Zeitung Heute : Die Wirtschaft im Haus

Andrea Dernbach

Beim Familiengipfel im Kanzleramt trafen sich Spitzenvertreter von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften. Was unternimmt die Wirtschaft, damit Familie und Beruf besser miteinander vereinbar werden?


Wo einst „Gedöns“ war, ist jetzt Chef-, nein, Chefinnensache: Am Montag empfing die Kanzlerin die Impulsgruppe „Allianz für Familie“ höchstselbst zum Spitzengespräch. Das Bündnis ist eine Erfindung der rot-grünen Regierung, deren Chef Schröder im Wahlkampf 1998 noch mit dem despektierlichen G-Wort das Zuständigkeitsgebiet seiner späteren Familienministerin umrissen hatte: Seit 2003 sammelt die „Allianz“ gute Ideen dafür, wie sich Arbeit und Familienleben besser zusammenbringen lassen und versucht, ihnen auf dem Weg in die Wirklichkeit zu helfen. Neben Politikern sind die Spitzenverbände der Wirtschaft dabei, Gewerkschaften, Stiftungen, Unternehmer und Wissenschaftler. Und die waren sich in einer gemeinsamen Erklärung gestern einig: „Deutschland braucht eine familienbewusste Arbeitswelt“. Dafür sollen demnächst 150 Millionen Euro aus dem EU-Sozialfonds lockergemacht werden, um kleinen und mittleren Betrieben zu helfen, wenn sie etwas für die Betreuung des Firmennachwuchses tun wollen. Und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat jetzt ein „Netzwerkbüro“ eingerichtet, um Familieninitiativen zu koordinieren.

Warum Deutschlands Wirtschaft mehr Familiensinn braucht, sagen die Zahlen: Durch den Geburtenrückgang werden ihr bis 2040 ein Drittel weniger mögliche Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Und wie eh und je kommen die, die die so dringend erwünschten Kinder überhaupt noch kriegen, dem Arbeitsmarkt in dramatischer Zahl abhanden: 22 Prozent der Frauen in Ostdeutschland und sogar mehr als 40 Prozent der westdeutschen Frauen kehren nach drei Jahren Elternzeit nicht an ihre Arbeitsplätze zurück, obwohl die große Mehrheit gerne wieder arbeiten würde. Wenn diese Frauen – und die Väter dieser Kinder – mehr Kitas und Kindergärten zur Verfügung hätten und es flexiblere Arbeitszeiten gäbe, dann würden sie sich nicht nur lieber für Kinder entscheiden. Die Allianz verweist auch auf Chancen für die Wirtschaft: Deren Leistung, Wettbewerbsfähigkeit und die Binnennachfrage stiegen, es gäbe mehr Arbeit, weniger Lohnnebenkosten und die Sozialversicherung würde sparen.

Genügend gute Gründe für den Fortschritt. Doch der ist, glaubt man der Arbeitsforscherin Ingrid Kurz-Scherf, in Wirklichkeit leider keine Schnecke, sondern ein Krebs. Es gebe zwar durchaus familienfreundliche Betriebe, sagt die Marburger Politikprofessorin, „aber der großen Linie nach entwickelt sich die Erwerbsarbeitswelt stärker weg von diesem Leitbild als darauf zu“. Von Männern wie Frauen würde heute noch stärker eine 24-Stunden-Hingabe an den Beruf gefordert als früher; wer nicht mitziehe, werde in die Teilzeit gedrängt und die sei ein „Karrierekiller“.

Natürlich sei ein anderes Arbeiten sachlich möglich und auch geboten: „Ich glaube nicht, dass man von jemandem, der nie etwas anderes als Bilanzen liest, verantwortliche Entscheidungen erwarten kann“, sagt Kurz-Scherf. Aber das klassische Modell stecke noch immer „tief in den Köpfen“, vor allem derer, die die Macht hätten, es zu überwinden, der Personalchefs, Unternehmer, Abteilungsleiter. „Seit Jahren fahren Arbeitgeber und ihnen verbundene Wissenschaftler aufwändige Kampagnen zur Verlängerung der Arbeitszeit. Das ist aber strukturell unvereinbar mit einem erfüllten Leben.“ Wer sich gleichzeitig zur Familie bekenne, dem glaube sie „kein Wort“.

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