• Die Zeit der Weinlese hat ihren besonderen Reiz - aber auch Bozen mit seiner Altstadt und dem Ötzi-Museum lockt Besucher

Zeitung Heute : Die Zeit der Weinlese hat ihren besonderen Reiz - aber auch Bozen mit seiner Altstadt und dem Ötzi-Museum lockt Besucher

Claudia Diemar

Als Jugendliche haben wir uns den Kalterer See als eine riesige eiskalte Lache violetten Rotweines vorgestellt. Die Zweiliterbombe gleichen Namens, auch Pennerglück genannt, war ein beliebtes billiges Partygesöff mit vorprogrammiertem Kater am Folgetag.

In Wirklichkeit ist alles ganz anders. Der kleine Kalterer See ist das wärmste Binnengewässer der Alpen und funkelt in blitzsauberem Blaugrün zwischen den Rebgärten Südtirols. Und auch der Wein, der hier wächst, hat nicht mehr die damals berüchtigte blaulila Tintenfarbe. Der Grauvernatsch, einer der typischen Spezialitäten der Gegend, leuchtet im Glas in klarem hellen Rubinrot und macht mit seinen trockenen knapp zwölf Prozent garantiert keinen dicken Kopf. Seit die D. O. C.-Regelung gegriffen hat, die Herkunft und Sortenreinheit streng regelt, hat Südtirols Weinbau eine neue, steile Karriere gemacht. Die Zeiten, als unter dem Namen "Südtiroler" allerlei Verschnitt firmierte und mehr Wein in Flaschen gefüllt wurde, als der Kalterer See an Wasser hat, sind damit endgültig vorbei. Vom Lagreiner Kretzer bis zum Rosenmuskateller wird heute sortenrein gekeltert.

Blütenmeer in weißrosa

Südtirol ist ein klar gegliedertes Land. Im weiten Talboden, dem fruchtbaren Schwemmland der Etsch, drängen sich Schiene, Straßen, Autobahn neben dem Fluss, den Rest nehmen riesige Apfelplantagen ein. Rund zehn Prozent des gesamten Obstbedarfs der Europäischen Union stammen von hier. Im Frühling präsentiert sich das Etschtal daher als ein einziges weißrosa Blütenmeer. Manche sagen, dass Südtirol dann am schönsten ist. Andere schwören auf den Herbst mit seinen milden Sonnentagen. Denn an den ansteigenden Hängen links und rechts der Etsch liegen die Weingärten, je steiler das Terrain, desto besser das Produkt, darf als Faustregel gelten. Idyllische, aufgeräumte Ortschaften mit stolzen steinernen Bürgerhäusern schieben sich dazwischen. Rad- und Wanderwege queren die Weinberge. Weiter oben erheben sich wie Adlerhorste die Burgen, die einst die Verkehrswege im Tal kontrollierten. Noch weiter oben falten sich pittoreske Felsen zur Bergkulisse.

Das milde Klima verheißt schon den Süden, auf den Speisekarten findet sich manche italienische Spezialität, aber bestellen kann man überall auf Deutsch im zweisprachigen Land. Südtirols Tradition als Weinland reicht bis in die Römerzeit zurück. Zur Zeit Karls des Großen haben nicht weniger als zwölf Bistümer und 60 Stifte im süddeutschen Raum ihren Weinbedarf aus Südtirol gedeckt. Bei fast 2000 Sonnenstunden und einem Temperaturmittel von knapp 18 Grad haben die Trauben alle Chancen zum guten Gedeihen. Die Reben ranken auf "Pergeln", pergolaähnlichen Holzgestellen, die freilich in letzter Zeit oft durch profane Metallgestelle ersetzt werden. Heute stehen die Weingärten mit ihren blumengeschmückten Herrgottswinkeln offen für Spaziergänger, weisen sich gar mit allerlei lehrreichen Tafeln aus. Das war früher ganz anders, als noch die "Saltner" als Beschützer über Obst und Gemüse wachten und den Zutritt zu den Feldern streng überwachten. In ihrer seltsamen Tracht aus Pelz und Federn sahen die "lebenden Vogelscheuchen" wie Indianer aus. Der Beruf des Saltners starb vor rund 20 Jahren endgültig aus; teils lag es am Arbeitskräftemangel, teils an der Vermutung, dass die Wächter selbst die meisten Erntediebstähle begangen. Heute tauchen die wilden Gesellen ab und zu als Touristenattraktion auf oder man kann ihr Outfit im Weinmuseum von Kaltern bewundern, das Gerätschaften und Dokumente aus der 3000-jährigen Geschichte des Südtiroler Weinbaus anschaulich präsentiert.

Kaltern am Fuß des Mendelgebirges glänzt mit seinen schönen Häusern im "Überetscher Stil", die mit Doppelbogenfenstern, Freitreppen, Loggien und Torbögen prunken. Wer auf sich hält, hat eine stämmige Palme im Garten. In den windgeschützten Höfen mit Feigen- und Zitronenbäumen darf man sich wie in der Toskana fühlen. Männer mit den typischen kornblumenblauen Winzerschürzen fachsimpeln über die Qualität des jungen Weines, der wie die Äpfel jetzt geerntet wird. Das "Wimmen", wie die Weinlese sich hier nennt, wird zu Mittag von einer "Merende", einer zünftigen Brotzeit mit Speck und Käse, unterbrochen. Gepresst werden die Trauben traditionell in "Torggln", wie sich die riesigen Baumkeltern nennen. Die Verkostung des neuen Weins nennt sich folgerichtig "Törggelen" und wird wie ein Fest begangen. Kaltern liegt wie die Nachbarorte an der rund 40 Kilometer langen Weinstraße, die südwestlich von Bozen beginnt. Wenn sich im Herbst das Laub gelb-rot-orange verfärbt und der dunkelblaue Himmel den milchigen Sommerdunst verloren hat, präsentiert sich das uralte Kulturland in vollem Glanz. Keine Hitze drückt mehr; das Wandern auf zahlreichen ausgewiesenen Touren fällt leicht. Allein die 22 Schlösser und Burgen abzulaufen ist Programm genug. Und wenn es doch einmal regnen sollte, kann man in Bozen unter den Arkaden der Altstadt im Trockenen flanieren, im Traditionswirtshaus Vögele ein "Räucherbrettl mit Preiselbeerkren" vespern und anschließend der drallen blonden Wirtin im Café Rubens dabei zusehen, wie sie wunderschöne Muster in den Schaum des Cappuccino zaubert. Oder den Ötzi im archäologischen Museum bewundern, der als fragile Mumie hinter Glas in der Kältekammer liegt. Das lehrreiche Leichenschauhaus ist eine der Hauptattraktionen Bozens geworden. Der 5300 Jahre alte Ötzi, dessen gut erhaltene Bergsteigerkleidung verblüfft, kannte freilich noch keinen Wein als Stärkung.

Sekt für den Papst

Da hat es der heutige Reisende leichter, der bei anhaltendem Landregen in eine Kellerei flüchtet und sich in tiefen Gewölben zur Verkostung einfindet. Bei Helmut Winkler in Girlan etwa, dessen Familie seit über 500 Jahren im Weinbau tätig ist und sogar schon den Papst beliefert hat, kann man in der ältesten Sektkellerei Südtirols allerlei über das Geheimnis der Reben erfahren. Dass der Gewürztraminer keineswegs aus dem Elsass, sondern aus dem Südtiroler Weindorf Tramin stammt und der Sekt nicht etwa aus hellen Trauben, sondern aus rotem Blauburgunder gepresst wird, erklärt der Kellermeister. Draußen hat der Himmel längst wieder beschwipstes Blau aufgelegt, und die Sonne blendet. Morgen geht es zur Burgenwanderung.

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