Zeitung Heute : Diese SPD ist nicht mehr ratlos

GERD APPENZELLER

Nach dem Parteitag von Leipzig ist die SPD eine deutlich gestärkte und bei vorhandenen Gegensätzen auch gereifte Partei.Die CDU wird sich bei ihrem bevorstehenden Bremer Wahlparteitag anstrengen müssenVON GERD APPENZELLERDie SPD hat sich in Leipzig einen verkitschten, amerikanische Politik-Inszenierungen nur höchst unvollkommen plagiierenden Parteitagsauftakt geleistet.Aber das wird sich im Rückblick einmal als ziemlich zweitrangig erweisen.Entscheidend bleibt, daß sich die Sozialdemokraten in jener Stadt, in der die Wiege der deutschen Arbeiterbewegung stand, in großer Geschlossenheit präsentierten.Programmatische Gegensätze zwischen dem Parteivorsitzenden und dem Kanzlerkandidaten sind zwar nach wie vor unüberhörbar, haben aber nicht mehr jene untergründige Sprengkraft, die beim Hannoveraner Parteitag vor wenigen Monaten so spürbar war.Soviel Streit ist in der Union allemal, wie ihn die SPD jetzt fast schon elegant bewältigt. Die Schlachtformation, in der die Sozialdemokraten in den Kampf um das Kanzleramt ziehen, ist nun klar.Die Sympathien der Delegierten gehören zwar immer noch eher dem Parteivorsitzenden als dem Mann, der nun gegen Helmut Kohl antreten wird.Aber anders als in Hannover hat in Leipzig die Vernunft über die Emotionalität die Oberhand gewonnen.Mit Gerhard Schröder kann man, das hat sich in Niedersachsen gezeigt, Wahlen gewinnen.Und das ist, nach 16 Jahren der Opposition im Bund, das vorrangige Ziel der SPD.Anders als 1990 und 1994 hat sie begriffen, daß innerparteiliche Frontlinien zum Zerfall des Ganzen führen. Diese Sozialdemokratie wird sich, den Eindruck mußte man aus Leipzig mitnehmen, bis zum Wahltag nicht so leicht auseinanderdividieren - und auch nicht auseinander dividieren lassen.Zu verdanken hat sie das nicht nur höherer Einsicht, zu deren Sieg es manchmal längerer Zeiträume bedarf, sondern auch einem Mann, der nicht auf der offiziellen Rednerliste stand, aber die Partei dann in knapp zehn Minuten mit sich selbst aussöhnte.Helmut Schmidt, der letzte, von seiner eigenen Bundestagsfraktion einst mehr als von der FDP gestürzte sozialdemokratische Bundeskanzler, hat seinen Frieden mit der SPD gemacht.Die hat es ihm mit Rührung gedankt.Schmidts Botschaft an die Partei ist eine Mahnung, die sich aus bitterer Erfahrung speist: Schröder, so brachte der 79jährige in Erinnerung, ist der Kandidat der Partei SPD.Aber er will der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland sein.Ohne eine Partei und ohne eine Bundestagsfraktion, die bei aller Kritik loyal zu ihm und hinter ihm stehen, wird ein Regierungschef Gerhard Schröder genauso zum von den eigenen Freunden Verratenen wie es Helmut Schmidt 1982 widerfuhr.Eineinhalb Jahrzehnte hat der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler dies denen, über die er damals stürzte, nicht verziehen.Eineinhalb Jahrzehnte hatte ihn die Wunde geschmerzt.Was also gestern geschah, war ein großer Akt der Versöhnung. Die SPD, das zeichnete sich in Hannover noch nicht in dieser Klarheit ab, hat in Leipzig neben dem bekannten Kernthema, der Beschäftigungspolitik, zwei neue Zielgruppen in ihrem Bemühen um Wählervertrauen entdeckt.Das ist einmal der Mittelstand, oder jene von Gerhard Schröder apostrophierte "neue Mitte", also das klassische Wählerpotential der CDU.Das macht diese wiederum, verständlicherweise, sehr nervös.Mit Oskar Lafontaine als Kandidaten, das hatte Helmut Kohl wohl schon richtig eingeschätzt, wäre den Sozialdemokraten diese Zielgruppe verschlossen geblieben. Der zweite Sektor, um den sich die SPD besonders bemüht, sind die Wähler in den neuen Bundesländern.Hier verliert die Union nach allen Umfragen derzeit in geradezu dramatischem Ausmaß an die Sozialdemokraten.Lafontaine, Schröder, vor allem aber Helmut Schmidt haben in Leipzig die Ost-Befindlichkeiten besonders angesprochen.Schmidt tat dies sogar in einer deutlich an die PDS-Wähler gerichteten Umarmungsstrategie, als er die Leistungen einiger DDR-Bürger exemplarisch herausstrich, deren Lebensweg dafür steht, daß man auch in der DDR im moralischen Sinne aufrecht habe gehen können.Die SPD nach Leipzig ist eine deutlich gestärkte und bei vorhandenen Gegensätzen auch gereifte Partei.Die CDU wird sich bei ihrem bevorstehenden Bremer Wahlparteitag anstrengen müssen, um als Alternative für den 27.September überhaupt wieder ins Gespräch kommen zu können.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben