Zeitung Heute : Die Wende-Theorie

Der Tagesspiegel

Von Robert Birnbaum und Antje Sirleschtov

Der ernste Mann für ernste Zeiten braucht ein bisschen, bis er das Lächeln einschaltet, aber dann ist es von Dauer. „Sie sehen mich natürlich auch in einer aufgeräumten Stimmung“, sagt Edmund Stoiber. Das ist eine milde Untertreibung. Erst dieses Traumergebnis in Sachsen-Anhalt, und dann ein Gerhard Schröder, der sich unsichtbar macht! Der Kanzlerkandidat hält sich ja noch vornehm zurück: „Das ist für einen Medienkanzler ein Novum“, merkt Stoiber nur maliziös an. Für den derben Spott ist diesmal CDU-Chefin Angela Merkel zuständig: „Versprochen, gebrochen, verkrochen!“ Besser hätte es gar nicht kommen können für die Union. Es ist ja nicht allein die Höhe des CDU-Triumphs in Magdeburg, es sind viel mehr noch die Umstände, die dem Herausforderer Auftrieb geben. Allein schon, dass die Bündnis-Strategie der SPD mit der PDS ins Wanken geraten ist. Damit werden für die CDU plötzlich im Osten Machtperspektiven jenseits absoluter Mehrheiten sichtbar. „Der rote Osten ist passé“, frohlockt ein CDU-Vorständler.

Auch sonst passt alles prächtig. Gewonnen hat nicht ein Strahlemann, sondern der grundsolide, etwas trockene Wolfgang Böhmer. Der sei ja vom Typ her „in der Tendenz wie Stoiber“, sagt ein Christdemokrat. Und regieren wird Sachsen-Anhalt aller Voraussicht nach genau das Bündnis, das auch der Bayer im Bund favorisiert. Böhmer hat in den CDU-Spitzengremien unumwunden klar gemacht, dass er auf eine Koalition mit den Liberalen setzt. Mit der geschlagenen SPD werde er natürlich auch reden, zitieren ihn Teilnehmer – aber nur, damit die FDP nicht übermütig werde.

Immer schön eigenständig

Die Gefahr besteht ja in der Tat, was am Montag in der FDP-Zentrale recht gut zu besichtigen ist. „Wir sind eine Partei für das ganze Volk“, sagt ein strahlender Parteichef Guido Westerwelle, und die Spitzenkandidatin Cornelia Pieper rechnet schon mal für die Bundestagswahl hoch: „18 Prozent sind nicht mehr weit entfernt von 13,3 Prozent.“ Freilich sieht das Duo auch die Gefahren, die in Magdeburg lauern. Mit Missfallen haben sie im Thomas-Dehler-Haus die Union vom „Bürgerblock“ reden hören. Denn wenn es im Bund so gut ausgehen soll wie in Sachsen-Anhalt, dann müssen Wähler aus beiden Lagern zu den Liberalen finden – von der Union wie von der SPD. „Wir bleiben eine eigenständige Partei“, betont denn auch Westerwelle: „Ob Schwarz-Gelb oder Rot-Gelb, beides ist besser als Rot-Grün.“ Und damit das mit der Eigenständigkeit auch jeder glaubt, liebäugelt der FDP-Chef inzwischen sogar wieder mit einer Wahlkampf-Idee, die er selbst noch vor Jahresfrist strikt abgelehnt hatte. Gut möglich, dass die FDP doch einen eigenen „Kanzlerkandidaten“ ausruft – nur dass der dann nicht Möllemann heißen wird, sondern Westerwelle. „Ich denke neu darüber nach“, sagt der FDP-Chef.

Der andere Kanzlerkandidat kann auch darüber nur lächeln. Lächeln freilich – nicht mehr. Bei der Union herrsche „keine Siegeseuphorie“, versichert Stoiber. Auch auf die Formel „Testwahl“ mag er sich nicht einlassen: „Es ist ein deutliches Signal“, lautet die Sprachregelung, an die sich alle in der Unionsspitze halten. Bloß nicht übermütig werden, bloß nicht den Eindruck erwecken, die Wahl im Herbst sei jetzt ohnehin gelaufen. Ein bisschen Spannung muss bleiben für die Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft. Aber in Wahrheit sind Stoiber und die Seinen auf einmal sehr, sehr zuversichtlich, dass diese wenigen Tage im April das Blatt für den 22. September schon entscheidend gewendet haben könnten. Das dürfte jetzt, sagt einer der Stoiber-Berater, für den Kandidaten ein „selbsttragender Aufschwung“ werden.

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