Zeitung Heute : Die Zeichen deuten

Bei den Olympischen Spielen wollen Athleten gegen die chinesische Führung protestieren. Was planen sie – und was ist erlaubt?

Benedikt Voigt[Peking],Friedhard Teuffel[Berlin]

Neben dem sportlichen Wettbewerb wird es bei den Olympischen Spielen in Peking auch einen Ideenwettbewerb geben: Welcher Athlet findet die originellste Form des Protests gegen die Politik der chinesischen Führung? Die ersten Athleten haben sich schon etwas einfallen lassen. Den Anfang machte die Fechterin Imke Duplitzer, als sie sagte, sie wolle nicht zur Eröffnungsfeier erscheinen. Doch wer nicht da ist, fällt nicht auf.

Die bisher wohl spektakulärste Protestaktion der olympischen Geschichte fand 1968 in Mexiko statt. Tommie Smith, Olympiasieger über 200 Meter, und der Drittplatzierte John Carlos hatten ihre Faust in einen schwarzen Handschuh gesteckt und hielten sie bei der Siegerehrung nach oben. Es sollte ein Zeichen sein gegen die Rassendiskriminierung in den Vereinigten Staaten. Das Nationale Olympische Komitee der USA schickte die beiden daraufhin sofort nach Hause.

Sie hatten gegen die olympische Charta verstoßen. Darin hat das IOC festgeschrieben: „Jede Art von Demonstration, politischer, religiöser oder Rassen betreffende Propaganda ist an allen olympischen Stätten, Plätzen und Austragungsorten verboten.“ Auch eine Strafe droht die Charta an: „Jede Verletzung der Vorschriften dieser Klausel kann zur Disqualifikation oder zum Verlust der Akkreditierung führen.“ Die Entscheidung darüber trifft die Exekutive des IOC.

Die Charta lässt damit jedoch einiges offen. Zum einen schreibt sie nicht zwangsläufig vor, einen Athleten für eine Protestaktion zu bestrafen. Zum anderen lässt sie den Athleten Spielräume. Was zum Beispiel eine „olympische Stätte“ ist, müsste das IOC genauer bestimmen. Selbst IOCVizepräsident Thomas Bach ist sich da nicht sicher. So fragte er sich kürzlich, ob denn die IOC-Pressekonferenz eine olympische Stätte sei oder nicht. Wenn nicht, könnte die Pressekonferenz zum zentralen Protestplatz werden.

Am Donnerstag versuchte sich dann Jacques Rogge, Präsident des IOC, in einer Antwort: „Für die freie Meinungsäußerung wird es keine Einschränkungen geben“, kündigte er in Peking an. In der „Mixed Zone“, in Pressekonferenzen, in den olympischen Häusern, in der gesamten Stadt könnten sich die Athleten frei äußern. Propaganda und Demonstrationen in den Stadien seien aber nicht erlaubt, sagte Rogge und berief sich dabei auf die olympische Charta. Was denn aber nun freie Meinungsäußerung ist und was Propaganda, ließ er offen. Antworten wird es wohl erst demnächst geben: Denn das IOC will eine Richtlinie erarbeiten und sie den jeweiligen Nationalen Olympischen Komitees (NOKs) zur Hand geben.

Doch die Gedankenspiele sind frei – und so kursieren unter Athleten bereits die ersten Vorschläge für Protestaktionen in olympischen Stadien und Hallen. Das Internetforum Netzathleten.de zum Beispiel vertreibt ein Armband mit der Aufschrift „Sports for Human Rights“ und berichtet von großem Zuspruch auch unter potenziellen Olympiateilnehmern. Winfried Hermann, sportpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, hätte gerne, dass alle deutschen Athleten bei der Eröffnungs- oder Schlussfeier den Aufdruck „Human Rights“ auf ihren T-Shirts tragen. Diese Botschaft sei so allgemein, dass sie nicht bestraft werden könnte. Seine Kollegin von der SPD, Dagmar Freitag, sagt: „Je mehr Athleten protestieren, desto schwieriger wird es für das IOC, sie auszuschließen.“ Die deutschen Wasserballer hatten sich eine textile Botschaft ohne Aufdruck ausgedacht: Sie wollen sich mit Bademänteln in den Farben der tibetischen Mönchskutten ausrüsten. In Peking versuchte sich IOC-Chef Jacques Rogge am Ende doch noch im Konkreten, als es um die Frage ging, ob Athleten bei der Ehrenrunde eine zusätzliche Fahne tragen dürfen. So hatte Cathy Freeman ihren Sieg in Sydney über 400 Meter mit einer Fahne der Aborigines gefeiert. „Es ist absolut legitim, wenn ein spanischer Athlet neben seiner Nationalflagge noch die Fahne seiner Provinz trägt“, sagte Rogge.

Eine andere Sache sei es, wenn ein Athlet eine landeseigene und eine ausländische Flagge trage. „Dann muss man interpretieren, ob das Propaganda oder eine politische Aussage ist.“ Und was passiert einem Athleten, der so etwas wagt? Das IOC werde jeden einzelnen Fall genau behandeln, sagte Rogge.

Deutlicher wollte er nicht werden: „Ich bin heute nicht in einer Stimmung für Sanktionen.“

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