Zeitung Heute : Die Wissenschaft des Couponwesens

Von Elisabeth Binder

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Als ich klein war, fanden sich gelegentlich Kindergesellschaften zusammen, die ihr Taschengeld aufbesserten, indem sie Rabattmarkenhefte voll klebten. Zu den großen Segnungen des Älterwerdens habe ich immer den Umstand gezählt, dass die Möglichkeiten, sich Geld zu verdienen, zahlreicher und abwechslungsreicher wurden.

Gelegentlich allerdings habe ich mich ein bisschen gegruselt, wenn ich bei amerikanischen Freunden in der Küche saß. Die hatten nicht nur Marken, sondern auch Coupons aller Sorten und Größen, die ihre Sonntagszeitungen dick und fett machten. Die Mutter einer Freundin gab zu meinem allergrößten Entsetzen einmal unumwunden zu, dass sie sich die Zeitung nicht wegen der vorzüglichen Meinungsbeiträge und der einfühlsamen Reportagen kaufte, sondern schlicht, um Geld zu sparen. Das System erschien mir freilich so ausgeklügelt, dass man mit dem Zeitaufwand, den es braucht, um etwa in einem Haushaltsladen in der Zeit vom 19. bis zum 30. August zehn Prozent beim Erwerb eines Suppentopfes mit zwei Henkeln zu sparen, lässig auch vom Tellerwäscher zum Millionär werden könnte. Dass man sogar noch mehr sparen würde, wenn man den Coupon gar nicht hätte, weil man ja im August sowieso am liebsten Salate isst und normalerweise nicht im Traum drauf käme, Suppentöpfe zu kaufen.

Langsam breitet sich das Couponwesen hier ebenfalls aus, erste Gutscheine wurden auch in dieser Zeitung gesichtet, und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Sie sich die Lektüre dieser und anderer Glossen sparen und stattdessen lieber auf die Pirsch nach weiteren Sparmöglichkeiten begeben.

Damit ist das Ende jener Ära erreicht, als man noch einfach so mal losbummeln konnte auf der Suche nach Sonderangeboten. Jetzt wird der Sonntag mehr und mehr zum Coupon-Sortier-Tag. Zehn Prozent extra auf Bettwäsche, aber nur auf geriffelte mit Rosenmuster in der Filiale draußen in der Pampa oder fünf Prozent auf Herrenanzüge mit Karo. Sogar das KaDeWe macht mit und verschickt Coupons an Kundenkartenbesitzer. Immerhin sind die Verkäuferinnen dort als netterweise Nachhilfelehrerinnen tätig. Haben Sie einen Coupon?, fragen sie. Und man schiebt hilflos wie eine halbblinde Oma alles, was man an Papierkram ins Portemonnaie gestopft hat, rüber. „Suchen Sie sich was aus.“ „Nun ja, diese Bluse ist nicht so teuer, wollen Sie wirklich Ihren Zehn-Prozent-Gutschein dafür schon verwenden? Oder könnte es sein, dass Sie in den nächsten zehn Tagen noch etwas Teureres kaufen, dann würde es sich nämlich eher lohnen…“

Eine Wissenschaft! Und eine, die genaue Lebensplanung verlangt, sowie die Gleichzeitigkeit von äußerster Planungsdisziplin (diesen Coupon hebe ich mir für die und die Anschaffung auf) und höchster Verführbarkeit (unbedingt und auf der Stelle brauche ich diesen supergünstigen Suppentopf !) bewältigen muss. So findet der Sonntag im Spannungsfeld der Konsumvorbereitungen ein neues dankbares Tätigkeitsfeld. Es ist ja vergleichsweise einfach, ein Auto zu reparieren oder ein Kreuzworträtsel zu lösen. Einkaufspläne zu erstellen in Zeiten des Coupon-Wesens ist eine Beschäftigung, die jeden Sonntag von morgens bis abends satt ausfüllen könnte. Was für traurige Aussichten.

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