Zeitung Heute : Die Zukunft gestalten

MARTINA OHM

Die Dienstleistungsgesellschaft als Schlüssel zum Jobwunder? Eine Alternative gibt es kaum.Dennoch sollte Sie nach dem eigenen Bedürfnissen gestaltet sein und nicht eine Kopie des amerikanischen Vorbilds.VON MARTINA OHMMit stiller Bewunderung blicken die westlichen Industrienationen auf die USA.Das Jobwunder, das die Vereinigten Staaten nun schon seit Jahren produzieren, gilt als Beweis für die Überlebensfähigkeit traditioneller Volkswirtschaften.Dienstleistung heißt die - schon vom französischen Soziologen Jean Fourastié in den 40er Jahren beschworene - Zauberformel der Amerikaner, die mittlerweile rund um den Globus die Hoffnung nährt, den Menschen auch im 21.Jahrhundert ein erträgliches Leben zu gewährleisten. Bewunderung und Hoffnung freilich werden begleitet von Unbehagen und Skepsis.Der Preis für den schnellen Beschäftigungserfolg in der US-Arbeitsmarktstatistik durch die vielen Billigjobs erscheint manchem zu hoch.Vor allem aber stimmt eines bedenklich: Für ein kluges Abwägen der Vor- und Nachteile, für ein Aufrechnen möglicher gesellschaftlicher Folgekosten gegenüber kurzfristigem Zugewinn bleibt zu wenig Zeit.Zu dynamisch wirken die unsichtbaren Kräfte des Marktes, die der wirtschaftlichen Entwicklung schon zu Tagen, da das Industriezeitalter noch in den Kinderschuhen steckte, eine gewisse Schicksalshaftigkeit verlieh. Es sollte klar sein: Das Fehlen einer Alternative zur Dienstleistungsgesellschaft bedeutet nicht, auf die Gestaltung nach eigenen Bedürfnissen zu verzichten.Der Weg in die Zukunft läßt viele Varianten zu.Wo die alten Industrien durch kapitalintensivere und phantasievollere Produktionen kontinuierlich ersetzt werden, wo der Wettbewerb der Standorte dem Wettbewerb um Ideen und Kreativität weicht, ist Europa, ist vor allem Deutschland aufgefordert, mit neuer Beweglichkeit an alte Traditionen anzuknüpfen und verlorengegangenes Terrain in Forschung, Technik und Lehre zurückzugewinnen.Freilich muß auch klar sein: Ohne zusätzliche Arbeitsplätze taugt selbst die schönste Tradition nur wenig.Trotz aller Vorsicht sollte man sich aber vor Vorurteilen hüten: Nicht alle neuen Beschäftigungsverhältnisse sind Billigjobs; nicht wenige sind durchaus stabil und führen keineswegs automatisch in Sozialhilfe und Armut. Da kann auch Deutschland noch lernen.Freilich gehen die entscheidenden Impulse hier nicht von der Politik aus.Wer an Forschung und Bildung spart, wer Selbständigkeit, materiell wie immateriell, nur kleinmütig fördert, muß sich nicht wundern, wenn die Wettbewerbschancen im internationalen Konzert ungleichgewichtig verteilt bleiben.Wohl wissend um den bestehenden Rückstand im Dienstleistungsgeschäft, der übrigens auch im Export negativ zu Buche schlägt, haben sich inzwischen zwar alle Parteien dem unverbindlichen Arbeitstitel "Fortschritt durch Innovation" verschrieben.Wirkungsvoller freilich als die politischen Lippenbekenntnisse sind die Ergebnisse, die deutsche Unternehmen schon heute vorweisen können.Ganz gezielt haben sich die Betriebe auf den Weg gemacht, wenigstens im Innenleben die Firmenlandschaft wieder einigermaßen ins Lot zu bringen, was in den Aufbaujahren offensichtlich aus dem Blickfeld geraten ist.Engagement, Mitsprache, Selbständigkeit, aber auch Offenheit und Konfliktfähigkeit sind Werte, auf die heute kein Unternehmen mehr verzichten kann.Das neue Kapitel, das die Betriebswelt inzwischen aufgeschlagen hat, bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf alte Gewohnheiten.Selbst die bisher so festgefügten tariflichen Absprachen unterliegen bereits einem Wandel, der in bemerkenswerten Maß von Freiwilligkeit geprägt ist.Wer Zukunft gestalten will, tut gut daran, dies als richtige Signale zu werten. Das gilt auch für das wirtschaftlich so arg gebeutelte Berlin.Das Neue, das auf Europas größter Baustelle erkennbar wird, zeigt den Weg.Nirgends sonst in der Republik war der Strukturumbruch nach der Wende radikaler als in Deutschlands Mitte: Über die Hälfte aller Stellen im verarbeitenden Gewerbe brachen weg und über ein Viertel aller Jobs im öffentlichen Dienst.Der private Dienstleistungssektor hingegen erweist sich auch in der Hauptstadt mehr und mehr als tragende Stütze.Mit einem knappen Drittel aller Beschäftigten avancierte die Branche zum Arbeitgeber Nummer 1.Das ist zwar immer noch deutlich weniger als in anderen deutschen Großstädten.Aber auch für Berlin gilt: Ohne die Dienstleister wäre unser Alltag deutlich trister.

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