Zeitung Heute : „Die wichtigsten Tage im Jahr“

Welche Erfahrungen die Einzelhändler bislang gemacht haben und was die neuen Teilnehmer erwarten

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Die spannende Frage für uns ist die Motivation der Besucher“, sagt Geschäftsführer Volker Pesarese von Wertheim am Kurfürstendamm: „Wollen die Leute feiern oder shoppen?“ Das Kaufhaus beteiligt sich zum ersten Mal an der Langen Nacht des Shoppings. Nach den Erfahrungen anderer Händler ist es gerade die Mischung aus Spätverkauf und Party, die den Erfolg der bisherigen vier Aktionen erst ermöglicht hat. „Es sind die wichtigsten Einkaufstage im Jahr“, urteilt Gregor Eßer von Karstadt Sport im Neuen KranzlerEck. Seit der Eröffnung 1996 habe man noch nie so hohe Umsätze gemacht wie während der Veranstaltungen.

Angesichts der immer stärkeren Krise im Einzelhandel klingen solche Erfolgsmeldungen besonders außergewöhnlich. Nach Auskunft der Senatswirtschaftsverwaltung sank der Umsatz der Berliner Geschäfte in den ersten acht Monaten dieses Jahres um durchschnittlich sieben Prozent gegenüber dem selben Vorjahreszeitraum. In ganz Deutschland lag der Rückgang laut Statistischem Bundesamt bei 2,5 Prozent.

Außer Wertheim ist auch der Pro Markt im Kurfürstendamm-Karree neu im Kreis der an der Einkaufsnacht beteiligten Geschäfte. Bisher konnte der Elektronikfachmarkt nicht mitmachen, weil die Festmeile ein paar hundert Meter entfernt lag und damit keine Grundlage für die Sondergenehmigung existierte. Jetzt aber wird es eine Bühne in den Geschäftsräumen und eine weitere davor geben. Das „Erlebnis“ für die Gäste sei unverzichtbar, meint Andreas Wolf vom Pro Markt. Mit normalen „langen Sonnabenden“, an denen alle Läden bis 20 Uhr öffnen dürfen, habe man „relativ schlechte Erfahrungen gemacht“. Ohne zusätzliche Anreize sei es schwer, Kunden in den Bereich zwischen Uhland- und Knesebeckstraße zu locken. Dafür sei man „zu weit weg vom Zentrum“ des Boulevards.

Dass sich die Lange Nacht des Shoppings für Händler lohnt, bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass alle sofort Profit erzielen. So beteiligen sich einige der Geschäfte im Design-Center stilwerk an der Kantstraße mehr „aus Werbegründen“, wie die Verkäuferin Anita Pauli von der Leonardo-Niederlassung berichtet. Obwohl der Publikumsandrang deutlich höher als üblich sei und „auch mehr Ramsch und Restposten“ gekauft würden, bleibe der Tagesumsatz im normalen Rahmen. Weil das Personal nach 20 Uhr tarifliche Lohnzuschläge erhalte, „rentiert es sich noch nicht“. Dafür könne man auf längere Sicht neue Kunden gewinnen.

Ähnlich sieht es eine Mitarbeiterin des Flötotto-Geschäfts im stilwerk: „Es macht sich in den Tagen danach bemerkbar.“ Und auch Janine Thorwirth, die eine Etage höher bei „Tobias Grau Leuchtdesign“ verkauft, stimmt zu: „Wir machen das, um bekannt zu werden. Viele Leute kamen wieder.“ Generell meint sie zum Ladenschluss: „Man sollte es den Kunden überlassen.“ Für das Leuchtdesign-Geschäft würde sich eine allgemeine Ausdehnung der Öffnungszeiten aber wohl „höchstens bis 21 Uhr“ lohnen.

An einem gewöhnlichen Sonnabend kommen 5000 bis 5500 Besucher in der Zeit bis 16 Uhr ins stilwerk. Dank einer Zählanlage hat Center-Manager Klaus Gennrich auch die Vergleichzahl der vorigen Langen Nacht des Shoppings im Frühjahr parat: Zwischen 10 und 24 Uhr lockten die Geschäfte und das Musikprogramm dort mehr als 14 000 Menschen in das Design-Center.

In das Neue Kranzler-Eck am Kurfürstendamm kamen damals rund 50 000 Kunden und Flaneure innerhalb von acht Stunden. Die Zahl lag dort ebenfalls deutlich höher als an normalen Einkaufstagen, an denen 7000 bis 14 000 Besucher gezählt werden. Yvonne Rose vom Center-Management nimmt an, dass man diesmal wegen der kühleren Witterung etwas weniger Gäste haben wird. Andererseits gebe es mehr Attraktionen, nämlich außer Musik zum Beispiel auch einen „Fantasievogel-Wettbewerb“ für Kinder.

„Die Leute sind entspannter und genießen es mehr, sich umzusehen“, hat Store Manager Redouan Krösing von Niketown an der Tauentzienstraße beobachtet. Das Sportkaufhaus gehörte vor zwei Jahren zu den Mitbegründern der Langen Nacht des Shoppings. Allein zwischen 20 und 24 Uhr seien bei der vorigen Veranstaltung im Frühjahr so viele Besucher gekommen wie sonst zwischen 10 und 20 Uhr an einem der stadtweiten „langen Sonnabende“ im November, sagt Krösing. Schon beim ersten Mal habe man ein 97-prozentiges Umsatzplus erzielt, und die Kundenzahl steige kontinuierlich. Dennoch falle dies im Gesamtergebnis eines Jahres „nicht ins Gewicht“. Niketown investiere sogar in die Lange Nacht des Shoppings, statt daran zu verdienen. Krösing sieht darin einen „bescheidenen Beitrag, den Ku’damm attraktiver zu machen“. Zu den Höhepunkten des hauseigenen Programms gehören immer wieder die Auftritte von Sportstars. CD

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