Zeitung Heute : Die Wolldecke sagt: Danke, Rauchverbot!

Neues Gesetz, neues Image: Wie ein Accessoire plötzlich schick wurde.

Susanne Kippenberger

Nie hatten wir sie so nötig wie jetzt. Jahrzehntelang als altmodisch verpönt, liegt die Wolldecke plötzlich in den Straßencafés von Kreuzberg und Prenzlauer Berg: ordentlich gefaltete bunte Tupfer im grauen Winter. Dem Rauchverbot sei Dank. Wobei wir Anfang des Jahres, als das Verbot in Kraft trat, nicht mal ahnten, was uns an dessen Ende blühen würde. Jetzt brauchen wir die Kuscheldecke erst recht.

Dass die Wolldecke – in den Cafés meist nicht aus Wolle, sondern aus wetterfesterem Fleece – praktisch ist, hat noch nie jemand bestritten: ein mobiles Möbelstück, das sich mit leichter Hand überall hintragen lässt, ein flexibles Kleidungsstück, das sich jedem Körper anpasst. Sie hilft Heizkosten sparen, Feuer löschen und ist umweltfreundlich, was man vom Heizpilz nicht behaupten kann. Allein am Image hat’s gehapert. Wolldecken waren was für alte Omas und kleine Babys. Für Weltkriegsveteranen, Tuberkulosekranke und Couchpotatoes. Wir kannten sie als kratzige, schlammfarbene Exemplare aus Jugendherbergen und Liegewagen – Sechserabteil –, unter denen schon Hunderte wildfremder Menschen gelegen hatten. Wolldecken haben’s ja in sich, ähnlich wie Teppiche: Sie sehen so unschuldig aus, sind in Wirklichkeit aber schmutzig durch und durch, bevölkert von Millionen wimmelnder Lebewesen.

Fürs Interieur wurden Wolldecken schon vor einiger Zeit entdeckt, elegant liegen sie in den Wohnzimmern der Hochglanzzeitschriften. Auffällig allerdings ist, dass sie auf den Fotos immer nur als Dekorationsstücke gezeigt werden, nie im menschlichen Gebrauch. Denn seien wir ehrlich: Eingewickelt in eine Wolldecke, ist es schwer, verführerisch auszusehen. Und das in der Öffentlichkeit des Straßencafés! Man kann höchstens verschiedene Legarten aus probieren, sie um die Schultern wie ein Tuch schlagen, allein den Unterkörper fest einwickeln oder sie als Ganzkörperverpackung nutzen. Dann sieht man allerdings wie ein Eskimobaby aus.

Aber das scheint junge Großstädter nicht zu stören. Die Renaissance der Wolldecke ist ohnehin nur eine konsequente Weiterentwicklung, die mit der Wohnzimmerisierung der Kneipen anfing und dem Nichterwachsenwerdenwollen der 30-Jährigen, die an ihren Vitell-Flaschen nuckeln wie Linus in den „Peanuts“ an seinem Daumen. Linus, der sich immer an seiner Kuscheldecke festhält.

In jeder Krise liegt eine Chance: An diese Weisheit klammern wir uns in Zeiten wie diesen wie an die Wolldecke – die der beste Beweis dafür ist, dass sie stimmt. Und wenn sie dann gestorben ist, so steht sie wieder auf: so wie die kratzige Schweizer Militärdecke, die längst ausrangiert war, als ein cleverer Designer auf die Idee kam, sie zum modischen Accessoire umzufunktionieren. Nun läuft sie als edle Umhängetasche durch Europa.

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