Zeitung Heute : Diesseits der Katastrophe

KATRIN BETTINA MÜLLER

Der Beitrag des Jüdischen Museums zu "Deutschlandbildern"KATRIN BETTINA MÜLLERWas bleibt von der Geschichte an einer Landschaft hängen? Was verraten Gesichter von Schuld und Erlittenem? Landkarten und Porträts sind Ausgangspunkte der Imagination in der Kunst ebenso wie in der Wissenschaft.Sie gehören zu den alltäglichen Vermittlungsinstrumenten.Landkarten und Porträts sind auch das Material von Joshua Neustein, Penny Yassour und Minka Hauschild in der Ausstellung "Orte der Erinnerung", die Amnon Barzel als Beitrag des Jüdischen Museums zu den Deutschlandbildern eingerichtet hat.Barzel sondiert mit ihren Arbeiten eine von der Geschichte freien Kunst.Er will mit ihnen wissen, , "ob es möglich ist, nach der deutschen Katastrophe im 20.Jahrhundert noch Kunst zu schaffen.Wirkt sich das Drama der realen Geschichte auf die Kunstschaffenden so negativ aus, daß eine Konfrontation mit der Verrichtung zur Erblindung führt?" Was hinter dieser Grenze des Erblindens Gestalt annimmt, kann dem davor zwar gleichen und doch nicht dasselbe meinen. In Joshua Neusteins Installation "Aschenbach" verknüpfen sich Licht und Dunkelheit, Elektrizität und Kohlenasche, Kulturgeschichte und Archaisierendes.Tief hängt ein prächtiger Kronleuchter über einem Bodenrelief aus Asche, das einen Ausschnitt des Berliner Stadtplan wiedergibt.Die Straßenzüge lassen an eine versunkenen und wiederentdeckte Welt denken, ein bildwerdendes Aufsteigen aus dem Vergessenen.Das Licht des Kronleuchters ist sanft zu der Stadtlandschaft und dem Betrachter, seine Pracht ebenfalls Teil der Geschichte.Doch so verführerisch diese romantische Interpretation von "Aschenbach" auch erscheint, stehenbleiben kann man bei ihr nicht: Eine katastrophische Lesart drängt nach - mag Neustein auch den Bezug zum Holocaust bestreiten. Konkreter nimmt Penny Yassour, die sich seit 1972 mit Kunst und Kartographie beschäftigt, den Faden der Geschichte auf.In "Mental Maps - Involuntary Memory, Berlin 1997" hat sie den Grundriß von Bunkern einer Waffenfabrik und Ausschnitte des landschaftlichen Profils darüber in Silikon gegossen.Diese Teile können nichts über die 12 000 Zwangsarbeiter erzählen, die dort 1944/45 arbeiten mußten.Doch man spürt, daß Informationen fehlen, daß die Objekte nur Puzzlesteine sind.Auf einen lebensbedrohenden Zusammenhang verweisen schwere Schürzen aus dem gleichen Material, die an Schutzschilde und Schlachthöfe erinnern. Die Porträt-Serie von Minka Hauschild geht auf den Majdanek-Prozeß und seine Dokumentation durch Eberhard Fechner zurück.Vom Fernseher fotografierte die 1962 geborene Malerin Zeugen, Angeklagte und Juristen ab, um sie anschließend zu malen.Die Bilder transportieren die Herkunft aus dem Massenmedium ebenso wie den anfänglichen Zweifel an der physiognomischen Kenntlichkeit von Täter und Opfer.Aber darum geht es bald nicht mehr, denn die malerische Inszenierung offenbart sich als emotionale Teilnahme. Es gibt keine Terra incognita mehr, kein Gebiet, in dem der Kontext der Zeichen nicht auch schon ein historischer ist.Davon handelt auch dieser Teil der Deutschlandbilder eindrücklich.Diese Ausstellung zumindest kann als Ausweis für eine mögliche Inkompetenz Amnon Barzels als Kurator für zeitgenössische Kunst nicht herangezogen werden. Jüdisches Museum, Martin-Gropius-Bau, Stresemannstr.110, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr, bis 11.Januar.

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