.“ – „Aber ist die Pizza überhaupt nach italienischem Rezept?“ – „Die Wahrheit ist, sie ist weder italienisch, noch amerikanisch.“ Riedl macht eine Kunstpause und guckt wie ein Goldmedaillengewinner bei der Siegerehrung: „Sie ist Donatos. Und sie wird von Menschen zubereitet, die nichts als Pizza, Pizza und nochmals Pizza im Kopf haben.“ Die Welt, eine randlose Scheibe.

Dann sagt Frank Bleker, Jim Grote, der Erfinder des Produkts, sei extra zur Eröffnung des ersten Restaurants nach München gekommen und habe sich schwer beeindruckt, zutiefst gerührt, gezeigt. Für den alten Grote jedenfalls war die Reise um den Globus wie nach Hause kommen. Seine Eltern sollen deutsche Einwanderer gewesen sein.

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