Zeitung Heute : Digitale Klassiker

Der Autor ist Literatur-,Medienwissenschaftler

VON DIRK DE POL Dank Scanner und OCR-Software ist keine Information mehr sicher vor Digitalisierung und unendlicher Duplizierung.Schließlich ist die Digitalisierung Voraussetzung für eine Verbreitung über das World Wide Web oder für eine Vermarktung als CD-ROM.Daß uns in dieser Form neuer Medientechnik ausgerechnet Klassisches immer häufiger begegnet, verdanken wir dem Umstand, daß 70 Jahre nach dem Tod eines Autors alle Urheberrechte erlöschen.So erklärt sich der etwas willkürliche Kanon, den uns einige Literatursammlungen auf CD-ROM bieten.Die wohl bekanntesten Beispiele dafür sind die CD-ROM des amerikanischen "Gutenberg Project" und die noch umfangreichere Sammlung "Library of the Future".Von "Alice in Wonderland", über "Moby Dick", "Huckleberry Finn", "The Heart of Darkness" bis zur "Magna Charta" und "King James Bible" reicht die Liste, um einige beliebige der über 1700 Titel zu nennen.Der Grundgedanke ist klar und eigentlich überzeugend.Der Massenspeicher CD-ROM wird genutzt, um für wenig Geld einen digitalen Zugriff auf eine große Menge Literatur zu bieten.Da man diese ungeachtet ihrer Qualität allerdings schwerlich mit Muße am Monitor lesen wird, sind diese Sammlungen tatsächlich nur ein Appetitanreger oder ein Hilfsmittel für die Suche von Zitaten.Doch für letzteres taugen sie nur bedingt.Zwar findet der Literaturliebhaber oder Wissenschaftler mit ihnen sehr schnell beliebige Zitate.Doch das nützt wenig, wenn sie dann trotzdem mühsam einer Standardausgabe zugeordnen werden müssen.Das ist häufig nötig, denn was diese Sammlungen bieten ist nicht etwa - was sehr lobenswert wäre - eine wort- und formatierungsgetreue digitale Umsetzung älterer und oft schwer zugänglicher Ausgaben der Klassiker.Nein, ganz im Gegenteil: Meist sind die Angaben zum Erscheinungsjahr, verwendeten Ausgaben und Herausgebern unvollständig oder fehlen ganz.Auch originale Paginierungen, Kursivierungen, Fettdruck und sonstige typographische Hervorhebungen sind getilgt.Das verstärkt noch den Eindruck, auf dem Bildschirm durch einen homogenisierten Endlostext zu scrollen, der bis zur Unkenntlichkeit entstellt, kurz: unbrauchbar ist.Genau das Richtige für den kulturell ambitionierten Preisjunkie, der das Gefühl genießt, für unter Hundert Mark zwei Regale voll Literatur kaufen zu können: Digitale Klassik als Fast Food.
Der Autor ist Literatur- und Medienwissenschaftler und lebt in Berlin.

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