Zeitung Heute : Die Wurzeln der Kintes

ANDREAS OBST

Alex Haleys Roman "Roots" beschert dem westafrikanischen Land Gambia steigende Touristenzahlen VON ANDREAS OBST

In dem Dorf Juffure, vier Tagereisen stromaufwärts an der Küste von Gambia in Westafrika, wurde im Frühjahr 1750 dem Omoro Kinte und seiner Frau Binta ein Knabe geboren." Mit diesen Worten begann Alex Haley seinen Roman "Roots - Wurzeln".Das Buch wurde ein Bestseller, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, lief weltweit als Fernsehserie.Juffure am Gambia-Fluß wurde zum Walfahrtsort; und Gambia, das kleinste Land Afrikas, kam auf die touristische Weltkarte.Jeden Morgen verlassen die Charterboote die Hauptstadt Banjul und fahren den River Gambia hinauf.Mehrere Reiseveranstalter bieten die "Roots-Tour" inzwischen als Tagesausflug von den Strandhotels an der Küste an.Seit jeher ist der Fluß die Lebensader des Landes, das gleichsam nur aus diesem Fluß besteht und den schmalen Uferstreifen zu beiden Seiten.480 Kilometer ist der Staat Gambia lang, an manchen Stellen jedoch nur 24 Kilometer breit.Der Fluß und das Land ernähren die Menschen, eine Million sind es insgesamt.Die meisten von ihnen sind in der Landwirtschaft beschäftigt: mit dem Anbau und Handel von Erdnüssen.So war es schon immer in Gambia.Man muß nicht weit schippern, um den Zeugen der Vergangenheit zu begegnen.Ein paar Seemeilen von Banjul entfernt ist Fort James: eine Insel mitten im Fluß, die langsam vom Wasser verschlungen wird.Früher soll sie sechsmal so groß gewesen sein.Mitte des siebzehnten Jahrhunderts hatten hier die Engländer - Kolonialmacht im Lande bis 1965 - eine Befestigungsanlage mit vier mächtigen Türmen gebaut.Von James Island aus organisierten sie den Sklavenhandel nach Amerika.Noch heute kann man in den Ruinen in ein finsteres Loch schauen, seinerzeit das Verlies.Nur fünf Kilometer weiter hatten die französischen Konkurrenten der Briten ihren Stützpunkt errichtet: Albreda.Sklaven, die den Engländern in Fort James entkommen konnten und schwimmend den Flaggenmast von Albreda erreichten, waren angeblich frei.Es soll allerdings nicht vielen gelungen sein.Von dem Flaggenmast steht noch der Sockel.Auch vom Gebäude der ehemaligen Handelsfaktorei sind nur noch Ruinen übrig, davor flicken Fischer im Schatten großer Bäume ihre Netze, unbeeindruckt von den Touristengruppen, die hier täglich für einen kurzen Spaziergang das Schiff verlassen.Es sind nur ein paar Fußminuten nach Juffure, in das "Roots"-Dorf, also dorthin, wo sich das Drama einer Geschichte schwarzer Menschen" ereignete, wie Alex Haley schrieb.Für die Bewohner von Juffure beginnt, wenn die Touristen kommen, das immergleiche Ritual.Kinder laufen den Fremden entgegen, bieten Schnitzarbeiten feil.Frauen posieren mit dem Hirsestampfer für Fotos, wirbeln den Knüppel bisweilen sogar tollkühn durch die Luft.Ein solches Foto kostet extra.Da verstehen die Frauen keinen Spaß.Trommler machen lautstark auf die Stände mit Souvenirs aufmerksam.Umgerechnet 45 Mark, etwa die Hälfte dessen, was ein Taxifahrer in Banjul im Monat verdient, lassen die Besuchergruppen an guten Tagen allein als Spenden zurück.Im Grunde jedoch unterscheidet Juffure von vielen anderen afrikanischen Dörfern nur der Umstand, daß Alex Haley hier den Schauplatz seines Romans fand.Auch der vor vier Jahren verstorbene Schriftsteller war mehrmals in Juffure zu Besuch bei der Familie, deren Wurzeln auch die seinen gewesen sein sollen.Haleys Cousine Binta Kinte reicht heute stolz ein abgegriffenes Foto herum.Reden mag die Älteste des Kinte-Klans aber nicht.Zumindest nicht mit Fremden.Zu oft ist sie schon dasselbe gefragt worden: Wie er denn war, der berühmte Schriftsteller.Und ob es wirklich stimme, daß er Geld geschickt habe, viel Geld aus den Erlösen des Buchs, Millionen Dollar womöglich.Das Geld ist niemals in Juffure angekommen.Die frühere Regierung hat es veruntreut, natürlich.So jedenfalls haben es die neuen Machthaber verkündet, und die Reiseleiter tragen die Botschaft getreulich weiter.Den Kintes und den anderen Menschen in Juffure nutzt das nichts.Dabei geht es dem Dorf durch die Touristen deutlich besser als anderen im Lande.Doch generell ist man in Gambia nicht mehr gut zu sprechen auf das Regime von Dawda Kairaba Jawara, Präsident seit der Unabhängigkeit und damit zuletzt dienstältester Staatschef auf dem Kontinent.Jahrelang hatte er dem Volk versprochen, das Land zum "Singapur Afrikas" zu machen - stattdessen wurden die Menschen immer ärmer.Nur den Regierungsmitgliedern, ihren Angehörigen und Freunden ging es gut.Den Sumpf aus Korruption und Mißwirtschaft auszutrocknen - auch das hatte der damals noch nicht dreißigjährige Offizier Yahyah Jammeh gelobt, nachdem er Jawara im Juli 1994 außer Landes gejagt hatte - "im friedlichsten Putsch der Welt", wie man hier sagt, denn es fiel kein einziger Schuß.Doch obwohl Jammeh seinen Machtanspruch kürzlich durch Wahlen legitimieren ließ, geht es derzeit nicht so recht voran im Lande.Jede Entscheidung braucht viel Zeit, die Umsetzung erst recht.Wie gelähmt wirkt die Hauptstadt Banjul auf den Besucher, das wird freilich auch an der dumpfen Hitze liegen, die auf die Dächer der niedrigen Häuser drückt.1816 wurde die Stadt als Garnison Bathurst von den Engländern gegründet - auf einem von Mangrovensümpfen umschlossenen Stück Land, das wie der Kopf eines Raubvogels in das Mündungsdelta des River Gambia ragt.Der Sümpfe wegen konnte sich die Stadt nicht ausdehnen, so ist sie bis heute eher ein verschlafenes Provinzstädtchen geblieben.Gleichwohl gibt es hier auch angenehme Orte, um Zeit zu verbringen.Das "Bräustüble" gehört dazu.Ein Restaurant unter libanesischer Leitung, eine der besten Adressen in Banjul.An diesem Nachmittag ist der schattige Hof fast leer.Neben den Bierbänken übt der neue Gitarrist für den Einsatz am Abend.Für die Touristen, die allmählich wieder nach Gambia kommen.Unmittelbar nach dem Putsch hatten mehrere europäische Regierungen unter der Führung Englands ihren Bürgern empfohlen, das Land bis auf weiteres zu meiden.Zwar wurden dieBoykottaufrufe bald zurückgenommen, doch für Gambia war der Schaden groß.Innerhalb einer einzigen Saison brach der Tourismus im Lande zusammen: bis dahin hatte er fast ein Drittel der Staatseinnahmen ausgemacht, jedem zwanzigsten Einwohner Arbeit gegeben.Mehr als zehntausend Menschen verloren ihre Stellung.Heute ist Susan Waffa-Ogoo, die junge Tourismusministerin, in der ganzen Welt unterwegs, um für ihr Land zu werben.Im vorigen Januar wurden "Dreißig Jahre Tourismus in Gambia" gefeiert, auf den Plakaten präsentiert sich das Land stolz als "The Very West of Africa".Doch das Potential wird bislang nicht ausgeschöpft.Das weiß auch Susan Waffa-Ogoo.Selbst an der nur sechzig Kilometer langen Atlantikküste - seit jeher Hauptschauplatz des Gambia-Tourismus - ist noch viel Platz.In unmittelbarer Nähe zu den Strandhotels liegt das kleine Fischerdorf Tanji, wo in der Räucherei Tausende kleiner goldschuppiger Fische über glimmendem Holz aufgereiht sind.Aus einem Transistorradio scheppert amerikanische Country-Musik.Nachmittags, wenn die Fischer vom Meer zurückkommen, die Frauen den langen Booten entgegenwaten, den Fang in bunten Schüsseln und Eimern ans Ufer tragen, sind auf dem Dorfplatz auch die Kleinbusse der Hotels geparkt.Dann wird das Fischerdorf für die Strandurlauber aus Europa zur buntbewegten Kulisse ihrer Begegnung mit Afrika.Das wirkliche Gambia freilich sei flußaufwärts zu finden, sagt Susan Waffa-Ogoo.Dort gebe es unverfälschte Kultur und eine reiche Natur zu entdecken.Entlang des Flusses sollen kleine Camps und Lodges eingerichtet werden, Arbeitsplätze für Menschen, die dort zu Hause sind.Denn nur indem man die Fremden ins Landesinnere bringt, sagt die Tourismusministerin, ließe sich verhindern, daß immer mehr Gambier ihre Dörfer verlassen und an die Küste drängen, in die Touristenzentren.Dreihundert Kilometer flußaufwärts, sechs Autostunden von der Küste, liegt Georgetown.Einst Außenposten der Kolonialmacht England, ist es heute ein gemütliches Städtchen mit viertausend Einwohnern, das die Tage in der Hitze verdöst.Es ist ein langer Weg nach Georgetown, auf holprigen Straßen, vorbei an Dörfern mit strohgedeckten Hütten, Moscheen mit funkelnden Minarettspitzen - 85 Prozent der Gambier bekennen sich zum Islam.Bananen- und Erdnußplantagen wechseln sich ab mit weiten Ebenen, in denen riesige Baobab-Bäume aufragen, schattenspendende Tamarinden, übermannshohe Termitenhügel.Unterwegs verändert sich die Farbe der Landschaft: vom satten Grün der Palmenhaine in der Küstenregion zum ausgeblichenen Braun der Steppe.Die Brandrodung, hier seit Jahrhunderten üblich, hat große Gebiete veröden lassen, der Wind treibt Staubwolken über das Land.Rinderherden kreuzen den Weg, vom Auto aus kann man Affen sehen und Antilopen.Kaum ausgestiegen, sind wir von Kindern umringt.Sie bitten um unsere Adresse, beteuern in aller Unschuld: Ich möchte dein Freund sein.In Georgetown kommen wir in einem der Rundbungalows des Baobolong-Camps unter, einer kleinen, einfachen Ferienanlage direkt am Fluß.Das Bett ist ein gemauerter Sockel mit hauchdünner Schaumstoffauflage, die Dusche ein Wasserhahn unter der Decke.Aber die Besitzer sind herzlich, das Essen ist gut, das Bier kalt.So sehe es aus im wirklichen Gambia, in der Dritten Welt, sagt ganz unpathetisch der einheimische Hotelmanager Lawrence K.Bangura - das sollten sich die Europäer ruhig einmal anschauen.Selbst am späten Abend noch ist die Luft in Georgetown heiß und schwer, doch draußen auf der Straße haben sich - eher zufällig, wie es scheint - ein paar Dutzend Menschen versammelt, Nachbarn, Freunde.Einer hat eine Trommel dabei, ein anderer die Trillerpfeife.Drei junge Mädchen stimmen ein Lied an.Unversehens tanzen alle.Die Hotelgäste tanzen mit.Es wird ein fröhlicher Abend.Tips für GambiaAnreise: Condor fliegt sonnabends von Frankfurt nach Banjul, der günstigste Tarif beträgt 1228 Mark.Mindestens 600 Mark kostet der Linienflug mit Sabena (zweimal wöchentlich über Brüssel) oder Swissair (freitags via Genf).Deutsche benötigen kein Visum, der Reisepaß muß drei Monate über das Ende des Aufenthalts hinaus gültig bleiben.Impfungen sind nicht vorgeschrieben, zu empfehlen ist Malaria-Prophylaxe.Klima: Beste Reisezeit sind die Wintermonate, selbst im Landesinneren herrschen dann recht angenehme Temperaturen.Gegen Ende der Trockenzeit, zwischen März und Mai, kann es dort sehr heiß werden, vor allem wenn der Wüstensturm weht.Pauschalarrangements: Mehrere internationale Reiseveranstalter haben Gambia im Programm: Aquasun Holland und Belgien, The Gambia Experience in London, in Deutschland unter anderem Kreutzer und Neckermann.Bei Neckermann etwa kostet der 14tägige Aufenthalt in einer Bungalowanlage inklusive Halbpension und Flug ab Tegel 2509 Mark (pro Person bei Zweier-Belegung, Reisezeit Mitte Februar bis Mitte März).Nach Ostern bis Ende April sind die Preise günstiger.Bei der TUI kann man für Preise von 498 Mark an die Vier-Tage-Fahrt "Erlebnis Gambia River" buchen: mit Bus und Schiff geht es von Banjul bis Bansang und zurück.Frosch Touristik/CA Ferntouristik hat erstmals einen Gambia-Katalog aufgelegt (Nymphenburger Straße 1, 80335 München; Telefon: 089/5455069, Telefaxnummer: 089/5455019).Literatur: "Senegal/Gambia" von Rolf Goetz, Peter Meyer-Reiseführer, 36,80 Mark."Wurzeln ­ Roots" von Alex Haley, Fischer Verlag, 19,90 Mark.Auskunft: Honorarkonsulat der Republik Gambia, Kurfürstendamm 103, 10711 Berlin; Telefon: 89689801, Fax: 89689811.Sprechzeiten (auch für Telefonanrufe): dienstags und donnerstags von 10 bis 12 Uhr.

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