Zeitung Heute : Die Zylinder-Zeremonie

JAN SCHULZ-OJALA

Kopfgeburt: "Adolf Hitler" von Jörg-Michael Koerbl im TachelesVON JAN SCHULZ-OJALADrei Motive mögen einen zu dieser kulturellen Begegnung treiben.Der Ort: wieder einmal, nach längerer Pause, das Tacheles (oder, wohl genauer: noch einmal).Zweitens, der kleine, mögliche Ruch eines Skandals: Schließlich war das Projekt im April kurzfristig vom Spielplan des Berliner Ensembles gekippt worden.Und drittens, das Thema: Adolf Hitler auf der Bühne, gar als Titelheld? Nach den neueren Hommagen an Eva Braun (BE) und Emmy Göring (Maxim Gorki Theater) und dem Arturo Ui-Dauererfolg (wiederum BE) nun das Monstrum himself - muß die satanische Jahrhundertfigur, jeglichen künstlerischen Pseudonyms entkleidet, nicht auf jeder Bühne wie ein Abziehbildchen wirken? Zunächst das Tacheles.Ja, es ist schön, noch einmal Gruftluft zu schnuppern in dieser Berliner Begeisterbahn der wilden Jahre Null, Eins und - so eben noch - Zwo der neuen Republik.Auch wenn die abblätternden Wände im Laufe der Zeit reichlich glattgeglotzt worden sind: es hat was, im kalten "Foyer" im Hochparterre zu stehen, dicht neben dem Elektrokocher, auf dem der Glühwein wie Muttis Eintopf siedet; es hat was, in diesem über die Jahre geretteten Refugium als natürlichen Charme zu verbuchen, was anderswo gleich unter Professionalitätsverdacht stehen würde; und ist nicht gar der riesige Theatersaal, der Luft nach zu schließen, mit einem gewaltigen Lagerfeuer vorgeheizt worden? Zweitens: der Skandal.Er ist keiner.Fraglos war das BE im Frühjahr (Wuttke nicht mehr willens, Findungskommission im Einsatz, ziemlich dünner Spielplan) einigermaßen von der Rolle, aber noch geistesgegenwärtig genug, ein szenisches Chaos nicht um jeden Preis rauszuhauen.Drittens: Ist die von Koerbl in die politische Zensur-Ecke gerückte Sache wenigstens jetzt, sieben Monate später, rund genug? Tja, das Stück."Uraufführung/Versuch" hatte das BE im Frühjahr getextet.Im Tacheles gibt es allenfalls den Versuch einer Uraufführung.Am BE hätten acht Schauspieler für 30 Rollen zur Verfügung gestanden, jetzt sind es Koerbl und zwei Sekundantinnen, die 77 Rollen meistern.Auf der Bühne, die aus exakt vier Sitzgelegenheiten und einem immergleichen Licht besteht, geht das wie eine szenische Lesung ohne Szene.Nicht mit verteilten Rollen, sondern als Monolog (meist Koerbl) mit Regieanweisungen (die noch sehr junge Lisa Klingelhöffer und die, wie sich spät zeigt, eklatant unterforderte Michaela Schmidt) - ein Verfahren, in das sich zudem zahlreiche Texthänger elegant hineininszenieren ließen.Und Hitler? Soweit sich ein Anliegen, eine Handlung gar aus der überwiegend monotonen Buchstabenkaskade herausdestillieren ließ: ja, er spielte wahrscheinlich auch eine gewisse Rolle.Leider auch Tucholsky, als "Kurt" kaum getarnt (der für eine alberne Selbsterdrosselungsnummer herhalten mußte).Leider auch "Anne" Frank, die sich Gedanken über Bergen-Belsen machen durfte.Und Stalin, Roosevelt und all die anderen Komödianten dieser Schmieren-Kopfgeburt. Am wichtigsten aber offenbar: ein gewisser Herr Eber und ein gewisser Herr Körl.Sie treffen erst im fünften Akt, zweite Szene aufeinander, aber da ist das somnambule, handverlesene Premierenpublikum auf einmal hellwach.Denn es geht um keinen Geringeren als Koerbl selbst, der dem einstigen Dramaturgen des Deutschen Theaters, Michael Eberth, ein Stück zu verkaufen sucht - vergeblich, versteht sich.Da lachen die Leute über diesen Zeremonienmeister mit Zylinder, weil sie was verstehen - und sei es eine ziemlich kleinteilige Ranküne.Der Rest ist Dämmern, Applaus und raus. Tacheles, noch einmal heute, 23 Uhr.

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