Zeitung Heute : Die Winkel der Erde

MARTIN HAGER

Eine Anthologie aus 20 Jahren GEOVON MARTIN HAGER

Frühstück in Timbuktu.Abenteuerliche Geschichten aus 20 Jahren GEO.Hoffmann und Campe.Hamburg 1996.351 Seiten.39,80 Mark. Reportagen haben zwei Stützpfeiler: den Erzähler und sein Thema.Welcher Pfeiler die Hauptlast trägt, ist von Fall zu Fall verschieden.Vom selbstinszenatorischen Ich-Erzähler, dessen Tun und Denken Mittelpunkt der Geschichte ist, bis zum Erzähler in der dritten Person, der seine Existenz quasi negiert und damit Objektivität schlechthin suggeriert, ist alles möglich.Diese ganze Bandbreite wird in "Frühstück in Timbuktu" abgedeckt und macht die Qualität dieser Anthologie aus. Beispielsweise der gleichzeitig sensible wie abgebrühte Andreas Altmann, der sich immer mit denen verbrüdert, denen es am schlechtesten geht, seien es die Tagelöhner in El Salvador, seien es die Crackheads in New York.Altmann bringt sich in seine Stories ein, aber er tut das mit der nötigen Sebstironie: "Ich wohne im Barrio Las Flores.Eine feine Adresse.Die Tür klemmt, ein Schwein will rein, grüne Jauche fließt vorbei." Ganz anders der Biologe Jürgen Neffe, der von den grausamen Entstellungen von Brandopfern berichtet, die in die Verbrennungsabteilung eines amerikanischen Krankenhauses eingeliefert werden.Er tritt selbst als Erzähler gar nicht in Erscheinung und schafft so gleichzeitig den Eindruck von Unvermitteltheit und von Objektivität.Plastische Beschreibungen und treffend plazierte Zitate - Aussage eines leitenden Arztes: "Wir produzieren Monster" - tun ein übriges, der Reportage ein Höchstmaß an Eindringlichkeit zu verleihen.Lesevergnügen in dem Sinn bietet Neffe nicht, aber das muß ja nicht der einzige Anreiz zur Lektüre sein. Sogar einen Erzähler in der zweiten Person - was in der Literatur höchst selten ist - hat die Anthologie zu bieten.Klaus Imbeck fährt nach Guyana zu den Goldsuchern.Wie es dort ist, beschreibt er folgendermaßen: "Der Regen trommelte auf die Wellblechdächer und grub tiefe Rinnen in den Sand, und du gingst mit den Männern in den Laden, um ein Viertelflasche Whisky zu trinken." Reportagen sind Reiseberichte.Der Reporter fährt an einen bestimmten Ort, recherchiert und kehrt dann mit einer Geschichte nach Hause zurück.Wie weit der einzelne reist, ist dabei ganz egal.Es mag zu den letzten unerforschten Winkeln der Erde sein, nach Neuguinea, oder zum nächsten Supermarkt um die Ecke.Beides kann sich als höchst erstaunliche Erfahrung herausstellen: Wenn zum Beispiel die auf Baumhäusern lebenden Korowai in ihrem Verhalten gar nicht so exotisch sind, wie wir annehmen - außer vielleicht, daß sie Menschen fressen -, oder führende Supermarktstrategen Konzepte wie das Warenbündelungsgruppenfarbenleitsystem entwickeln, das so absonderlich ist wie es klingt. Wer besonders geschickt ist, der vermag sogar, neben der räumlichen auch in der zeitlichen Dimension zu reisen.Wolf Schneider reiste 112 Jahre in die Vergangenheit und 18 000 Kilometer in die Ferne zu einem Ausbruch des Vulkans Krakatau nach Sumatra. Diese Geschichten - und viele andere mehr - finden sich in der im Verlag Hoffmann und Campe erschienenen Anthologie.Ein weiterer Beweis dafür, daß Journalismus und Literatur nicht zwei sich ausschließende Begriffe sind.

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