Zeitung Heute : Die zänkischen Holländer brauchen eine Sondereingreiftruppe

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Die erlesene Garde ehemaliger Fußball-Größen steht als Sondereingreiftruppe für den Notfall parat: Mit Frank Rijkaard, Roland Koeman und Johan Neeskens hat Hollands vorausblickender Nationalcoach Guus Hiddink gleich drei "Oranje"-Superstars vergangener Tage nominiert, um die notorisch bei großen Turnieren ausbrechende Streitkultur im eigenen Lager einzudämmen.Er werde nicht zulassen, sagt Hiddink zur Berufung der Dreier-Bande, "daß wir uns noch einmal selbst schlagen und uns nicht mehr auf den Gegner konzentrieren".Im Hintergrund sollten Rijkaard, Koeman und Neeskens geräuschlos und effektiv alle Unstimmigkeiten schon in der Entstehungsphase bereinigen: "Wer trotzdem Krach schlägt", sagt Hiddink warnend, "der fliegt raus."

Sein Team braucht auch gleich alle Sinne, um nicht einen ähnlichen Reinfall zu erleben wie bei der Europameisterschaft 1996 in England: Schon im ersten WM-Spiel heute gegen Belgien geht es für die Holländer vermutlich um den Sieg in Vorrundengruppe E.Die Spitzenposition ist für das erst am Donnerstag in Frankreich angekommene "Oranje"-Team auch deshalb von Bedeutung, weil man so Deutschland im Achtelfinale aus dem Wege gehen könnte - vorausgesetzt, auch die Vogts-Truppe landet auf Rang eins in ihrer Gruppe.Doch so weit will der Bondscoach eigentlich noch gar nicht denken.Oberste Priorität hat für den 51jährigen, in seinem "Haufen eigenwilliger Typen" ("The Times") ein Solidargefühl zu erzeugen.Ruhe im Team sei erste Spielerpflicht, sagt Hiddink, der aus den Erfahrungen des Auftritts in England gelernt hat.Damals hatten sich zwei Spielergruppen regelrecht angefeindet: Es gab die "surinamisch-schwarze Fraktion" um Clarence Seedorf, Patrick Kluivert und Edgar Davids, und es gab die "holländisch-weiße Fraktion" um die Brüder Roland und Frank de Boer und Danny Blind.Nach diversen Eskapaden mußte Davids seinerzeit die Heimreise antreten.

Scharmützel lieferten sich nicht nur auf offener Bühne die Spieler, sondern auch hinter den Kulissen die Berater beider Lager, die um Vermarktungsrechte und Antrittsprämien feilschten."Das Theater ging so weit, daß die Spieler der einen Partei den Spielern der anderen Partei nicht mehr den Ball zuspielten", sagt der frühere hollänische Nationaltrainer Dick Advocaat.Sein Nachfolger Hiddink hofft in Frankreich auf die tatkräftige Unterstützung von Altmeister Rijkaard, der sich speziell um die "Surinam-Gruppe" kümmern soll."Wenn Seedorf und seine Vertrauten ins Team integriert werden können", schrieb jetzt Ex-Weltstar Johan Cruyff in einer Kolumne, "dann ist Holland eine Macht bei dieser WM."

Doch selbst wohlwollende Betrachter rechnen nicht mit plötzlicher Friedfertigkeit.Schließlich haben die Nationalspieler auch übers ganze letzte Jahr schon die Nerven ihrer Anhänger strapaziert.Selbst für Interviews in Zeitungen und im Fernsehen wollten sich die Großverdiener auf Anraten des Spielerberaters Rob Cohen (er ist der Schwiegervater von Frank de Boer) zwischenzeitlich noch einmal entlohnen lassen.Die Turbulenzen wurden erst bereinigt, als sich eine Vermarktungsfirma mit dem Namen "Team Holland" etablierte und neue Einnahmequellen für die "Oranje-Auswahl" erschloß.Nach der WM kann jeder Spieler des 22köpfigen Aufgebots mit einem Zusatzverdienst von 350 000 Mark rechnen, für einen Titelgewinn gibt es dagegen vom Verband nur bescheidene 140 000 Mark.

Zuviel Krach und Aufruhr habe es in den letzten Monaten gegeben, bedauert der eher bedächtige Hiddink.Er rechne damit, "daß die Mannschaft sich zusammenreißt und eine Trotzreaktion zeigt".Dabei vertraut der im Zweifelsfall auch einmal energische Bondscoach auf die "vielen Erfolge, die meine Leute mitgebracht haben".Fast ein halbes Dutzend seiner Stammspieler sei in Europas Ligen mit Meisterschaften ausgezeichnet worden, und deshalb, sagt Hiddink, "werden wir in Frankreich ein sehr, sehr selbstbewußtes holländisches Team erleben".

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