Zeitung Heute : Die zornigen Beter

Indonesiens Muslime lehnen Terroranschläge ab

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta

Indonesiens Moslems brauchten keinen Aufruf von Osama bin Laden. Viele hatten ihre Solidarität mit dem irakischen Volk längst gezeigt: „Rettet Irak“ und „Kein Staatsterrorismus“ stand auf den Spruchbändern, als am vergangenen Sonntag Zehntausende durch Jakarta zogen. Dass mit „Staatsterrorismus“ das Verhalten der USA gemeint war, ist in Indonesien selbstverständlich. Selten, vielleicht noch nie, war man sich so einig. Es gibt keine Stimme, die Washingtons Linie folgt. „Diese Frage eint alle Indonesier", meint Din Syamsuddin, der Generalsekretär des Rates der Islamischen Gelehrten, „im Kriegsfall wird es einen lauten Protest geben. Islamische Fundamentalisten, moderate Gläubige und auch andere Teile der Gesellschaft – alle werden gegen die USA demonstrieren." Die „Nahdlatul Ulama“, die mit geschätzten 40 Millionen Mitgliedern größte Moslemorganisation Indonesiens und der Welt, bereitet ein Massengebet in der Stadt Surabaya vor. Zwei Millionen Menschen sollen an der Antikriegsdemonstration teilnehmen. „Wir werden für die Sicherheit der Iraker beten", sagt Nahdlatul-Ulama-Chef Hasyim Muzadi.

Ausländer haben Angst

Ausländer in Indonesien haben Sorge vor Gewalt. Viele haben Flüge ins nahe gelegene Singapur reserviert, manche laufen ständig mit Flugschein und Reisepass in der Tasche herum, damit sie jederzeit zum Flughafen fahren können. Andere haben Vorräte angelegt, so wie es viele Botschaften empfohlen haben. Dort liegen die Evakuierungspläne auf den Schreibtischen. Die internationale Schule gleicht einer Festung, seit sie 2002 wegen einer Terrorwarnung vorübergehend geschlossen war. „Es wird keine Gewalt geben", verspricht Syamsuddin vom Rat der islamischen Gelehrten, „alle großen Organisationen haben zu friedlichem Protest aufgerufen, daran werden sich die Menschen halten."

Vor dem US-Angriff auf Afghanistan war die Stimmung in Jakarta ähnlich. An der US-Botschaft brannten George-Bush-Puppen. Radikale drohten, alle Ausländer aus dem Land zu jagen. Damals blieb es bei leeren Drohungen, auch nach Beginn der Luftangriffe war es friedlich. Aber seitdem hat die anti-amerikanische Stimmung zugenommen, immer mehr Indonesier sehen den US-Kampf gegen Terrorismus als Kampf gegen den Islam an. Beliebt in Indonesien sind im Moment Deutsche und Franzosen. Vor beiden Botschaften demonstrierten am Montag Dutzende, die die deutsch-französische Politik unterstützten. Ein Aufruf von Osama bin Laden interessiert fast keinen Indonesier, sie mögen keine Terroristen. Aber die kleine Minderheit der Militanten dürfte genau zugehört haben. Ihr Bombenanschlag auf zwei Bars auf der Urlaubsinsel Bali liegt vier Monate zurück. Damals starben 200 Menschen, die meisten kamen aus dem Westen. Seitdem explodierte eine Bombe in einem McDonald’s Restaurant und ein Sprengsatz im Polizeihauptquartier. Nach 25 Verhaftungen werden immer noch mehrere Bali-Täter gesucht. Beunruhigen dürfte die Ermittler bin Ladens Aufruf zu Selbstmordattentaten. Denn alles weist darauf hin, dass an den Balianschlägen ein oder sogar zwei einheimische Selbstmordattentäter beteiligt waren.

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