Zeitung Heute : Digitale Metropole mit 18 000 Einwohnern

STEFAN KAUFER

Wer in Antwerpen lebt und Computer sowie Modem besitzt, kann einen besonderen Online-Stadtservice nutzen.Seit drei Jahren versucht die erste "Internet-Stadt" Belgiens, die Kommunikation ihrer "Einwohner" untereinander zu vereinfachen und zu verbessern.Hauptziel ist es, Stadtgeschehen und Stadtverwaltung durch das neue Medium näher zum Bürger zu bringen.Die "Digitale Metropool Antwerpen" (www.dma.be) geht dabei interessante Wege.

Rund 450 000 Einwohner hat die flämische Stadt, ihr "virtueller Zwilling" im Internet immerhin bereits 18 000.Jeder Antwerpener, der auch im World Wide Web in seiner Stadt "leben" möchte, bekommt gratis eine E-Mail-Adresse auf deren Server.Ebenfalls umsonst kann er seine eigene Homepage einzurichten.Bei der schnell und einfach zu bewerkstelligenden Aufnahme in die DMA, wie die "Stadt" abgekürzt heißt, kann man freiwillig Angaben zu seinen Hobbys und Interessen machen.Die werden dann als Stichworte gespeichert und können so bei der Suche eines anderen "Bewohners" - etwa nach einem Freizeitpartner - leicht gefunden werden.Genauso einfach erledigt das neue DMA-Mitglied sein Abonnement auf dem wöchentlich erscheinenden Newsletter, der kurz und bündig auf ein bis zwei Seiten hauptsächlich über Veranstaltungen in der Stadt, Verkehrsprobleme, Stellenangebote und Neuerungen auf der Website selber informiert.

Mehr als 200 000 E-Mails schicken sich die Antwerpener jeden Monat über den DMA-Server, immerhin 100 000 Mal pro Monat wird die Website selbst aufgerufen.In diesem Jahr ist man auch bemüht, Interessierte ohne Computerkenntnisse oder eigenes Modem einzubinden."Um soviel Menschen wie möglich den Zugang zur DMA und zum Internet zu ermöglichen, bieten wir auch gratis Internet-Kurse an.Außerdem gibt es drei Cybercafés in öffentlichen Bibliotheken, wo jeder umsonst im Internet surfen kann", erzählt Ellen van Orshaegen von Telepolis Antwerpen.Das ist die Firma, die das Servicesystem für die Stadt aufgebaut hat und betreut.Antwerpens Regierung betrachtet die DMA als einen ihrer wichtigen "Kommunikationskanäle" - wie etwa auch das Stadtfernsehen - deren Kosten sie zur Gänze trägt.

Im Internet empfängt den Besucher eine angenehm schlicht und übersichtlich gehaltene Startseite mit Schlagzeilen zu den aktuellsten Nachrichten aus der Stadt.Daneben befinden sich die Links zu den derzeit 19 angebotenen Informations- und Servicerubriken wie "Rathaus", "Schalter", "Hilfsdienste", "Kultur" oder "Wohnen".Von diesen abgehoben befinden sich die Orte, bei denen man selbst aktiv werden darf, wie der "Briefkasten", der "Kalender", die "Chat"-Channels oder die "Suchstelle" nach anderen DMA-Bewohnern.Außerdem werden der "Geleitete Besuch" - eine Hilfe für Internet-Anfänger - und eine "English Version" der Online-Stadt angeboten.Die Navigationshilfe auf den Webseiten ist ein Pluspunkt, weil sie wirklich leicht verständliche Kurzbeschreibungen der Rubriken und ihrer Leistungen enthält, und auch anschaulich beschreibt, wie man dorthin gelangt.Die englische "Digital Metropolis Antwerp" muß sich hingegen den Vorwurf gefallen lassen, einige wichtige Leistungen durch Fremdenverkehrs-Rubriken wie "Tourism", "Fashion" und "Weather" ersetzt zu haben.

Das Web-System bietet dem Antwerpener wirkliche Vorteile, hat aber entscheidende Vorhaben bloß angekündigt und macht somit bei genauerem Hinsehen einen nur halbfertigen Eindruck.So sind im "Rathaus" zwar wichtige öffentliche Einrichtungen per E-Mail zu erreichen.Der Internet-"Schalter", der die langen Wartezeiten bei den Meldestellen und Ämtern ersetzen oder zumindest verkürzen soll, ist allerdings noch so gut wie gar nicht vorhanden.Wo jetzt nur einige Formulare ausgedruckt werden können, soll es "zukünftig" zu bestimmten Zeiten die Möglichkeit von Online-Anfragen an die öffentlichen Stellen geben.Den Weg zur Behörde wird man sich aber auch in Antwerpen in der nächsten Zeit wohl nicht durch den Computer ersparen können.Auch die Möglichkeit, über die DMA-Seiten Stellen- und Wohnungsangebote abfragen zu können, hält zumindest bislang nicht, was sie verspricht.Unter "Wohnen" findet der Suchende nämlich nur einen Hinweis auf das Buch "Auf dem Weg zu einer Wohnung", das die Stadtverwaltung kürzlich herausgegeben hat; "Wirtschaft" bietet derzeit statt Stellen nur eine Informationsbroschüre über Steuerabgaben bei studentischen Ferienjobs an.Die "Verkehrsinformation" liefert eine übersichtliche Liste von Straßenbaustellen, Sperrungen und Umleitungen, wird allerdings nicht einmal wöchentlich - zu unregelmäßigen Abständen - aktualisiert.

Bei kleineren Serviceleistungen sieht die DMA besser aus."Ausgehen" bietet nicht nur die Termine zu allen wichtigen Ausstellungen und Konzerten in der Stadt, sondern auch das komplette Kinoprogramm.Im "Kalender" kann jeder seine Veranstaltungen oder Pläne ankündigen, auch die Termine der Gratis-Internet-Kurse sind hier eingetragen.

Auf einer weiteren Seite soll "in Kürze" ein buntes Allerlei von Verkaufs- und Tauschangeboten sowie Gesuchen seinen Platz finden.Ab Oktober sollen unter "Forum" neue Projekte und Initiativen der Stadtverwaltung vorgestellt werden; daran gekoppelt können die DMA-"Bewohner" mit deren Initiatoren in einer Chat-Session darüber diskutieren und Fragen stellen.

Einige Stadt-Chatkanäle sind hingegen bereits jetzt fast permanent geöffnet und auch gut besucht.Bei der aktuellen belgischen Situation darf schließlich unter "Briefkasten" auch nicht die Möglichkeit fehlen, der Verbreitung der kriminellen Pädophilie verdächtige DMA-Homepages dem "Offiziellen Meldepunkt Kinderporno" anzuzeigen.

Obwohl einige entscheidende Leistungen auf "demnächst" verschoben sind, ist die "Digitale Metropool Antwerpen" bereits jetzt ein hilfreicher Service."Es gibt viele Städte, belgische und ausländische, die jetzt auch eine Website machen und sich unsere als Vorbild nehmen", freut sich Bürgermeisterin Ellen van Orshaegen.

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