Zeitung Heute : Die Wunden der Kriegerin

Als Kind ist sie durch Kurdistan geritten, in die Berge zu ihrem Vater, dem Partisanen. Als Frau ist sie aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Hier hat Aras Marouf gekämpft – für den Krieg. Doch mit den Bomben kamen die Zweifel, weil nun die Welt zerstört wird, in die sie zurück will.

Stefanie Flamm

Nachdem sie diese Rede gehalten hatte, war Aras Marouf eine begehrte Frau. Sie saß auf Podien, gab Interviews, stritt im Fernsehen mit Wolfgang Schäuble für den Krieg im Irak. Und wer sie gesehen hat, in Saarbrücken, Baden-Baden oder Berlin, wie sie mit fliegenden Haaren und glühenden Augen den „Friedensfreunden“ ins Gewissen redete, konnte sich durchaus fragen, warum George W. Bush diese schöne, ungestüme Kurdin noch nicht zu seiner Pressesprecherin ernannt hatte. Sie behielt nicht nur immer das letzte Wort, sie war in jeder nur denkbaren Hinsicht eine Herausforderung für die selbstgewisse deutsche Friedensbewegung: Allein erziehende Mutter, links engagiert und im saarländischen Sozialministerium für die Integration der Ausländer zuständig, hatte sie, alle Denkverbote und Milieuschranken tapfer ignorierend, mit den Falken im Pentagon ein Zweckbündnis gegen Saddam Hussein geschlossen.

Aras Maroufs Geschichte ist eine Geschichte großer Hoffnungen und großer Zweifel. Die Geschichte einer Kurdin, die seit 22 Jahren davon träumt, in einen friedlichen, freien Irak zurückzukehren. Aber auch die Geschichte einer Deutschen, die nicht weiß, ob sie diese Welt ertragen wird, in der Tradition, Religion und die Folgen von 30 Jahren Terror allgegenwärtig sind. Und es ist die Geschichte einer irakisch-deutschen Feministin, die dennoch gleich nach Ende des Krieges in ihre Heimat zurückgehen will, um dafür zu kämpfen, dass die Irakerinnen, arabische und kurdische, irgendwann die „Freiheit genießen, die ich hier habe“.

„Wer aus taktischen Gründen noch zögert, macht sich schuldig“, rief sie am 16. März, bei ihrem ersten großen öffentlichen Auftritt über den Marktplatz von Saarbrücken. Wenige Tage später fielen die ersten Bomben auf Bagdad, und mittlerweile fragt sich Aras Marouf, ob sie es wirklich war, die so vorbehaltlos für diesen Krieg votierte. Ob sie wirklich glaubte, ein Krieg gelte nur einem Diktator und nicht auch dem Volk, das er unterdrückt. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. „Ich habe mich entschieden“, sagt sie.

Was ist wahr, was ist richtig?

Aras Marouf sitzt mit einer Tasse Kaffee auf ihrem Balkon in Saarbrücken. Hinter ihrem Rücken grünt eine Wiese, am Horizont leuchtet die Kirchturmspitze von St. Arnual im Gegenlicht. Es ist später Nachmittag, die Sonne wärmt noch, doch das Emotionskraftwerk Aras Marouf produziert gerade keine Energie. Sie sieht müde aus. Ihre schönen schwarzen Augen sind geschwollen, die Wimperntusche zu Trauerrändern verwischt. Zwischen den Fingern verglimmt eine Zigarette. Sie raucht eigentlich nicht. Doch wenn sie mit ihren Verwandten im autonomen Nordirak telefoniert hat, ist sie immer wahnsinnig nervös. Es sehe dort nicht gut aus, sagt sie. Jedenfalls nicht nur gut. Eben noch ließ ihre Tante der deutschen Friedensbewegung ausrichten, dass die Menschen im Irak die Amerikaner als Befreier empfangen. Doch am nächsten Tag hört sich alles schon ganz anders an. Dann heißt es, die Menschen im Nordirak hätten ihre Häuser mit Folie abgeklebt. Sie fürchten, dass Saddam Hussein, falls alles doch nicht so kommt, wie die Strategen im Pentagon es sich wünschen, wieder wie 1988 mit Giftgas auf „die Kollaborateure“ losgehen wird. „Die Leute haben das Vertrauen in die Amerikaner verloren“, sagt Aras Marouf und starrt auf die Glut ihrer Zigarette wie auf ein Orakel.

Seit der Krieg begonnen hat, gibt es keine einfachen Wahrheiten mehr. Briten und Amerikaner sagen das eine, Alteuropäer das andere, doch die Zivilbevölkerung – Aras’ Onkel, Tanten, Vettern und Cousinen – glaubt nur noch, was sie sieht: Dieser Krieg ist nicht smart. Er zerstört auch das, was er verteidigen will. Für Aras heißt das: Er zerstört die Welt, in die sie zurückkehren will. Auf ihrem Schoß liegen Fotos aus anderen Zeiten. Manchmal denkt sie, es waren bessere. Ihre ganze Familie lebte damals noch im Irak, erst in Bagdad, dann in Suleimanijah. Sie streicht mit der Hand über die schöne, karge Landschaft von Kurdistan und die Berge, auf denen im Sommer noch Schnee liegt. Doch am liebsten sind ihr die Bilder von ihrem Vater, Nuri Ahmed Taha, einst königlich-irakischer General, später Partisanen-Kämpfer.

Er sieht ihr sehr ähnlich. Sie haben die gleichen weichen Züge und die sanft gebogene aristokratische Nase. General Taha war 1946 einer der Mitbegründer der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP), und bis heute gehört Aras Maroufs Familie zum politischen Establishment in Irakisch-Kurdistan. Doch auch ihre Familie, die diesen Krieg mindestens so sehr herbeigesehnt hat wie Aras selbst, verliert gerade die Nerven. Ihre Cousine spielt sogar mit dem Gedanken, aus Protest gegen die Amerikaner die irakische Flagge zu hissen. Was soll sie, die Ministerialangestellte aus dem sonnigen Saarland, dazu sagen? Sie hat ein sicheres Dach über dem Kopf, einen guten Job, ihre Töchter lernen ein Instrument. Ihnen kann sie erklären, dass „die Amerikaner und die Opposition gemeinsame Interessen“ haben und dass die Kurden die wichtigste Säule dieser Opposition bleiben müssen, weil sie die Einzigen sind, die in dieser undurchsichtigen Versammlung von Royalisten, Islamisten, Nationalisten, ehemaligen Anhängern von Saddams Baath-Partei und Liberalen Erfahrung mit praktischer Politik haben. Die Kurden sind seit 1991 quasi unabhängig, haben ein demokratisch gewähltes Parlament. Doch wenn sie schon in den ersten Kriegswochen nicht mehr wissen, was sie wollen, könnten am Ende jene Recht behalten, die seit langem höhnen: Washingtons irakische Verbündete stünden schon Gewehr bei Fuß, um nach Saddams Sturz wieder übereinander herzufallen. Es wäre nicht das erste Mal. Auch im autonomen Kurdenland kam es nach der Unabhängigkeit von Saddam Hussein erst einmal zum Krieg. Bis Madeleine Albright 1998 mit den kämpfenden Parteien ein Friedensabkommen aushandelte.

Aras’ Vater, der sich nach der Spaltung der kurdischen Partei Ende der 60er Jahre aus der Politik zurückzog, hat seine Tochter immer gewarnt: „Geh nicht in die Politik. Es bringt nichts.“ Doch Aras hat es sich anders überlegt. Irgendwann letztes Jahr muss das gewesen sein. Sie war auf Besuch in Irakisch-Kurdistan. Massud Barzani, Chef der KDP, hat sie am Flughafen abgeholt. „Nuris Kinder gehören nach Kurdistan“, hat er gesagt. Aras fühlte sich geehrt, aber mehr nicht. „Ich wollte mir damals in Saarbrücken ein Haus kaufen“, sagt sie. Doch jetzt hat sie nicht einmal die Balkonkästen ihrer Wohnung bepflanzt. Wo bei den Nachbarn schon seit Wochen die Tulpen blühen, steht bei ihr noch das welke Kraut vom vergangenen Jahr. Aras Marouf ist auf dem Sprung. Die jüngere Tochter wird mitkommen.

Lippenstift und kurze Röcke

In guten Momenten fühlt sich Aras mit ihren 52 Jahren wie früher, als sie in den Sommerferien aus Bagdad in die Berge zogen, um ihren Vater bei den Partisanen zu besuchen: eine Karawane aus acht Kindern und einer Mutter auf der Reise ins Ungewisse. Die Dorfbewohner empfingen sie wie Staatsgäste, mit warmem Essen, Melonen und Honig. Tagsüber halfen sie beim Keltern der Trauben, nachts ritten sie weiter von Gipfel zu Gipfel bis sie den Vater endlich trafen. „Es war wie im Märchen“, sagt Aras. Aber es blieb nicht so. Je älter sie wurde, je mehr sie verstand, desto schrecklicher wurde das Leben. Kurz nachdem Saddam Hussein 1979 den Vorsitz im „Revolutionären Kommandorat“ übernommen hatte, wurde ihr Lieblingsbruder verhaftet. Aras floh mit ihrem Mann, der wie sie Agrarwissenschaftler ist, nach Deutschland. Sie muss immer noch weinen, wenn sie von dem Bruder spricht. In der Haft wurde er auf schlimmste Weise gequält. An ihn hat sie auch gedacht, als sie in Berlin mit bebender Stimme rief: „Im Irak sterben 23 Millionen Menschen täglich mehrmals.“ Das war vor zwei Wochen. Draußen auf dem Berliner Ernst-Reuter-Platz demonstrierten über 10000 Menschen gegen George W. Bush. Aber die Exiliraker, die drinnen in der Technischen Universität ihr Konzept für einen demokratischen Irak vorstellten, waren euphorisch. In ein, zwei Jahren, sagte der Vertreter der Patriotischen Union Kurdistans, würden freie Wahlen im Irak stattfinden. Es schien, als bräche bald eine Zeit an, in der man sich sogar über die Bezahlung der Hausarbeit von Frauen im Irak Gedanken machen könnte.

Das glaubt Aras heute nicht mehr. Vielleicht hat sie es nie geglaubt. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was mit Menschen passiert, wenn die Zeiten sich mischen und keiner mehr weiß, wo oben und unten ist: Sie halten sich an das, was sie gelernt haben. Im Nahen Osten ist es der Koran. Selbst Aras‘ Mutter, Nuris starke, unbeugsame Frau, wollte, als sie nach dem Tod ihres Mannes nach Schweden zog, plötzlich ein Kopftuch tragen. Aras’ eigener Mann – bis dahin ein linker Intellektueller – verbot ihr Lippenstift und kurze Röcke, nachdem er in Deutschland seine Arbeit verloren hatte. Die Ehe hat den Konflikt nicht überlebt, seit 1998 sind sie geschieden. Im Irak wäre eine Trennung, abgesehen von der Schande, auch praktisch unmöglich. Als Frau hätte Aras dort wahrscheinlich keine Anstellung, könnte vielleicht nicht einmal lesen. „Gegen diese Zustände werde ich kämpfen“, sagt sie. Zumindest in Kurdistan gebe es Ansätze einer Frauenbewegung, für die Gleichberechtigung mehr sei, als das Recht der Frauen, für das Baath-Regime eine Waffe zu führen. Bildung, sagt Aras Marouf, ist die einzige Chance, Frauen sozial aufzuwerten. Sie will bei den Müttern anfangen, um die Erziehung der Söhne zu reformieren, und bei den so genannten „Anfal“-Witwen, die sich – nachdem ihre Männer zu Tausenden ermordet worden sind – wie Aussätzige fühlen.

Ein Amt aber will Aras Marouf auf keinen Fall übernehmen. Obwohl sie wahrscheinlich sofort eins bekommen würde. Doch Politik, so wie sie sie in den letzten Wochen kennen gelernt hat, ist nichts für sie. Politiker müssen auch morgen noch glauben, was sie gestern gesagt haben, und das zerrt zurzeit gewaltig an ihren Nerven. Sie fühlt sich wie in einer Dauertherapie, ist hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Depression. Sie denkt an an ihr erstes, weißes Tutu, an das Verschwinden des Bruders. Sie denkt an ihre erste, glückliche Liebe, an die tragische Verbindung mit einem Araber von der Baath-Partei, an das Haus, das sie sich in Saarbrücken dann doch nicht gekauft hat, und an ihren Vater. Vor allem an ihn.

Im Herbst 1990, als die Iraker gerade in Kuwait einmarschiert waren, hatte sie endlich ein Visum für ihn bekommen. Ein Freund sollte ihm in Bremen einen Bypass legen. Doch als die Amerikaner Saddam den Krieg erklärten, kehrte Nuri Ahmed Taha ohne Bypass zurück. „Ich will dieses Schwein sterben sehen“, sagte er zum Abschied. Wenige Tage später erlitt er seinen letzten Herzinfarkt.

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