Zeitung Heute : Die Zwölf-plus-dreizehn-Gespräche

TISSY BRUNS

BONN .Keine Frage: ein Rekord.Wie ein lebendiges Gebirge umlagern die Fotografen und Kameraleute die Bühne der Bundespressekonferenz, auf der gleich der zukünftige Kanzler Platz nehmen wird.Wieder, wie schon mittags vor dem Ollenhauer-Haus, übertrifft die Menge von Journalisten und Fernsehstationen jedes vorherige Maß.Gerhard Schröder kommt mit Oskar Lafontaine, um öffentlich grünes Licht für Koalitionsverhandlungen zu geben.Natürlich für ein rot-grünes Bündnis, "die logische Konsequenz" aus dem Wahlergebnis, wie Schröder sagt.Der Parteivorstand hat seinen Segen dazu gegeben.Schon in der Nacht hatte sich mit wachsendem Sitzvorsprung von Rot-Grün herauskristallisiert, daß die SPD und ihre Spitzenleute über die Koalitionsfrage nicht streiten müssen.

Also Rot-Grün.Am Freitag soll die erste Verhandlungsrunde losgehen.Auf der einen Seite das SPD-Präsidium, auf der anderen die grüne Kommission, die am Morgen im Bundesvorstand festgelegt worden ist.Ganz glücklich war die SPD nicht, daß die Öko-Partei mit zwölf Unterhändlern antritt.Sie hätte es gern überschaubarer gehabt.Andererseits erspart die Lösung, nun ihrerseits mit den dreizehn Präsidiumsmitgliedern anzutreten, der SPD die Qual der Wahl.Verhandeln werden ernstlich ohnehin nur zwei, nämlich Lafontaine und Schröder."Gemeinsam", sagt Schröder.Er prophezeit, daß es auch in diesem Fall "niemandem gelingen wird, auch nur die Spur einer Differenz zwischen uns auszumachen".Im übrigen erreichen die künftigen Koalitionspartner jedenfalls in einem Punkt ein solides Maß an Gemeinsamkeit: in ihrer Entschlossenheit, über Personal, Minister und Verhandlungen möglichst wenig zu sagen."Das tragen wir nicht auf dem offenen Markt aus", heißt es bei Schröder und Lafontaine, wenn es um den künftigen Außenminister Joschka Fischer oder die Zahl grüner Ministerien geht.

"Heute keine Details bitte, es ist nicht die Stunde." Drei Stunden vor dem roten Duo hatte das grüne Quartett im Saal der Bundespressekonferenz wortreich wenig gesagt.Die beiden Parteisprecher, Jürgen Trittin und Gunda Röstel, und die Fraktionssprecher Kerstin Müller und Joschka Fischer verkünden die Botschaft als erste: Es wird verhandelt.Joschka Fischer wirkt am Tag nach der Wahl wie einer, dem die neue Verantwortung schwer auf den Schultern liegt.Sein knapper Kommentar: "Die Mehrheit ist da.Jetzt müssen wir was draus machen." Trittins Echo: "Was wir machen, muß auf vier erfolgreiche Jahre angelegt sein." Die Bündnisgrünen am Tag nach der Wahl: keine Euphorie und keine Selbstgefälligkeit.Trittin wirkt hocherfreut, Fischer geradezu erschöpft.Ein gewaltiges Stück Arbeit liege vor der Regierung, medidiert er - und stützt den Kopf mit der Hand ab.

Fischer hat im Wahlkampf und in der Wahlnacht immer ein bißchen mehr zu tun als seine Kollegen.Fischer, Trittin und Röstel sind, wie es sich gehört, noch am Wahlabend zur Gratulationscour beim Sieger angetreten.Auch Lafontaine war dabei, als noch vor Mitternacht die erste Vor-Vorverhandlung begonnen hat.Doch während Trittin, Röstel und erstaunlich viele andere Grüne bei der Wahlfeier in der niedersächsischen Landesvertretung bleiben, geht Fischer ein paar Häuser weiter - zur saarländischen Landesvertretung, wo Hausherr Oskar Lafontaine noch ein knappes Mitternachtsstündchen mit ihm geredet hat.Sicher keine Plauderstunde - Fischer und seine Partei haben jedenfalls den Ernst an den Tag gelegt, der nun von ihnen erwartet werden muß.Ob Gunda Röstel, Kerstin Müller, Trittin oder Fischer: Sie reden alle oft und koalitionsfreundlich vom "Bündnis für Arbeit".Die Ökosteuer, sagt Fischer tiefernst, "wird ein interessanter Punkt in den Gesprächen mit der SPD sein." Um anschließend das potentielle Konfliktthema mit einem gemeinsamen Anliegen der künftigen Partner zu begründen: Wie anders als mit der Ökosteuer ließen sich denn die Lohnnebenkosten wirklich senken?

Jürgen Trittin wirkt an diesem Montag viel gelassener als der angespannte Parteisprecher.Vielleicht weiß er einfach weniger als Fischer, in jedem Fall hat er hohe Erwartungen.Trittin kennt Schröder aus der gemeinsamen Regierungszeit in Niedersachsen: "Das war seinerzeit eine erfolgreiche Veranstaltung in Hannover." Er wird, sagen die Auguren, hochwahrscheinlich Umweltminister.Und Fischer? Außenminister? Alleiniger Fraktionssprecher? Für die Gesundheitspolitik ist die Andrea Fischer aus Berlin im Gespräch, die in der letzten Legislaturperiode ihrer Partei sozialpolitische Realitätsgewinne verschafft hat.Es wird aber auch über Bärbel Höhn gesprochen, die als nordrhein-westfälische Umweltministerin sattsam Erfahrungen sammeln konnte in der Bewältigung von Koalitionskonflikten und in der Bändigung des linken Parteiflügels.

Aber Personalien bleiben vorläufig die reine Kaffeesatzleserei.Selten jedoch wird dafür so schöner Stoff geliefert wie gestern mit einer Handbewegung von Gerhard Schröder.Was Oskar Lafontaine im Falle eines Wahlsieges wird, ist eine der geheimsten Personalfragen des Regierungswechsels.Fraktionsvorsitzender oder der superwichtige Finanzminister im Kabinett Schröder? Oskar verschanzt sich weiter hinter den Koalitionsverhandlungen, von denen alles abhängt.Gerhard verrät alles, als er auf die überaus unwichtige Frage nach der Mehrwersteuer auf den Expo-Eintrittskarten mit der Hand auf seinen Nachbarn weist: "Der Rest wird mit dem neuen Finanzminister besprochen." Da lachen Oskar, Gerhard und der ganze Saal - obwohl immer noch keiner etwas Verbindliches weiß.

Verbindlich aber ist Schröder bei den Personalien, die er im Wahlkampf gestartet hat.Jawohl, Michael Naumann und Jost Stollmann werden Minister.Tatsächlich sind die beiden Seiteneinsteiger die, wenn man so will, ranghöchsten Teilnehmer der kleinen Siegesfeier, die in der Wahlnacht in der Friesenstube, im Keller der niedersächsischen Landesvertretung gefeiert wird.Ausgerechnet als Schröder-Freund Götz von Fromberg "als einziger Millionär, der Schröder gewählt hat", zu einer kleinen Ansprache anhebt, kommt Stollmann in den Raum.Den er bald wieder verläßt, denn im Vorraum steht Alfred Tacke, Staatssekretär im niedersächsischen Wirtschaftsministerium, der dieselbe Funktion künftig für Stollmann ausüben soll.Die Herren haben zu arbeiten.Naumann genießt derweil die Feier.Es wird von allen Schröder-Vertrauten versichert, daß Schröder es ernst meint, Naumann, in welcher Form auch immer, zum Minister zu machen.

"An wen haben Sie zuerst gedacht, als Sie gehört haben, daß Sie Kanzler werden", will jemand von Schröder wissen.Das stürzt Schröder, der ansonsten alle Fragen flüssig, kompetent und heiter beantwortet, ins Grübeln.Er wisse es einfach nicht.Da kommt ein Vorschlag aus dem Saal."An Oskar." Dem Spitzenduo der SPD ist nach dieser Wahlschlacht zuzutrauen, daß auch am Verhandlungstisch mit den Grünen kein Blatt Papier zwischen die beiden paßt.Auch wenn die Devise heißt: vereint schlagen, getrennt feiern.Denn während in der niedersächsischen Landesvertretung Schröder im Kreise der Vertrauten saß, feierte Lafontaine im Kreise seiner Mitarbeiter in der saarländischen Landesvertretung.

Hans-Olaf Henkel übrigens, den Boß der Bosse, hat es noch Sonntagabend in Schröders Bonner Domizil gezogen.Weshalb der am Montag ganz gelassen sagen konnte, daß bei den Arbeitgebern "nach der ersten Überraschung Normalität einzieht."

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