Zeitung Heute : Die Wunden sind noch nicht verheilt

RIAS KAMMERCHOR Samir Odeh-Tamimi setzt mit „Hinter der Mauer“ ein Fanal gegen neue und alte Grenzen

UDO BADELT

Inzwischen ist der Fall der Mauer schon wieder 20 Jahre her – halb so lange, wie sie überhaupt stand. Um zum Jahrestag der Deutschen Einheit daran zu erinnern, dass Mauern keine harmlosen Touristenattraktionen sind, hat der RIAS Kammerchor ein neues Werk in Auftrag gegeben. „Hinter der Mauer“ basiert auf einem Gedicht des Dresdner Lyrikers Christian Lehnert, der Chor wird damit seine Saison im Radialsystem eröffnen – einem Ort, von dem aus man früher übrigens direkt auf die Grenze blicken konnte. Die Musik stammt von dem israelisch-palästinensischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi. Das passt, denkt man, denn auch wenn in Berlin keine Mauer mehr steht, ist doch zwischen Israel und den Palästinensergebieten in den letzten Jahren eine neue entstanden.

Doch Odeh-Tamimi möchte gar nicht so viel über seine eigenen Erfahrungen mit dem Nahostkonflikt sprechen. „In dem Werk geht es nicht um Israel oder Palästina, es geht darum, dass nach wie vor viele Mauern in der Welt stehen, in Korea, zwischen den USA und Mexiko, aber auch zwischen den Menschen im Alltag.“ Alle würden immer vernetzter werden, doch auch nur beim Nachbarn anzuklopfen, sei für viele bereits eine Zumutung.

Dennoch handelt „Hinter der Mauer“ zunächst einmal von einer ganz konkreten, nämlich der Berliner Mauer. Lehnerts Gedicht bildet die letzten Minuten eines dort tödlich verwundeten Flüchtlings in einem dicht geflochtenen inneren Monolog ab. Odeh-Tamimi hat daraus 70 Minuten Musik gemacht, strukturiert von den Klängen des RIAS Kammerchors, von vier Solisten und 21 Instrumentalisten der Kölner MusikFabrik. Sie stehen sich teils gegenüber, teils überlappen sie sich. Das ganze Stück folgt einer fließenden Dramaturgie, „schrill und lyrisch zugleich“, wie Odeh-Tamimi sagt, mit einem Chor, der archaisch klingt und sich bewusst an den Sprechchor der antiken griechischen Tragödie anlehnt, also rhythmisch einheitlich, prägnant und schnell repetierend ist. Odeh-Tamimi verwendet gerne Vierteltöne, die es in der westlichen Musik nicht gibt. Sie entstehen, wenn man einen Halbtonabstand, etwa von C zu Cis, noch einmal unterteilt. „Arabische Musik“, erklärt er, „setzt die Intervalle nicht so klar voneinander ab wie europäische. Sie arbeitet viel mit Vibrato und Glissandi, die Tonabstände fließen ineinander, während sie in Europa eher eine Treppe gleichen.“

Israel mit seinen zugleich orientalischen und europäischen Wurzeln hat ihn musikalisch geprägt. Denn Samir Odeh-Tamimi entstammt einer jener palästinensischen Familien, die nach der Gründung Israels 1948 im Land blieben und die israelische Staatsangehörigkeit annahmen. Sein Großvater war Sufi-Meister, er hat viel gesungen und getrommelt, vielleicht hat auch das in dem heute 41-Jährigen den Wunsch wach werden lassen, selbst Musik zu schreiben. 1993 übersiedelte er nach Deutschland und begann in Kiel Musikwissenschaft zu studieren Nach einem Erweckungserlebnis – in der Universitätsbibliothek hielt er erstmals Partituren von Arnold Schönberg in der Hand – keimte in ihm das Selbstvertrauen, Neues schreiben zu können und nicht immer die alten Formen wiederholen zu müssen. Er studierte Komposition und Werkanalyse in Bremen, seit 2001 lebt er in Berlin. Rund 30 Werke – Kammermusik und Orchesterstücke – hat er bis heute veröffentlicht. Im August inszenierte Willy Decker bei den Ruhrfestspielen mit „Leila und Madschnun“ seine erste Oper, oder besser: „theatralische Erzählung“, in der ebenfalls der Chor eine wichtige Rolle spielt.

Erwartet man von ihm, dass er „orientalische“ Musik schreibt? „Meine Musik ist zwar nicht westlich, weil sie die Formen nicht so deutlich voneinander absetzt. Aber deswegen ist sie nicht automatisch orientalisch“, sagt er. „Ich bin kein Crossover-Komponist, ich will nicht verschiedene Stile miteinander verbinden. Sondern einfach Musik schreiben, die mich bewegt.“UDO BADELT

Radialsystem, Premiere 1.10., 20 Uhr

Weitere Vorstellung 3.10., 20 Uhr

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