Zeitung Heute : Die Wutprobe

Korruption, Handy-Insolvenz, jeder Tag ein neuer Gau: Wie Siemens-Aktionäre die Konzernchefs strafen

Nicole Huss[München]

Seitdem er Rentner ist, schläft Martin S. gerne aus. Seitdem er nicht mehr bei Siemens arbeitet, geht er nur noch selten zu Veranstaltungen seiner alten Firma. Nur, wenn es dafür einen wirklichen Anlass gibt.

An diesem Donnerstag ist er um kurz vor sieben aufgestanden, und es gibt mehr als einen Anlass. BenQ und das Insolvenzdesaster. Korruptionsvorwürfe. Die Folge: eine Glaubwürdigkeitskrise, wie Siemens sie in 160 Jahren Firmengeschichte nicht erlebt hat. Kaum ein Tag vergeht ohne neue schlechte Meldungen. Erst einen Tag vor der Jahreshauptversammlung des einstigen deutschen Vorzeigeunternehmens hat die EU-Kommission eine Rekordstrafe gegen Siemens verhängt. Rund 419 Millionen Euro, wegen illegaler Preisabsprachen. Angestellte wie Anleger fürchten um den Ruf der Firma.

Also ist Martin S., 76 Jahre alt, ein Mann mit weißen Haaren und Brille, mit der U-Bahn zur Münchner Olympiahalle gefahren, wo die Hauptversammlung stattfindet. Er hat es eilig, auf dem Weg von der U-Bahn-Station bis zur Olympiahalle muss er sich durch Menschenmassen kämpfen. Etwa 11 000 Anteilseigner aus ganz Deutschland sind angereist, darunter viele Kleinaktionäre, um die Führungsriege des Großkonzerns für die Pleiten und Pannen der vergangenen Monate zur Rechenschaft zu ziehen.

Wegen der verschärften Sicherheitskontrollen bilden sich am Eingang lange Schlangen. Martin S. trifft dort seinen Sohn Michael. Der war bei der früheren Siemens- Handytochter BenQ beschäftigt und ist seit deren Insolvenz arbeitslos.

„Mit Siemens geht es moralisch bergab“, findet Vater S. Früher habe er immer das Gefühl gehabt, die Firma sei eine große Familie. Heute habe er den Eindruck, dass sich nicht einmal mehr die Führungsspitze mit ihrem Konzern identifiziert. Nicht einmal der Chef.

Klaus Kleinfeld erscheint Martin S. als „eiskalter Manager“, der für schnöden Profit die Zukunft des Unternehmens aufs Spiel setzt.

Als Kleinfeld hinter das Sprecherpult tritt, um sich den Aktionären zu stellen, wirkt er gar nicht eiskalt. Er ist sichtlich nervös, verspricht sich oft. Er beginnt mit der Korruptionsaffäre und der BenQ-Pleite. Meiden könnte er diese Themen ohnehin nicht. „Es tut mir aufrichtig leid“, sagt Kleinfeld, „dass Sie und Ihre Familien in den letzten Monaten so viel durchmachen mussten.“ Mit „Sie“ meint er BenQ-Mitarbeiter. Michael S. beispielsweise, der mit seinem Vater im Rang sitzt, 30 Meter Luftlinie von Kleinfeld entfernt. Die Entschuldigung klingt nicht nur routiniert, das fällt ihnen auf. Aber auch, dass Kleinfeld es vermeidet, einen Schuldigen zu nennen. Es hätte sie erstaunt. Kleinfeld ist nicht der erste Siemens-Chef, den sie hier reden hören.

Da sei etwas „gewaltig schief gelaufen“, sagt Kleinfeld schließlich noch, sein Gesicht ist schräg hinter ihm überlebensgroß auf einer Leinwand zu sehen. Die Insolvenz habe ihn persönlich sehr überrascht und sehr betroffen gemacht.

Als Kleinfeld eine umfassende Aufklärung der Schmiergeldaffäre ankündigt und lange über Werte spricht, über Integrität, erntet er höhnisches Gelächter und Pfiffe. Vater und Sohn S. finden, dass Kleinfeld jetzt souverän wirkt.

Kleinfeld beeilt sich, über Erfreulicheres zu sprechen. Zahlen. Große Zahlen. Hervorragende Geschäftszahlen, erreichte Renditeziele. Dinge, die eine rosige Zukunft verheißen sollen. Er spricht über geplante Akquisitionen und Innovationen. Das soll die kritische Menge beruhigen.

Dann ist Ex-Siemens-Chef und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer an der Reihe. Auch ihn hat man schon lockerer erlebt. Pierer entschuldigt sich bei den Aktionären. Die BenQ-Pleite nennt er „außerordentlich bedauernswert“.

Echte Emotionen, sagt Martin S., sollte man von Top-Managern auf einer solchen Veranstaltung nicht erwarten.

In der Schmiergeld-Affäre hätten die von ihm eingeleiteten Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung nicht ausgereicht, gibt Pierer zu. Bei seiner letzten Hauptversammlung als Vorstandschef vor zwei Jahren wurde Pierer von den Aktionärsvertretern in höchsten Tönen gelobt. Kleinfeld wurde als „Wunderkind einer neuen Manager-Generation“ gefeiert. Die Zeiten haben sich geändert.

Martin und Michael S. empfinden die Reden von Kleinfeld und Pierer als „Farce“. Die Ausmaße der Schmiergeld-Affäre sind zwar noch nicht abzusehen, mehrere Vorstände des Unternehmens sollen verwickelt sein. Die Staatsanwälte gehen davon aus, dass Siemens- Mitarbeiter über Jahre hinweg mindestens 200 Millionen Euro unterschlagen und im Ausland als Schmiergeld eingesetzt haben. Siemens selbst geht inzwischen fragwürdigen Zahlungen von 420 Millionen Euro nach. Von all dem will der Vorstand nichts gewusst haben? Das können sich Vater und Sohn nicht vorstellen. Beim besten Willen nicht. Auch die Beschwichtigungsversuche im Zusammenhang mit der BenQ-Pleite entlocken Michael S. nur ein müdes Lächeln. Er wird Pierer und Kleinfeld gleich bei der Abstimmung die Entlastung verweigern. Und nicht nur er. Die Verbände der Aktionärsschützer kündigen genau das an: den Herren die Entlastung zu verweigern.

Martin und Michael S. wissen, dass die Proteste letztlich nicht viel bewirken. Es gibt harsche Reden bis in den Abend hinein, Aktionäre, die sehr deutlich ihre Meinung kundtun. Und doch, die Revolution bleibt aus. Alle Vorstände und Aufsichtsräte werden wohl auch diesmal entlastet werden. Die institutionellen Anleger, die die größten Aktienpakete halten, sind nicht für ihre Aufmüpfigkeit bekannt, auch wenn diesmal zwei Fondsmanager leise Kritik üben.

Kurz vor dem Heimweg haben sich Martin und Michael S. mit Frikadellen und Kartoffelsalat gestärkt. Der Sohn hat einen Entschluss gefasst. Seine 30 Siemens-Aktien sind im vergangenen Jahr um fünf Prozent gestiegen. Wenn er nach Hause kommt, will er sie sofort verkaufen.

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