Zeitung Heute : Die ZDF-Kultursendung will zum "Stachel im Fleisch der Politik" werden

Immer[wenn ein Kulturmagazin Zuschauer verliert]

Das Kulturmagazin "Aspekte" will jünger und frecher werden, um die Quote zu retten

Politischer, provokanter und populärer soll das älteste Kulturmagazin des deutschen Fernsehens werden: Die ZDF-Sendung "Aspekte" geht am Freitag mit neuem Design, neuer Mannschaft und einem neuen Chef an den Start. Kürzere Beiträge und mehr Lifestyle-Berichte sollen sie Quote heben. Und: Nach 34 Jahren in Mainz ist die Reaktion nun nach Berlin gezogen. Die erste Sendung wird aus dem Berline Ensemble gesendet. Der Tagesspiegel sprach mit dem neuen "Aspekte"-Chef, Wolfgang Herles, über das Sendekonzept und fragte Kulturschaffende, was sie von einem Berlin Kulturmagazin erwarten.

Der neue "Aspekte"-Leiter Wolfgang Herles wird künftig im Wechsel mit Luzia Braun durch die Sendung führen, eine Ausgabe pro Monat moderiert Roger Willemsen. Der 49-jährige Herles ist promovierter Literaturwissenschaftler und war unter anderem ZDF-Studioleiter in Bonn. Er konzipierte "Bonn direkt" und moderierte die Büchersendung "Schrifttypen" auf 3sat. Mit Wolfgang Herles sprach Iris Alanyali.

Immer, wenn ein Kulturmagazin Zuschauer verliert, heißt es: Wir müssen aktueller und politischer werden. Ist Berlin der Jungbrunnen für "aspekte"?

Rein organisatorisch schon deshalb, weil die Redaktion auch bedingt durch den Umzug zur Hälfte aus neuen Kräften besteht. Schon lange wurde darüber geredet, "Aspekte" zu verändern - aber jetzt wird es wirklich gemacht. Da ist so ein Ortswechsel schon etwas, was uns alle aufweckt und in innere Spannung versetzt.

Die "Aspekte"-Redaktion bekommt innerhalb des ZDF auch ein größeres Gewicht.

Ja. Alles, was in Zukunft in den aktuellen Sendungen von "heute" bis "heute journal" an Kultur gebracht wird, wird von uns koordiniert, in Zusammenarbeit mit den Studios und Autoren. Und ich werde in den Nachrichten sicher auch selbst auf dem Bildschirm auftauchen. Ich fühle mich als Lobbyist für die Kulturberichterstattung im ZDF.

Welche Rolle spielt Berlin für "Aspekte"?

Ich erhoffe mir aus der Nähe zwischen Politik und Kultur die aufregendsten Themen. Wir sind die einzige große Kulturredaktion, die sich mitten im Regierungsviertel aufhält. Und nicht nur das: Das Berliner Ensemble und die Museumsinsel befinden sich in Laufweite, die Komische Oper liegt auf der anderen Straßenseite - man könnte sagen, das ganze Regierungsviertel ist eine große komische Oper. Wenn Kunst eine gesellschaftliche Bedeutung hat, dann ist es doch die, ein Stachel im Fleisch der Politik zu sein. Ich war dafür, dass die Regierung in Bonn bleibt, trotzdem glaube ich, dass es hier ein unvergleichliches Gemisch für Streit und Diskussion geben wird.

Welcher Seite stehen Sie näher?

Ich würde mich nicht als Kulturjournalisten bezeichnen, so wenig ich mich früher als politischen Journalisten bezeichnet hätte. Ich bin ein aufmerksamer Beobachter. Ich will ja das Magazin zu anderen Lebensbereichen hin öffnen. Kultur findet genau an den Nahtstellen zu Politik, Naturwissenschaft, Gesellschaft statt. Deswegen interessieren mich auch keine kunstimmanenten Diskussionen um Stilrichtungen oder so etwas. Mich interessiert, wie die großen Themen unserer Zeit aufgegriffen und verarbeitet werden.

Das heißt, die Kultur ist das bloße Transportmittel für die eigentlich wichtigen Entwicklungen in anderen Wissenschaften?

Überhaupt nicht. Die Kultur ist ein großer Spiegel. Der Spiegel ist auch das neue Symbol, das in unser Logo eingearbeitet ist.

Ein Spiegel schafft nichts Originäres.

Die Schärfe, die er erzeugt, die Perspektive, sind kreative Leistungen. Ein Künstler holt auch nichts aus der göttlichen Eingebung oder der eigenen Genialität. Er verarbeitet nur das, was sich um ihn herum und in ihm abspielt. Wir wollen Debatten einfangen.

Erhoffen Sie sich umgekehrt eine Wirkung von "aspekte" auf Berlin?

Dafür ist die Stadt zu groß. Aber wir wollen natürlich präsent sein. Der Zollernhof hat einen sehr schönen Innenhof, der bietet sich für Begegnungen zwischen Medienleuten, Politikern und Künstlern geradezu an. Im Mai ist ein Kulturfest geplant, denkbar wären auch Gesprächsreihen. Wir begreifen uns als Teilnehmer der Berliner Szene...

worunter Sie das Regierungsviertel zu verstehen scheinen. "Aspekte" war und bleibt also der Hort gepflegter Hochkultur. Berlin aber ist auch der Ort einer "schmutzigen" Subkultur.

Ich halte Grenzen zwischen Off- und Hochkultur ebenso wenig für sinnvoll wie Unterschiede zwischen E- und U-Kultur. Unsere Aufgabe ist es, die großen Trends festzustellen und darüber zu berichten, aber wir sind keine Trendscouts. Außerdem gibt es ja auch Off-Kultur in anderen Städten. Dass wir in Berlin sitzen, ist richtig und wichtig. Aber ich gehörenicht zu den Leuten, die glauben, nur hier findet noch wichtige Kultur statt. Ich bin ein geradezu militanter Verfechter des Kulturföderalismus. Es wäre falsch, Stuttgart oder Dresden zu vergessen, und genauso dumm, Wien, Paris oder London zu vernachlässigen. Wir werden viel mehr als bisher unterwegs sein.

Beunruhigt es Sie als Föderalist, dass der Bund in Gestalt von Michael Naumann einen größeren Einfluss auf die Kultur der Hauptstadt nehmen zu wollen scheint?

Man darf Berlin auf keinen Fall zu einer Hauptabteilung der Regierung machen. Natürlich müssen wie in Bonn Bundeszuschüsse fließen, damit die Stadt ihren Repräsentationspflichten nachkommen kann. Aber ich bin strikt dagegen, dass es eine eigene Bundeskultur gibt, die nicht nur auf Repräsentation, sondern auf eine neue Art von Kulturnationalismus zielen würde. Die Gefahr einer Überhöhung der Nation besteht in Berlin viel stärker, als in Bonn, schon durch die vielen Gebäude und Symbole aus der Vergangenheit. In Berlin wird ja gerne von Leuchttürmen gesprochen. Aber wir brauchen keine nationalen Leuchttürme.

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