Zeitung Heute : Die Wirklichkeit überholt die Kritik

PETER HERBSTREUTH

Neueröffnung des Video-Cafés im Künstlerhaus Bethanien mit Arbeiten von Dara BirnbaumPETER HERBSTREUTHDie Stärke des Künstlerhauses Bethanien gegenüber anderen Institutionen liegt weniger in der Präsentation von Ausstellungen als in der Förderung der Produktion künstlerischer Arbeit.Es handelt sich eher um eine Fabrik als um eine Galerie.Und da eine Flut von Künstlervideos bereits Eingang in Museen fand, war es höchste Zeit, dieser Sparte einen festen Platz im Hause zu geben.Das neue "Videocafe¿" ist noch nicht komplett.Aber der Raum ist benannt und wird ab jetzt dauerhaft bespielt.Besucher werden bei Kaffee und Häppchen in die Monitore schauen können.Ein Videoraum solcher Art schließt Video-Installationen nicht aus, begünstigt allerdings den starren Blick auf den Bildschirm. Nach der technisch perfekten, künstlerisch leider dürftigen Vorstellung von sieben Videos des Künstlerduos Biefer/Zgraggen werden nun elf Kurzfilme der New Yorkerin Dara Birnbaum gezeigt.Sie befaßt sich bereits seit den siebziger Jahren mit diesem Medium und eröffnet gleichsam das Videocafé.Ihre Arbeit lenkt die Aufmerksamkeit auch auf das Interieur.Denn ein Videocafé ist keine Kuschelecke, sondern ein Kraftfeld von Bildquellen. Nach einem Architektur- und Kunststudium in Kalifornien ging Dara Birnbaum 1975 nach Florenz.Als sie dort in einem Hinterzimmer einer Galerie zufällig Videos von Vito Acconci, Dan Graham und Dennis Oppenheim sah, wurde ihr bewußt, was sie zu tun hatte.Daß das Fernsehen als Medium nicht immer schon da und naturgegeben ist, sondern daß man die Bilder selber machen kann, traf sie wie ein Schock.Sie reiste nach New York und begann, mit dem neuen Medium zu experimentieren.Im Unterschied zu den meisten der damals noch kleinen Gruppe von Videokünstlern orientierte sie sich nicht an der Sprache des Films, sondern - ähnlich wie Nam June Paik - an der Sprache des Fernsehens.Diese Vorentscheidung legte es nahe, die Bilder nicht absolut zu setzen, sondern als raumbezogene Bildquellen anzuordnen.Es ging ihr nicht nur um den Film als solchen, sondern auch um die Plazierung der Monitoren im Raum und die Darstellung gleichzeitiger Ereignisse. Wie Cindy Sherman und Sherrie Levine konzentrierte sie sich auf Bildern der Massenmedien.Aber im Gegensatz zu diesen verwandelte sie die angeeigneten Bilder nicht, sondern kompilierte Zitate und montierte aus Fernsehbildern, Rocksongs und Dokumenten einen neuen Zusammenhang.Da es damals keine billigen Videorecorder gab, klaute sie die Bänder aus den Studios.Sie brauchte authentisches Material und fühlte sich als Pirat.Für Birnbaum war nicht das Medium die Botschaft, sondern die formale Anordnung der Bild-, Text- und Musiksequenzen.Sie wollte das Medium in den Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten widerlegen und rechnete mit dessen Beständen. "Aber gleichzeitig", sagte sie anläßlich einer Retrospektive ihres Werks in Schweden vor zwei Jahren, "war ich so sehr Teil der Gesellschaft, daß ich sie nicht in Frage stellte.Es ging nur darum, zu wissen, wie es läuft.Manche wollten damals den Kult um bestimmte Bilder zerstören.Warhols Mao-Serie tauchte beispielsweise gerade in dem Moment auf, als der Maoismus verschwand." Das Politische der Bilder, ihr Stellenwert innerhalb der Öffentlichkeit und ihre schwer zu bestimmende verhaltensleitende Macht motivierten Birnbaums Filme so lange, bis die weltweite Fernsehübertragung des Golfkriegs eine Zäsur setzte.Darauf reagierte sie nicht mit einem Film, sondern mit einem Buch.Das Medium war bis zum Äußersten gegangen, Fiktion und Dokument ununterscheidbar geworden. Das Künstlerhaus Bethanien würdigt nun das ästhetische Engagement dieser Künstlerin mit Filmen von 1978 bis 1990 - und macht die Zeit sichtbar, als Videokünstler noch glaubten, man könne mit ausgefeilten Montagen eine Gegenöffentlichkeit für subversive Sendungen herstellen, die die Praxis der Nachrichtensendungen kritisieren.Die Präsentation verdeutlicht das Dilema von gesellschafts- und medienkritischen Künstlern.Ihre Arbeit ist eine Korrektur der medialen Erzählung der Welt, wird aber fast nur von jenen wahrgenommen, die dem Medium ohnehin skeptisch gegenüberstehen.Die Skeptiker werden bestätigt; ansonsten geht alles seinen Gang.Deshalb ist ein Videocafé, in dem es nicht nur um Filme, sondern auch um das Gespräch darüber geht, für ein Künstlerhaus als Stätte der Produktion bedeutsam. Birnbaums Videos reagieren auf die Informationsrealität amerikanischer Sender: kurze Schnitte, ein Stakkato aus Fakten, Zitaten, Werbeclips sowie die durchgehende Tendenz, Gegenwart durch Kommentar und Erzählung zu historisieren.Aktuelle Ereignisse erscheinen im Kleide des bereits Geschehenen.Birnbaum zeigt demgegenüber Geschichte nicht als Geschehen, sondern als Konstruktion.Aber sie entkommt nicht der Fatalität, daß die Geschichte der Bilder, die sie kritisiert, ihre Wirkung bereits getan haben.So gewinnen ihre Werke den Status von pièces de resistance en detail .Insgesamt ist das Fernsehen nicht mehr kritisierbar.Man kann höchstens seinen Blick abwenden.Es erzählt die Ereignisse der Welt als habe sie sie im Griff.Birnbaum antwortet mit Bildgeschichten, bei denen man sich beständig fragt, aus welcher Perspektive erzählt wird und welcher Adresse die Bilder dienen. Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 14.September; Mittwoch bis Sonntag, 14 - 19 Uhr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar