Zeitung Heute : Die Zeit der Opfer ist noch nicht vorbei

36[ist seit 1998 Ressortleiterin Wirtschaft bei]

Woraus besteht Zukunft? Für Ökonomen ist es klar: Aus Zahlen.Und die sehen für Deutschland und Europa gar nicht einmal so schlecht aus, wenn man den neuen Zukunftsrechnungen der Basler Wirtschaftsforscher von PROGNOS Glauben schenkt.So wie das US-Magazin "Business Week", das vor zwei Jahren das Zeitalter Europas ausrief, sind auch die Prognos-Leute ganz optimistisch.Europa wird in den kommenden zehn Jahren noch einmal einen kräftigen Wachstumsschub erleben, der Wohlstand und Beschäftigung bringt.Dann aber - zwischen 2010 und 2020 - wird das Wachstum langsamer, die Impulse aus der heimischen Nachfrage werden schwächer.Die reifen und alten europäischen Volkswirtschaften - wie Deutschland - werden in einen gemächlicheren Wachstumstrab fallen.

Was daran auf den ersten Blick ein bißchen deprimierend aussieht und fast nach Vorruhestand klingt, wird Deutschland dennoch nicht aus dem Kreis der hochentwickelten und großen Spieler in der Weltwirtschaft herauskatapultieren.Im Gegenteil: Deutschland profitiert davon, daß Europa bis zur Mitte des neuen Jahrhunderts weiter zusammenwächst.Forschung und Entwicklung werden immer bedeutender.Aus der Horrorvision der siebziger Jahre , der "Blaupausengesellschaft", wird unter dem neuen Etikett Wissensgesellschaft und Dienstleistungsstandort eine erfreuliche, wohlstandversprechende Realität.

Nicht, daß dieser Wandel ohne Brüche stattfinden würde, daß er den Deutschen nicht ähnliche Opfer abverlangen wird, wie in den neunziger Jahren beim Umbruch von der traditionel-

len Industriegesellschaft zur hocheffizienten, computerisierten und automatisierten Produktionsnation.Nein: Das Muster eines permanenten Wandels wird sich eher verstärken, auch, wenn die Wirtschaft dann nur noch langsamer wächst.So wird das Gefühl der Unsicherheit bleiben, allenfalls gemildert durch die wachsende Bereitschaft, im Risiko des Berufswechsels auch die Chancen erkennen zu wollen.

Der Veränderungsdruck auf die deutsche Wirtschaft und ihre Arbeitswelt wird - wie in den vergangenen Jahren - überwiegend von außen kommen.Vor allem der Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder zur Union wird einen Wachstumsschub auch für Deutschland auslösen.Und genauso wird laut Prognos auch die gemeinsame Währung Euro noch einmal zusätzliche Dynamik in die gesamte europäische Wirtschaft bringen.

Die Revolution in der Medizin und der Medizintechnik wird vor allem in den wohlhabenden Ländern Europas Leben verlängern und dafür sorgen, daß die alternden Gesellschaften im Idealfall auch gesündere Gesellschaften werden.Der schonendere Umgang mit natürlichen Ressourcen kommt dazu - und taucht die Basler Prognosen in das milde Licht einer Gesellschaft, die sich selbst verlangsamt, um nachhaltig vorne im Wettbewerb um mehr Wohlstand und Lebensqualität dabei zu sein.

Auch wenn andere Volkswirtschaften dann stärker wachsen und sich schneller entwickeln, kommen sie dennoch nicht an Deutschland heran.Weil das Bevölkerungswachstum in den schnell wachsenden Schwellenländern immer noch höher sein wird als die Zunahme ihrer wirtschaftlichen Leistung, reicht ein Wachstum von vier bis fünf Prozent pro Jahr dort kaum aus, um das Wohlstandsdefizit zu Deutschland, dessen Wirtschaft bis zum Jahr 2020 allenfalls mit jährlich zwei bis 2,5 Prozent wachsen wird, zu beheben.

In den nächsten zwei Jahrzehnten wird die deutsche Wirtschaft enorme Herausforderungen bewältigen müssen.Nicht nur, daß die Arbeitslosigkeit erst mittelfristig und kaum wesentlich abgebaut wird: Wegen der weiter zunehmenden internationalen Arbeitsteilung und der Standortkonkurrenz von Billiglohnländern rechnen die Basler Zukunftsexperten mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote in Deutschland auf bestenfalls sieben Prozent - und das kaum vor dem Jahr 2020.An die Erwerbstätigen werden dabei immer höhere Anforderungen gestellt.Sie werden sich immer schneller auf immer tiefgreifendere Veränderungen ihrer Berufe einstellen müssen.Das heißt: Permanente Fortbildung - und zwar nicht nur für die Zwanzig- bis Vierzigjährigen, sondern auch für die Älteren, denen man heute noch mit freundlich ausgestatteten Konditionen das vorzeitige Ausscheiden aus dem Beruf schmackhaft machen will.

So viele Gewißheiten und dennoch keine Sicherheit: Denn ob Deutschland die Hürde ins kommende Jahrtausend erfolgreich überspringt, ist heute ungewiß.Je klarer die Forscher die Ziellinie schon weit im 21.Jahrhundert sehen, desto ungewisser ist die nächste Zukunft."Es kann besser, aber auch schlechter kommen" - mit dieser Generalklausel versehen, fordern die Basler Wirtschaftsforscher von der Politik, jetzt die Weichen für langfristiges Wachstum und Wohlstand zu stellen.Lockere Verabredungen der internationalen Partner seien allemal günstiger für wachsenden Wohlstand als Verträge etwa über festgezurrte Wechselkurse, meinen die Prognos-Forscher.Und statt für ein ausgefeiltes System von Kapitalverkehrskontrollen votieren sie für mehr Aufklärung und Transparenz über die Anlagerisiken."Aufbruchstimmung" müsse die Steuerreform verbreiten, verlangen sie - das, was die Regierung Schröder/Lafontaine plane, sei zu zaghaft."Falsche Signale" gar, attestieren sie, gebe die Sozialpolitik der neuen Bundesregierung.Die Fortführung des Umverteilungsstaates sei aussichtslos.Stattdessen müßten die Arbeitnehmer darüber aufgeklärt werden, was das deutsche Rentenversicherungssystem noch hergebe - und ermuntert werden, eigene Vorsorge zu treffen.Und auch das "Patentrezept" für den Arbeitsmarkt des kommenden Jahrtausends sehen die Prognostiker nicht: Eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen, fein aufeinander abgestimmt, werde Erfolge bringen.Besonders wichtig sei, daß die Verkrustungen auf dem Arbeitsmarkt aufgebrochen und die Durchlässigkeit zwischen Teilzeit, Vollzeit, Arbeitslosigkeit, Ausbildung, Fortbildung und Umschulung erleichtert werden.

Nicht gerade rosig, aber wahrscheinlich einigermaßen realistisch sind die Aussichten für Ostdeutschland.Die neuen Länder werden weiter aufholen - aber nur langsam.Bis zum Jahr 2020 werden sie beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf etwas mehr als 90 Prozent des westdeutschen Niveaus gekommen sein.Brandenburg wird neben Sachsen und Thüringen in die Spitzengruppe der neuen Länder vorstoßen.2020, so rechnen die Prognos-Leute vor, wird das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt Brandenburgs mit 70 200 DM höher sein als das der Berliner mit 61400 DM im Jahr.

Enttäuschend ist allerdings, daß in den Wirtschaftszweigen, die heute als Zukunftsbranchen gehandelt werden, kaum mehr Arbeitsplätze geschaffen werden.So bauen die Telekommunikationsunternehmen und Verkehrsdienstleister bis zum Jahr 2020 sogar Arbeitsplätze ab.Der Handel, das Kreditgewerbe und die Vertriebsdienstleistungen werden sich in den kommenden Jahrzehnten dagegen fundamental verändern - und noch mehr Arbeitsplätze anbieten.So gewinnt das Internet schon jetzt als Vertriebskanal und Warenkatalog immer mehr an Bedeutung."Berufsbilder, die heute nicht einmal im Ansatz erkennbar sind" werden kommen und wieder verschwinden.Neue Jobs werden außerdem bei Versicherungen (plus zwei Drittel), in privaten Haushalten (rund 20 Prozent), und in Hotels (rund 26 Prozent) geschaffen - und besonders stark da, wo die Prognos-Forscher bisher Überregulierung und ein starkes staatliches Engagement orten.

Weiter dramatisch Arbeitsplätze verlieren werden bisher stark geschützte und hoch subventionierte Branchen wie der Bergbau, die Landwirtschaft und die Eisenbahnen.Nur noch einer von heute fünf Arbeitsplätzen für Bergleute wird im Jahr 2020 übrig sein, nur noch jeder zweite Job in der Landwirtschaft und bei der Bahn.Entsprechend flau bleibt bei diesen "Arbeitsplatzverlierern" auch der Anstieg bei der Bruttowertschöpfung - das ist die wirtschaftliche Leistung der Branchen: Knapp 40 Mrd.DM im Jahr - und dabei wird es mit leichten Abstrichen auch bleiben.Entsprechend flach bleibt die Wachstumskurve bei Energie- und Wasserversorgern: Die liberalisierten Märkte verschärfen den Wettbewerb und drücken die Margen.Dazu kommt der stagnierende Absatz: Je besser der Umweltschutz und je sparsamer neu entwickelte Maschinen im Energieverbrauch sind, desto höher die Auslastung und desto geringer der Verbrauch.

Da nehmen sich die insgesamt rund 20 Prozent Arbeitsplatzrückgang bei der deutschen Industrie noch fast läppisch aus.Aber ihre Bruttowertschöpfung steigt trotz des Arbeitsplatzverlustes von etwas mehr als 750 Mrd.DM in 1997 auf die runde Billion.Wie in der Landwirtschaft wird mit immer weniger Leuten immer mehr produziert.Im verarbeitenden Gewerbe soll die Zahl der Arbeitsplätze deshalb um rund 17 Prozent schrumpfen.

Auch der Staat gehört zu den Sektoren, die weniger Menschen beschäftigen werden: Ganze 6,3 Prozent der Arbeitsplätze wird er bis zum Jahr 2020 abbauen - und damit die Staatsquote auch nicht deutlich drücken können, bemerken die Basler Forscher bekümmert.Und so wird auch im kommenden Jahrtausend bei allen Veränderungen wohl eines gleich bleiben: ein mächtiger Staat, der als Arbeitgeber immer wichtiger wird - und dessen Arbeitsplätze als einzige sicher bleiben.Kein Wunder, daß deutsche Hochschulabsolventen immer noch davon träumen, am liebsten beim Staat angestellt zu werden.

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