Zeitung Heute : „Die Zukunft braucht Motivation“

OECD-Experte Schleicher über die richtige Art zu lernen

-

ANDREAS

SCHLEICHER (39)

ist Koordinator der PisaStudie und mitverantwortlich für den Bildungsbericht der OECD. Er wurde mit dem Theodor-Heuss- Preis 2003 geehrt.Foto: ddp

Herr Schleicher, wie sieht ein gutes Bildungssystem aus, das auch in Zukunft Bestand hat?

Moderne Bildungssysteme müssen junge Menschen nicht nur mit solidem Fachwissen ausstatten, sondern vor allem mit der Fähigkeit zu lebensbegleitendem Lernen. Das setzt voraus, dass der Einzelne motiviert ist, ständig dazuzulernen, mit den erforderlichen kognitiven und sozialen Fähigkeiten ausgestattet ist, um eigenverantwortlich zu lernen, Zugang zu geeigneten Bildungsangeboten hat und schließlich entsprechende kulturelle Anreize findet, um weiter zu lernen.

Wie schaffen das andere Länder?

Die leistungsstärksten Bildungssysteme erreichen dies indem sie wissensbasiert arbeiten, vielfältige Verbindungen schaffen zwischen den verschiedenen Lernmöglichkeiten in den unterschiedlichen Umfeldern, in denen Lernen stattfindet, und Innovation systemisch verankern. Sie definieren Bildungsziele klar und verbindlich, und ihre Schulen bieten die richtige Kombination aus qualifiziertem Lehrpersonal, differenzierten Lernangeboten sowie zeitgemäßer Ausstattung. Oft verfolgen sie auch kreative Wege um öffentliche und private Ressourcen den verschiedenen Bildungsbereichen und Bildungsanbietern angemessen zuzuweisen.

Lernen die Schüler in Deutschland also an der Wirklichkeit vorbei? Woran liegt das?

Viele der erfolgreichen Staaten geben fächerübergreifenden Kompetenzen größeres Gewicht. Nicht nur die Bildungsinhalte, auch die Struktur des Bildungsangebotes spielt dabei eine Rolle. Oft ist der Zugang zum Lernen in Deutschland der Lehrer. Die Zukunft braucht also Lehrer als Experten, die Schüler begleiten und dabei unterstützen, durch eigenständiges Denken und Handeln selbstständig und kooperativ zu lernen. Die Zukunft braucht Lehrer, die Lernpfade individualisieren und Schüler dazu befähigen, gemeinsam und voneinander zu lernen. Klassenarbeiten und Zensuren haben in Deutschland oft den Beigeschmack von Kontrolle, etwa um Leistungen zu zertifizieren und den Zugang zu weiterer Bildung zu rationieren. Die Zukunft braucht Assessments und motivierende Leistungsrückmeldungen, die Vertrauen in Lernergebnisse schaffen. Pisa kann dazu wichtige Anstöße geben. Und schließlich: In Deutschland wird viel zu viel Energie darauf verwandt, gute und schlechte Lerner frühzeitig zu selektieren. Die Zukunft braucht ein offenes und integriertes Lernangebot, das unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten gerecht wird.

So lange noch keine Verbesserungen erreicht sind: Wie können Jugendliche und deren Eltern am besten mit den Fehlern im System umgehen, um trotzdem gute Chancen bei der Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt zu haben?

Entscheidend ist, dass Schüler früh erkennen, dass Bildung einen entscheidenden Einfluß auf ihre eigene Zukunftsfähigkeit hat, materiell, aber auch im Hinblick auf ihre Möglichkeiten zur aktiven gesellschaftlichen Teilhabe. Eine hochwertige Ausbildung für eine wissensbasierte Profession sollte daher vielleicht sogar einen höheren Stellenwert einnehmen als ein früher und reibungsloser Übergang ins Berufsleben.

Das Gespräch führte Bärbel Schubert.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben