Zeitung Heute : Die zynischen Neujahrsgrüße des Terrors

ALBRECHT MEIER

Nordirland steht im Bann der Sektierer und SympathisantenVON ALBRECHT MEIERNordirland am Jahresbeginn 1998: Ginge es nach dem Willen der Gutmeinenden, Vermittler und auch nach dem Großteil der nordirischen Bevölkerung, dann wäre das der Moment für einen hoffnungsfrohen Ausblick.Am 12.Januar werden die Verhandlungen über die Unruheprovinz fortgesetzt, und schon im Frühjahr soll nach dem optimistischen Plan des britischen Premiers Tony Blair die Gestalt des neuen Nordirland schemenhaft sichtbar werden.Stattdessen haben nun Terroristen ihre zynischen Neujahrsgrüße abgegeben.Ein Wachmann wird erschossen, ein anderes Mal schlägt die protestantische Miliz mit dem obskuren Namen "Loyalist Volonteer Force" in einem katholischen Pub in Belfast zu.Als wäre nichts gewesen, sind Rachemorde in Nordirland wieder an der Tagesordnung.Droht nun also ein Ende der Waffenruhe? Auch wenn Vorhersagen dieser Art naturgemäß kaum möglich sind, steht eines für die unmittelbare Zukunft fest: Je konkreter die Abmachungen bei den Friedensgesprächen, umso heftiger das Störfeuer einzelner Terroristen.Die Suche nach den Gründen für den neuerlichen Ausbruch der Gewalt führt direkt in einen Untergrund aus Irregeleiteten, Berufskriminellen, aber auch spießbürgerlichen Machos und revolutionären Träumern - ein schwer durchschaubares Biotop, in dem die Regeln der politischen Rationalität so viel gelten wie das Wort der Queen an der Falls Road, dem Katholikenviertel von Belfast.Auf der anderen Seite der unsichtbaren Grenze, die die Stadt bis heute teilt, hatte ein Mann namens Billy Wright sein politisches Zuhause.Die Ermordung des pro-britischen Terroristen im Maze-Gefängnis durch Mitglieder einer von der IRA abgefallenen Splittergruppe und die darauffolgenden Vergeltungsakte müssen auf die Nordiren nun wie dunkle Echos des Bürgerkrieges wirken.Wenn es gut geht, werden die Schüsse im Maze-Gefängnis, in Dungannon und in Belfast Teil des Bandenkrieges zwischen unberechenbaren Milizen bleiben, die die Waffenruhe bis heute nicht akzeptieren.Im anderen Fall stünde Nordirland ein weiteres Mal direkt am Abgrund - und am vorläufigen Ende des Friedensprozesses.Erneut spielt in Nordirland die Minderheit mit der Mehrheit: Die Parteien, die am Verhandlungstisch die protestantischen Paramilitärs vertreten, fallen von ihrer politischen Bedeutung her kaum ins Gewicht.Nach dem Mord im Maze-Gefängnis spielen sie aber urplötzlich eine Schlüsselrolle.Auch wenn die Friedensgespräche nach dem Willen von Tony Blair und seiner Nordirland-Ministerin Mo Mowlam im Frühjahr ungeachtet des Teilnehmerkreises genügend Eigendynamik entwickeln sollen, sieht die Wirklichkeit anders aus.Machen die Vertreter der protestantischen Terrorgruppen ihre Drohung wahr und verlassen den Verhandlungstisch, dann wird wohl auch in diesem Jahr die entscheidende Frage der Entwaffnung der Milizen ungelöst bleiben.Bis jetzt hat die frische Politik, mit der Mo Mowlam bewußt alte Gräben überspringen will, für den Verhandlungsprozeß eher belebende Wirkung gehabt.Umso mehr dürfte der Ministerin die Reaktion in der protestantischen Bevölkerung auf die Ermordung des Milizchefs Billy Wright, eines zwischen alle Fronten geratenen Sektierers, zu denken geben.Mit seinen Methoden sprach der Terrorist Wright am Ende nur noch für sich selbst und seine "Loyalist Volunteer Force".Sein Ziel - der Kampf gegen ein vereinigtes Irland - ist den Protestanten im Norden der Insel aber keineswegs fremd.Spätestens seit der Einladung des Sinn-Fein-Chefs Gerry Adams in die Downing Street fürchten sie, daß der Ausverkauf ihrer Interessen bevorsteht.Dabei übersehen sie geflissentlich, daß sich auch Adams innerhalb der Sinn-Fein-Partei und der IRA, deren Fernziel die Vereinigung Irlands bleibt, gegen eine einflußreiche Minderheit durchgesetzt hat.Gerry Adams ist zwar als vorzeigbares Gesicht der irisch-republikanischen Bewegung zum hochoffiziellen Verhandlungspartner Londons geworden.Aber ähnlich wie im protestantischen Lager müssen auch die Extremisten unter den irischen Nationalisten bei einem Teil der Bevölkerung nicht mit Ächtung rechnen, wenn sie nun ihrerseits über Vergeltung nachdenken.Mo Mowlam kennt das Risiko: Am Ende könnte eine Minderheit von Sektierern und Sympathisanten das Schicksal Nordirlands entscheiden.

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