Zeitung Heute : Diener zweier Herrn

Nach dem Rücktritt von Erzbischof Wielgus steht jetzt der Papst in der Kritik. Was wusste der Vatikan?

P. Flückiger[u],Warschau[u],C. Keller[u],Berlin[u]

Der Vatikan fühlt sich vom zurückgetretenen Erzbischof von Warschau, Stanislaw Wielgus, getäuscht. „Als Monsignor Wielgus ernannt wurde, wussten wir nichts von seiner Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten“, zitiert die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ den Chef der Behörde für Bischofsernennungen, Giovanni Battista Re. Der Vatikan wirft Wielgus neben seinen Geheimdienstverstrickungen vor allem zwei Dinge vor: Er habe bis zum vergangenen Freitag öffentlich seine Spitzeltätigkeit abgestritten und auch dem Papst gegenüber nicht alles gesagt.

In Kirchenkreisen in Rom heißt es, der Bischof habe den Vatikan über oberflächliche „Kontakte“ zum Geheimdienst informiert, diese aber so dargestellt, als seien sie innerhalb des damaligen kommunistischen Systems unvermeidbar gewesen. Die freiwillige, formelle Verpflichtungserklärung, die er 1967 unterschrieb, soll er der Kirchenspitze verschwiegen haben.

Wielgus war am 6. Dezember von Benedikt XVI. formell zum Erzbischof ernannt worden; kurze Zeit später erschienen die ersten belastenden Artikel über ihn in der polnischen Presse. Nach Recherchen der in Kirchenfragen gewöhnlich gut informierten Tageszeitung „Rzeczpospolita“ wusste der päpstliche Vertreter in Warschau, Jozef Kowalczyk, aber schon viel früher von den Spitzelvorwürfen. Nachgewiesen ist zumindest, dass sich weder Kowalczyk noch die polnische Kirchenführung beim Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) – einer Art polnischer Birthler-Behörde – über die Vergangenheit des Bischofs informiert hatten.

Noch brisanter wäre die Angelegenheit für die Kirche, sollte eine andere Vermutung von Kirchenkennern in Warschau zutreffen. Demnach hatte der polnische Regierungschef Jaroslaw Kaczynski persönlich den Papst bei einer Privataudienz in Rom am 12. November über die dunklen Flecken in Wielgus’ Vergangenheit informiert. Der Premierminister und sein Bruder, der Staatspräsident Lech Kaczynski, stehen weltanschaulich zwar dem als nationalkonservativ geltenden Bischof nahe. Wielgus hatte sich immer wieder als großer Freund des ultrakatholischen Senders „Radio Maryja“ hervorgetan, der die beiden Zwillinge im Wahlkampf offen unterstützt hatte. Andererseits setzen sich beide Politiker für eine stärkere Aufarbeitung der Geheimdienstakten ein. So wäre es auch zu erklären, dass das polnische Präsidialamt die Wielgus-Akte ins Deutsche übersetzt und anschließend dem Heiligen Stuhl in der Nacht zum Samstag übermittelt haben soll.

Inoffiziell ist bekannt, dass der Papst die ersten drei im Juni von Nuntius Kowalczyk übermittelten Erzbischofskandidaten zurückgewiesen hatte; Wielgus, der in Polen schon lange als möglicher Nachfolger Kardinal Jozef Glemps im Gespräch war, wurde erst als einer von drei weiteren Kandidaten im August nachnominiert. Einer von Wielgus’ Mitkandidaten, der Tarnower Bischof Wiktor Skworc, schied bereits während der Ernennungsphase wegen Geheimdienstkontakten aus. Wielgus konnte diese offenbar besser als er vertuschen.

Dass der polnische Geheimdienst sich mit Drohungen, Erpressungen, Einschüchterungen oder auch Versprechen einer Karriere die Mitarbeit von Kirchenleuten gesichert hatte, ist in Polen im übrigen kein Geheimnis. „Aus meinen Untersuchungen geht hervor, dass 1977 rund 15 Prozent der Geistlichen als geheime Mitarbeiter registriert waren“, sagt der polnische Kirchenhistoriker Jan Zaryn. Als besonders wertvoll hätten Mitarbeiter der Katholischen Universität Lublin gegolten. Wielgus unterrichtete 30 Jahre lang an dieser Hochschule, zu deren Rektor er 1989 aufgestiegen war.

Über das Ausmaß der Kooperation von Wielgus mit den Sicherheitsbehörden gibt es noch keine eindeutigen Beweise. Der Akte zufolge wurde er als geheimer Mitarbeiter geschult, sollte während seines Forschungsaufenthalts in München polnische Priester in der Bundesrepublik ausspähen und auch beim Sender Freies Europa Spitzeldienste leisten. Er selbst bestreitet, „in Worten oder Taten irgendjemand geschadet zu haben“.

Vatikanspezialisten stellen den Papst jetzt zwar als starken, entschlossenen Krisenmanager dar. Doch ein schnelles Ende dürfte die Geheimdienstaffäre in der polnischen Kirche nicht finden. Am Montag trat überraschend der Probst der wichtigen Krakauer Wawel-Kathedrale zurück. Das Nachrichtenmagazin „Newsweek Polska“ schreibt, auch er sei ein IM gewesen.

Unter führenden deutschen Katholiken werden die Vorgänge in der Nachbarkirche mit Sorge betrachtet. Der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Meyer, sieht auch eine Teilschuld beim Papst: „Er hätte versuchen müssen, die Dinge vorher zu klären, bevor es zu einer solch dramatischen Zuspitzung kommt“. Allerdings sei es ein trauriges Ergebnis, „wenn der Papst aus der Enttäuschung heraus nun die Schlussfolgerung zöge, dass Misstrauen eben doch besser ist und den Weg der Offenheit abbreche, den er mit seinem Pontifikat begonnen hat“, sagte Meyer.

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