Zeitung Heute : Die Zweifel und der Angeklagte

Prozess im Mordfall Anna Lindh – und Schweden debattiert über geisteskranke Täter

Helmut Steuer[Stockholm]

Durch einen Tunnel ist er gerade gegangen. Ein Tunnel, dunkel, trotz gleißendem Neonlicht. Mijailo Mijailovic, ein stiller junger Mann, gerade 25 Jahre alt geworden, Sohn serbischer Einwanderer, ein Einzelgänger, sagen seine ehemaligen Schulfreunde. Er hat gestanden, am 10. September des vergangenen Jahres die schwedische Außenministerin Anna Lindh mit Messerstichen verletzt zu haben. So schwer, dass sie einen Tag später starb. Das hat er gestanden, aber er sagt auch, er selbst habe sie nicht töten wollen. Stimmen in seinem Kopf hätten ihn dazu aufgefordert.

Dunkel ist auch seine Kleidung, als er am Mittwochmorgen den Hochsicherheitssaal des Stockholmer Amtsgerichts betritt. Durch den Tunnel, verbunden mit dem Kronobergsgefängnis, kommt er. Schwarzer Pullover, schwarze Sporthose, Blick nach unten. Er scheint kaum Notiz von den rund 100 Medienvertretern im Saal zu nehmen. Ein frischgewachsener Backenbart lässt sein Gesicht fülliger als auf den Polizeifotos erscheinen. Schweigend sitzt er auf der Anklagebank, hört zunächst teilnahmslos den Ausführungen der Staatsanwältin Agneta Blidberg zu. Sie beschuldigt ihn, Außenministerin Anna Lindh nicht im Affekt umgebracht zu haben, nein, er habe die Tat mindestens eine Viertelstunde lang geplant. Das wäre dann Mord. Mijailovics Verteidiger Peter Althin weist das zurück, sagt, möglicherweise sei die Kombination von Antidepressions-Medikamenten, die sein Mandant seit langem einnimmt, „unglücklich“ gewesen. „Es ging ihm furchtbar schlecht, er hörte innere Stimmen“, sagt der in Schweden sehr bekannte Strafverteidiger, und dass Mijailovic „keine Absicht zu töten“ gehabt habe.

Das Land hört zu. Der Rundfunk, das Fernsehen berichten vom Prozessauftakt. Senden die über zwei Stunden lange Schilderung der Indizienkette aus DNA-Untersuchungen an Mordwaffe und Kleidung von Opfer und Täter. Mijailovic blickt immer noch nach unten. Und als Staatsanwältin Blidberg das Ergebnis der Obduktion von Anna Lindh verliest, sieht er niedergeschlagen aus. Im Radio melden sie später, er habe Tränen in den Augen gehabt.

Überall an diesem grau-tristen Mittwoch sieht man Menschen in Stockholm, die die Nachrichten im Radio und die Prozessberichterstattung im Fernsehen verfolgen: vor den Schaufenstern von Elektronikläden, unter Walkman-Kopfhörern in der U-Bahn.

Zwei Wochen nach Lindhs Tod – und nach einem Fehlgriff – nahm die Polizei Mijailovic fest. Der Mann leugnete zunächst, obwohl vieles von vornherein gegen ihn sprach: die Erbgut-Analysen, die Bilder der Überwachungskamera vom Tatort, dem Stockholmer Kaufhaus NK, in dem Lindh zusammen mit einer Freundin auf Einkaufsbummel war.

„Es hätte auch jemand anderes sein können“, er habe es nicht auf Lindh abgesehen, sagt Mijailovic am Mittwoch im Gerichtssaal. „Ich hatte kein politisches Motiv, ich hörte Stimmen, die sagten, ich solle sie angreifen.“ Die Formulierungen wiederholen sich. „Fremde Stimmen“, „Ich fühlte mich furchtbar schlecht“, „Ich kann mich nicht mehr erinnern“. Schweden hört zu, möchte aber auch wissen: Warum? Möchte vielleicht irgendeinen Sinn, einen irgendwie rationalen Grund für Lindhs Tod geliefert bekommen. War die glühendste Euro-Befürworterin in der Regierung vier Tage vor dem Euro-Referendum vielleicht doch einem politischen Mord zum Opfer gefallen? „Ich habe absolut nichts gegen Anna Lindh“, sagt Mijailovic. Und: „Ich hatte kein Motiv. Ich fühlte mich sehr, sehr schlecht, ich hörte Stimmen.“ Und dann schildert er, wie er vor dem Angriff auf Lindh und wenige Tage später psychologische Hilfe gesucht hätte. Doch sein Arzt sei nicht da gewesen.

Schon vor dem Geständnis löste der Tod der Außenministerin eine bis heute andauernde Debatte über die Psychiatrie in Schweden aus. Die Zeitungen schrieben, dass allein im vergangenen Jahr fünf Menschen in Schweden von psychisch Kranken ermordet worden seien. Diese Täter und die anderen etwa 60, die ihre Opfer zum Teil schwer verletzt hatten, seien alle in Behandlung gewesen. Der Wohlfahrtsstaat, der den Anspruch hatte, für seine Bürger von der Wiege bis zur Bahre zu sorgen, habe da offenbar versagt.

Neue Steuererhöhungen werden derzeit diskutiert, ein Göteborger Psychologie-Professor spricht am Mittwochmorgen im Radio von einem Skandal in seinem Land. „Die Leute zahlen und zahlen, aber man fragt sich, wofür eigentlich.“

Mijailovic hat schon mit 17 seinen betrunkenen Vater mit mehreren Messerstichen lebensgefährlich verletzt, als dieser im Rausch die Mutter wie so häufig zuvor attackierte. Später vor Gericht wurden ihm von mehreren Psychologen schwere seelische Störungen bescheinigt und der Staat beauftragt, den Kranken in einer Anstalt zu behandeln. Seine damalige Verteidigerin sagt heute: „Hätte der Staat diese Verpflichtung wahrgenommen, würde Anna Lindh noch leben.“

Doch ist Mijailovic, in Schweden geboren, mit sechs Jahren nach Serbien, in die Heimat seiner Eltern, zurückgeschickt und als 13-Jähriger wieder zurück nach Schweden gekommen, zu gesund für die Psychiatrie, zu krank für das Gefängnis? Möglicherweise hat dieses Dazwischensein seinen blutigen Weg bestimmt. Schweden ist nach dem Tod der beliebten Außenministerin aufgewacht, das Land beginnt zu begreifen, dass das hübsche Bild von Bullerbü nicht mehr die Realität beschreibt, wohl eher der brutale Alltag des Kriminalroman-Kommissars Wallander. Und Mijailovic? Er wird nach drei Prozesstagen und einer anschließenden medizinisch-psychologischen Untersuchung wohl zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt werden. Oder zu einer Einweisung in die Psychiatrie. Für genauso lange.

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