Zeitung Heute : „Diese Taten sind sehr gut geplant “

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Herr Fox, wie tickt ein Amokläufer?

Typischerweise ist ein Amokläufer ein isolierter, verbitterter Mensch. Er hat wenig Freunde, die ihm bei seinen Problemen helfen könnten, er ist voller Rachegefühle - und will abrechnen.

Abrechnen, mit wem?

Mit seinen Klassenkameraden, die ihn abgelehnt haben. Mit der Schule, die ihn vernachlässigt hat.

. . . der 19-jährige Täter von Erfurt war von der Schule geschmissen worden . . .

. . . aber die Schule kann man nicht umbringen. Viele der Opfer waren Lehrer, richtig?

14 der insgesamt 18 Opfer.

Wenn er so tickte wie die meisten anderen Amokläufer, dann war das nicht einfach die Tat von einem, der plötzlich ausrastet. Das ist zwar die Vorstellung, die wir haben: Hier knallt jemand durch. In Wirklichkeit aber sind diese Taten sehr gut geplant, manchmal Monate vor der Tat.

Monate vorher?

Ja. Vor drei Jahren erschossen zwei Jungs an der Columbine High School 13 Menschen, bevor sie sich selbst erschossen. Von Videos, die sie aufgenommen haben, wissen wir, dass sie die Tat Monate vorher geplant haben. Interessant ist, dass dieser Amoklauf vor fast genau drei Jahren stattgefunden hat

Es heißt, beim Amoklauf handele es sich um einen „erweiterten Selbstmord“.

Aus der Sicht des Amokläufers ist das Leben schrecklich, er ist unglücklich und ein Versager. Gäbe er sich selbst die Schuld für sein Versagen, würde er vielleicht nur sich selbst umbringen. Aber hier betrachtet jemand seine Probleme nicht als seine eigene Schuld. Schuld sind die anderen, die ihm keine Chance gegeben haben. Ein Selbstmörder richtet seine Aggression auf sich. Ein Selbstmörder und Mörder gibt den anderen die Schuld für sein Scheitern.

Gibt es Signale? Kann man die Enttäuschung, den Hass, die Rache-Absichten erkennen, bevor es zur Tragödie kommt?

Nein, diese Taten kann man nicht vorhersagen. Im Nachhinein sagen wir: Ja, es gab Drohungen. Ja, wir erkennen es jetzt. Aber viele Menschen drohen . . .

Es gibt Studien, die zeigen, dass ein Großteil der Amokläufer Waffennarren waren.

Manche hatten eine Militärausbildung, manche waren vorher im Schießclub. Aber nicht alle. Die Schüsse fallen ja oft aus nächster Nähe. Das ist nicht etwas, wofür man Jahre trainieren müsste.

Gibt es irgendwas, das wir tun können?

Die typische Antwort auf eine solche Tat ist: Die Sicherheit erhöhen. Das zumindest tun wir in den USA. Aber jemand, der auf Rache aus ist, kann auch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen umgehen. Die zweite Strategie besteht darin, den Amokläufer zu erkennen, bevor er zuschlägt - doch auch das gelingt uns nicht. Das aussichtsreichste Versuch ist deshalb, die Situation unserer Kinder zu verbessern. Der Amokläufer fühlt sich vernachlässigt, abgelehnt. Hier muss man ansetzen.

Und wie?

Oft geschieht ein solcher Amoklauf in sehr großen Schulen. Kleinere Klassen, mehr Lehrer - das sind Schritte in die richtige Richtung. Wenn Sie wirklich wissen wollen, welche Kinder frustriert sind, welche Hass und Rachegefühle entwickeln, dann müssen Sie die Kinder kennen. Das braucht Zeit. Eine einfache, schnelle Patentlösung gibt es nicht.

Das Gespräch führte Bas Kast.

James Fox ist Professor an der Northeastern University in Boston.

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