Zeitung Heute : „Dieser Kampf ist nicht mit Panzern zu gewinnen“

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Das Ausmaß an Brutalität und Skrupellosigkeit der Geiselnahme in Beslan hat erschreckt. Wie kann diesem Terror wirksam begegnet werden, Herr Hirschmann?

Ich erkenne in dem Geiseldrama ein weiteres Teil im Puzzle des internationalen islamistischen Terrorismus. Es steht in einer Tradition. Ziel und Ablauf folgen einem Masterplan. Das Muster der Terrortaten ist immer das gleiche. Darauf müsste sich ihre Bekämpfung einstellen.

Wie sieht das Muster aus?

Muslime, die mit einer Besatzungsmacht konfrontiert sind, betrachten das als Angriff auf den Islam. Dagegen setzen sie sich zur Wehr. Sie ziehen Mudschahedin aus allen Teilen der Welt in der betroffenen Region zusammen. Ziel der Terroristen ist es, ihre Gegner durch Anschläge zu Überreaktionen zu provozieren. So wollen sie die Bevölkerung insgesamt als Sympathisanten gewinnen. Sie hoffen, ihren Terror relativieren zu können nach dem Motto: Der Anschlag war grausam, aber die Reaktion ist noch grausamer. Der Urkampf dieser Art war der erfolgreiche Kampf gegen die Rote Armee in Afghanistan in den 80er Jahren.

Das funktioniert aber nur, wenn ihr Gegenüber die Eskalation mitmacht?

Genau. Al Qaida braucht das Chaos, um sich im Chaos als Ordnungsmacht etablieren zu können. Zwar darf man nicht vergessen: Die Geiseln wurden von den Terroristen erschossen, nicht von Putins Leuten. Aber sollte Putin jetzt mit noch mehr Härte reagieren, dann spielt er den Terroristen in die Hände.

Betrifft der Masterplan Deutschland?

Deutschland ist nicht nur Ruheraum, sondern auch Aktionsraum für Al Qaida. Nicht nur die Amerikaner und Russen werden als ungläubige Gegner wahrgenommen, auch die Europäer. In Deutschland wird massiv um Kämpfer geworben, die in Krisenherde gebracht werden sollen. Es gibt hier Al-Qaida- Leute und sympathisierende Islamisten, die auch Anschläge planen, insbesondere wegen unserer Beteiligung am internationalen Anti-Terror-Kampf – mit Soldaten in Afghanistan zum Beispiel.

Wie lässt sich dem Terrorismus wirksam begegnen?

Al Qaida ist eine Idee, keine Struktur. Und Al Qaida ist heutzutage erfolgreicher als vor dem 11. September 2001. Warum? Weil es den Muslimen gelingt, den Kampf als einen Kampf zwischen Muslimen und Ungläubigen darzustellen. Der eigentliche Kampf tobt aber innerhalb des Islams, zwischen den fundamentalistischen und den modernen Kräften. Was man also braucht ist eine Politik, die es schafft, hier zu differenzieren und die die reformerisch gesinnte Mehrheit im Islam stärkt. Das ist ein Kampf um Köpfe, der nicht mit Soldaten und Panzern zu gewinnen ist.

Braucht es auch mehr Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste?

Ja. Wir haben eine einheitliche, weltweite Bedrohung – aber wir setzen dem keine einheitliche Bekämpfung entgegen. In Deutschland nicht, wo Bund und Länder um Kompetenzen ringen. Und international nicht, wo man sich immer noch sträubt, wirklich alle Informationen in einen Topf zu werfen und koordinierte Strategien der Bekämpfung zu entwickeln.

Lassen sich Schulen, Kaufhäuser, Stadien schützen?

Nein, Sie können nicht die verschiedensten Ziele schützen vor Attentätern, die unbedingt einen Massenmord begehen wollen. Nicht die Taten lassen sich verhindern. Aber die Täter müssen aus dem Verkehr gezogen werden – in Tschetschenien zum Beispiel die Gruppe um Bassajew.

Kai Hirschmann ist stellvertretender Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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