Zeitung Heute : "Die Zukunft, und nichts als die Zukunft"

Der Niederländer Edgar van Ommen (50) lebt seit sechs Jahren in Berlin.Als Chef der Sony Berlin GmbH ist er verantwortlich für den Bau und die Inbetriebnahme des 1,5 Mrd.DM teuren Sony-Center am Potsdamer Platz.Schon mit zwanzig zog es den gelernten Hotelmanager ins Ausland.Van Ommen führte Hotelanlagen auf den Bermudas, in Südafrika, Indien und in Bangkok.Über die Zukunft der Region Berlin-Brandenburg sprach mit ihm Antje Sirleschtov.

TAGESSPIEGEL: Sie bereiten mit dem Bau eines futuristischen Komplexes am Potsdamer Platz den Umzug der Europa-Zentrale von Sony vor.Was zieht den Konzern ausgerechnet nach Berlin?

VAN OMMEN:Die Zukunft und nichts als die Zukunft.Sehen Sie, schon in den wenigen Jahren, in denen ich hier lebe, habe ich festgestellt, daß die Entscheidung der Sony-Zentrale, den Standort Berlin zu wählen, goldrichtig war.Diese ganze Region erwacht zum Leben und wird schon bald eine europäische Metropole sein.Und wer in zehn Jahren in Osteuropa wirtschaftlich etwas ausrichten will, muß jetzt in Berlin Fuß fassen.

TAGESSPIEGEL: Sind ihre Visionen von der internationalen Metropole nicht zu optimistisch? Eine Studie der Beratungsgesellschaft Prognos bescheinigt der Region kaum Bevölkerungswachstum und eine "nicht vorhersehbare wirtschaftliche Entwicklung".Zudem liegen die Auswirkungen des Strukturwandels wie Mehltau über Berlin und Brandenburg.

VAN OMMEN: Sicher, die Umbruchprozesse in Gesellschaft und Wirtschaft fordern von der Region große Opfer.Da kann man Visionen schon mal aus dem Auge verlieren.Aber glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche.Nachdem ich schon fast überall auf der Welt gelebt habe, begeistert mich die Entwicklung dieser Stadt immer wieder.Mein Büro in der Friedrichstraße ist doch ein klarer Beweis.Vor ein paar Jahren mußte man sich hier fürchten, wenn man auf die Straße ging.Heute brodelt das Leben Tag und Nacht.Zeigen Sie mir eine Stadt in Europa, die so gute geographische Voraussetzungen für Wachstum hat.Berlin liegt genau zwischen Rom und London und hier treffen Ost- und Westeuropa aufeinander.

TAGESSPIEGEL: Vorerst fürchten sich die Berliner mehr vor den Polen und Russen, als daß sie als Chance sehen.

VAN OMMEN: Das wird sich bald ändern.Polen beeindruckt schon jetzt durch seine Dynamik.Warten Sie mal ab, auch Rußland wird sich von den Turbulenzen erholen.Dann werden in Berlin ganz viele internationale Konzerne Station machen, um diese riesigen Märkte von hier aus zu bereisen und zu bearbeiten.Osteuropa wird den Berlinern Geld bringen.

TAGESSPIEGEL: Das setzt Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur voraus.Straßenbaupläne und das Projekt Großflughafen machen allerdings im Moment keinen zukunftsorientierten Eindruck.

VAN OMMEN: Das Vorhandensein einer leistungsfähigen Infrastruktur ist in der Tat die wesentliche Voraussetzung für eine Metropole.Aber auch hier mache ich mir kaum Sorgen.Berlin wird einen international bedeutsamen Flughafen haben.Ob früher oder später, wird sich zeigen.Aber das es so kommt, ist sicher.Solche Prozesse lassen sich nicht aufhalten.Das Profil dieser Stadt bildet sich ganz gewiß heraus.

TAGESSPIEGEL: Und wie sieht dieses Profil aus?

VAN OMMEN: Im Zentrum dieser Region werden junge Leute leben und arbeiten, vor allem im Servicebereich und im Management.Brandenburg, von dessen Vereinigung mit Berlin ich übrigens überzeugt bin, wird all die anderen Funktionen wahrnehmen.Denken Sie an die Filmstudios in Babelsberg, diesen schlummernden Diamanten.Und es wird Anlagen zur Herstellung intelligenter Produkte geben, man wird dort attraktiv wohnen und seine Freizeit verbringen.Ganz so, wie man sich die Zukunft von Metropolen vorstellt.

TAGESSPIEGEL: Sieht die Zukunft der Region Berlin/Brandenburg wirklich so glanzvoll aus?

VAN OMMEN: Ich glaube, es gab keine Zeit vor dieser, in der es so unmöglich war, zielsichere Prognosen über das Leben in zehn Jahren zu treffen.Wenn Sie sich die rasante Veränderung im Multimediabereich ansehen, dann wissen Sie, daß alles, wirklich alles möglich sein kann.Fakt ist, daß schon jetzt Medien und die Kommunikationswirtschaft vom Sitz der Bundesregierung angezogen wird.Der gesamte Markt wird sich explosionsartig entwickeln.Und es gibt hier drei Universitäten, die jährlich eintausend intelligente Menschen ausschütten, die sich selbständig machen werden.Noch ahnen wir garnicht, was uns der Servicebereich alles bringen wird.Wir haben noch nicht einmal das amerikanische Niveau erreicht und auch die USA bleiben in ihrer Entwicklung nicht stehen.

TAGESSPIEGEL: Das klingt alles sehr berauschend.Werden die Menschen, die hier leben, dieses Tempo überhaupt mitmachen können?

VAN OMMEN: Das weiß ich nicht.Sicher ist, daß sich die gesamte Arbeitswelt in den nächsten Jahrzehnten verändern wird.Welche Auswirkungen das auf Berlin hat, sehen wir schon jetzt.Die Alt-Berliner verlassen ja schon die Stadt, siedeln sich in der Region an oder ziehen weiter weg.Stattdessen zieht die Metropole magisch jungen kreative Menschen an.Denn in Berlin zu arbeiten macht Spaß, hier ist immer etwas los.Es wird kaum jemanden geben, der in seinem aktiven Arbeitsleben nur einen Beruf ausübt.Ich schätze zwei-, dreimal wird jeder den Job wechseln.Die Menschen in dieser Region sollten keine Angst haben.Die Entwicklung Berlins wird sich wie die eines kleinen Kindes vollziehen.Und wer bei diesem Erziehungsprozeß mitmacht, der wird mit dem Kind wachsen.

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