Zeitung Heute : Dienstleister des Friedens

Kriege und immer mehr Blauhelmmissionen: In der UN-Zentrale managen zwei deutsche Frauen die Einsätze

Jan Dirk Herbermann[New York]

Vor dem New Yorker Hochhaus der Vereinten Nationen steht ein Revolver, Kaliber 45, verknoteter Lauf. Der Verkehr der Metropole braust an der Skulptur vorbei, die ein hehres Ideal symbolisiert: Frieden. Auf den oberen Etagen des UN-Hochhauses mühen sich Menschen aus aller Welt, diesem Ideal etwas näher zu kommen. Von hier aus führt die Weltorganisation die UN-Blauhelmmissionen. Doch die Truppe, und das ist ein eher schlechtes Zeichen, hat Hochkonjunktur.

Jean-Marie Guéhenno, Franzose und UN-Untergeneralsekretär für die friedenserhaltenden Operationen, spricht von einem „nie da gewesenen Wachstum“ der Truppe. Eine Mahnung steckt darin, an den Sicherheitsrat: Das oberste UN-Organ entsendet seit Ende der 90er Jahre immer mehr Soldaten, Polizisten und Zivilisten, um Konflikte zu entschärfen. Kosovo, Kongo, Haiti, Osttimor, zum Beispiel. Die Blauhelme überwachen Waffenstillstände und arbeiten Friedensabkommen aus. Helfen bei Entwaffnung und Minenräumung, überwachen Wahlen, trainierem nationale Polizeieinheiten.

Anfang November 2006 dirigierte die Blauhelmzentrale 18 Einsätze mit rund 100 000 Mann – Rekord in der fast 60-jährigen Geschichte der UN-Friedensmissionen. Nach UN-Prognosen werden demnächst weitere 50 000 Männer und Frauen unter dem blauen Banner dienen.

„Wir wären viel lieber gar nicht mehr im Geschäft“, sagte der ausgeschiedene UN-Generalsekretär Kofi Annan. Ein frommer Wunsch, das weiß er selbst: „Der Trend geht in die andere Richtung.“ Schon jetzt ächzen die UN-Strategen: knappe Kassen, feindselige Mitgliedsländer, unklare Vorgaben des Sicherheitsrats und teilweise miserabel ausgerüstete Soldaten erschweren ihre Arbeit. „Man kontrolliert nie das ganze Bild“, gibt Blauhelm-Chef Guéhenno zu.

Das weiß auch Cornelia Frank. Die Deutsche sitzt in ihrem engen Büro auf der 37. Etage. Von der First Avenue dringt das Geräusch von Polizeisirenen herauf. Frank, Arabistik-Studium an der Georgetown Universität, Washington DC, arbeitete für das Info-Büro der jordanischen Botschaft in „DC“, beim UN- Flüchtlingshilfswerk für die Palästinenser, und war für die UN im Kosovo. „Jetzt dreht sich viel um die Schutztruppe für den Libanon, die Unifil“, sagt sie und deutet auf die Karte an der Wand: „Operationsgebiet“ steht über dem Ausschnitt, der den Süden des Landes zeigt. Linien, Punkte und schraffierte Felder markieren Grenzen, Stützpunkte, Gefahrenzonen.

Die Blauhelmmission Unifil soll helfen, den Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah zu sichern. Frank betreut den Einsatz, sie ist direkte Ansprechpartnerin der Truppe. Während des Libanonkrieges war die Unifil zeitweise von Benzin-, Lebensmittel- und Ersatzteillieferungen abgeschnitten. Die Konvois mit den Gütern stauten sich an der Grenze zum Libanon, wagten sich wegen der Kämpfe nicht ins Land. Frank rief die israelische UN-Mission in New York an. „Lassen Sie die Konvois durch, unsere Leute brauchen die Lieferungen.“ Nach tagelangen, zähen Verhandlungen gaben die Israelis Sicherheitsgarantien für die Trucks. Zudem hält Frank den Kontakt zu den UN-Botschaften der Truppensteller. Haben Unifil-Einheiten aus Deutschland etwa Probleme mit libanesischen Behörden, landet der Vorgang auf ihrem Schreibtisch. Sie muss dann vermitteln.

Fünf Monate nach dem Waffenstillstand im Libanon sind die meisten der benötigten 10 000 Blauhelme in der Krisenregion stationiert – gut 1000 Deutsche zur Sicherung der Seewege inbegriffen. „Wir sind mit dem Beitrag Deutschlands sehr zufrieden“, sagt Frank, während ein Mitarbeiter Papiere zur Truppenstärke hereinreicht. Die UN-Frau liest sie sofort. Auch Italiener und Franzosen haben große Kontingente in den Libanon abkommandiert. Bei anderen Missionen halten sich die Länder mit gut ausgerüsteten Armeen zurück. Zum Stichtag 31. Dezember 2006 stellten die USA laut UN nur neun Soldaten für Blauhelmeinheiten. Außerhalb von Unifil waren demnach 188 französische Soldaten im Einsatz. Deutschland bot 13 Soldaten außerhalb von Unifil auf – die mehr als 200 Polizisten und Militärbeobachter nicht hinzugerechnet.

Die größten Einheiten mit jeweils über 9000 Mann schicken Länder, deren Armeen nicht zur internationalen Elite zählen: Bangladesch, Pakistan und Indien. Pro Soldat erhält der Entsendestaat von den UN rund 1200 US-Dollar im Monat – für Entwicklungsländer ein lukrativer Deal. Viele arme Staaten wollen den UN möglichst viele Truppen andienen.

Ein Diplomat berichtet kopfschüttelnd von einem großen afrikanischen UN-Mitglied. „Die Soldaten dieses Landes kreuzten in Badeschlappen in der Konfliktzone auf. Und die Mannschaften waren so pleite, die konnten sich nichts zu essen kaufen.“ Auch die Bewaffnung, Fahrzeuge und Biwaks einiger Armeen taugen wenig. Zudem schuldeten die UN-Mitglieder Mitte 2006 der Zentrale mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar – beinahe ein Viertel des aktuellen Budgets für die Friedensmissionen.

„Es ist ein konstanter Kampf, Geld und gute Truppen zu erhalten“, sagt Corinna Kuhl, die stellvertretende Chefin des Situationszentrums der Blauhelme. Die Berlinerin studierte Politik in New York und stieß 1989 zu den UN. Zunächst arbeitete sie in einer Abteilung für Entwicklungspolitik, später in Angola und Sierra Leone, als Ansprechpartnerin der Regierungen. Vor knapp drei Jahren rückte sie auf ihren jetzigen Posten.

Im Situationszentrum mailen oder telefonieren Kuhl und ihre Mitarbeiter ständig mit den 18 Einsatzorten. Jeden Morgen um halb acht gehen die letzten Informationen ein. Bis 8 Uhr 30 müssen die aktuellen Lageberichte zu allen UN-Einsätzen vorliegen: Angriffe auf Blauhelme im Libanon, Spannungen zwischen Albanern und Serben im Kosovo. Oder: Stromausfall in der Missionszentrale in Osttimor. Die Berichte gehen an den Blauhelmchef Guéhenno oder direkt an den UN-Generalsekretär. Der Situationsraum ist eine Art Kommandozentrale. Hier konferieren die Spitzen der Blauhelme, hier feilen sie an der Strategie, hier treffen sie Entscheidungen über Einsätze. Einsätze, in denen seit 1948 rund 2300 UN-Mitarbeiter ihr Leben verloren. Wenn es kritisch wird, kommt der UN-Generalsekretär in den Kommandostand. Kofi Annan zuletzt, als die UN- Truppe im Libanon zwischen die Fronten der Israelis und der Hisbollah geriet.

Mitten im Raum hängt eine großflächige Karte der Demokratischen Republik Kongo. In dem zerrissenen Riesenland operieren die Blauhelme seit 1999: Die Mission namens Monuc mit mehr als 18 000 Mann ist der größte und teuerste Friedenseinsatz der UN – und einer der umstrittensten. Jahrelang stand die Truppe dem Morden und Plündern im Kongo fast hilflos gegenüber; die Schlichter verstanden die komplizierten regionalen Konflikte kaum. Einheimische verhöhnten die zusammengewürfelte Truppe aus über 50 Ländern als „Touristen“. Die Blauhelme wurden selbst zu Tätern, vergingen sich an Frauen und Kindern.

„Aus Afrika kommen oft nur schlechte Nachrichten“, sagt Corinna Kuhl. Auch der Völkermord von 1994 in Ruanda lastet noch auf den UN; 800 000 Menschen wurden ermordet. Die kleine Schar von UN-Soldaten vor Ort war machtlos.

Oder Darfur. Sudans Regierung will die Blauhelme nicht im Land. In solchen Fällen gelangen die UN an ihre Grenzen. Verweigerer haben außer Protest kaum etwas zu befürchten. Beschlösse der Sicherheitsrat, Blauhelme nach Darfur zu schicken, würde kaum ein Land die nötigen Truppen entsenden. Zu gefährlich. „Die Blauhelme sind Friedenstruppen, wir führen keine Kriege“, sagt Frank, und nimmt den nächsten Anruf aus dem Feld entgegen.

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