Zeitung Heute : Digitale Signaturen: Wenn aus Bürgern Bit-Steller werden

Niko Deussen

"Was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost nach Hause tragen", spottete einst Goethe über die papierene Buch-stabengläubigkeit Karriere beflissener Studiosi. Doch im Multimedia-Millenium ist Papier längst obsolet für aufstiegsorientierte Studierende. Computer und Notebook sind die Werkzeuge der Wahl, das Internet der favorisierte Kommunikationsweg des aufkeimenden Informationszeitalters. Doch all das Lästige wie Immatrikulation, Anmelden bei der Einwohnerbehörde, Versicherungsausweis und Monatskarte muss noch immer persönlich erledigt oder beantragt, oft auch eigenhändig unterschrieben werden.

Das soll sich in Deutschland jetzt ändern. Ein internetfähiger Identitätsnachweis, die digitale Signatur, könnte - nicht nur für strebende Studenten - zeitraubende Behördengänge zukünftig überflüssig machen. Schon letztes Jahr schrieb das Wirtschaftsministerium, seit Rot-Grün um die Abteilung Technologie erweitert, den bundesweiten Wettbewerb Media@Komm aus. Gemeinde- und Stadtverwaltungen waren aufgerufen. "Wir wollen die multimediale Anbindung der Städte fördern", erklärte Werner Kohnert, Mitarbeiter bei Media@Komm. Die Rathäuser sollten endlich digital zugänglicher werden. Das Ministerium winkte mit Fördergeldern für Konzepte von kommunalen Internet-Seiten, die außer den Öffnungszeiten von Bädern und Büchereien auch Amtsgänge via Internet anbieten.

Von den knapp 140 Wettstreitern überzeugten Bremen, Esslingen und Nürnberg mit ihren Vorschlägen. Rund 60 Millionen Mark erhalten die drei Städte, um ihre Ideen vom digitalen Rathaus umzusetzen. Im Mittelpunkt der Vorstellungen: das virtuelle Formular. Ausgefüllt daheim am Couch-Computer, digital unterschrieben und per Internet verschickt, ließe sich damit etwa das Auto ab- und der Nachwuchs zur Kinderkrippe anmelden - zu jeder Tages- und Nachtzeit, unabhängig von den Sprechzeiten der Behörden. Doch das bleibt wohl noch länger ein Traum für Bürger und Beamte. "Die gesetzlichen Vorschriften stehen einer elektronischen Signatur teilweise noch entgegen", bedauert Peter Behringer vom Medienbüro der Stadt Karlsruhe, die sich lange vor dem Wettbewerb ins Internet wagte. Denn in der Bundesrepublik verlangen rund 440 Zivilgesetze und über 3800 die schriftliche Form der Amtshandlung.

Die Regierungs-Ausschreibung zielt eher in eine andere Richtung. "Kerngedanke des Projekts ist die Einführung der digitalen Signatur", heißt es in einem Statusbericht des Esslinger Media@Komm-Projekts. Denn in Deutschland kann sich kaum jemand etwa bei Bestellungen am Bildschirm per Bits und Bytes ausweisen. Ein echter Hemmschuh auf dem Weg des Web zum gewinnträchtigen globusweiten Gewerbegebiet.

Elektronische Namenszüge sind besondere Geheimcodes. Diese so genannten asymmetrischen Schlüssel bestehen aus zwei Teilcodes, die durch ein mathematisches Rechenverfahren auseinander hervorgehen. Während der eine geheimgehalten wird, sozusagen privat bleibt, wird der andere öffentlich zugänglich gemacht. Jedes digitale Dokument, egal ob Brief, Behörden- oder Bestellformular, lässt sich mit der Chiffriertechnik im Computer unleserlich machen.

"Die Software verknüpft den privaten Schlüssel des Anwenders mit dem Inhalt des Formulars", erklärt Signatur-Spezialist Thomas Batz vom Karlsruher Fraunhofer-Institut für Informations- und Datenverarbeitung. Der Empfänger der elektronischen Post kann den chiffrierten Text nur mit dem passenden öffentlichen Code entziffern. Und nur mit diesem Pendant zur Privatchiffre des Verfassers, alle anderen öffentlichen Schlüssel versagen.

Wird eine Mail erfolgreich dechiffriert, ist nicht nur ihr Absender eindeutig erkannt. Sogar die Unverfälschtheit des Dokumentinhalts ist dadurch garantiert. Der persönliche Schlüssel wird mit den passenden Personenangaben bei einem so genannten Trust Center hinterlegt. Diese Zertifikat-Zentren müssen zur Identitätsprüfung jedermann jederzeit Zugriff auf die gespeicherten Schlüssel ermöglichen, zugleich allerdings Manipulationen der Daten definitiv ausschließen.

Drei solcher Schlüssel-Dienste konkurrieren derzeit miteinander: die Deutsche Telekom, die Deutsche Post und D-Trust, eine gemeinsame Tochter von Bundesdruckerei und debis Systemhaus. Das Registrieren ist zwar freiwillig, doch es kostet. Die Post etwa verlangt im Jahr rund 50 Mark. Hinzu kommen einmalig etwa 70 Mark für die SmartCard. Im Prozessorchip der flachen Plastikkarte steckt der persönliche Chiffrierschlüssel. Um den digitalen Zahlencode in den Rechner zu laden, bedarf es noch eines speziellen Kartenlesers samt Software. Dafür sind weitere zirka 200 Mark zu berappen.

Ein teures virtuelles Vergnügen für einige eingesparte Behördengänge. Denn die meisten Menschen haben nur alle paar Jahre Kontakt mit Ämtern, zumeist wegen Ausweisen und Autopapieren. Die Media@Komm-Initiatoren haben denn auch weit Größeres im Sinn. "Die digitale Signatur als persönlicher elektronischer Schlüssel", heißt es etwa in Bremen, "soll es zukünftig ermöglichen, über das Internet rechtsverbindliche Verwaltungsakte zu vollziehen und privatrechtliche Verträge zu schließen."

Damit sind wohl weniger Online-Bestellungen auf den Websites von Versandhäusern gemeint. Via Datenhighway sollen sich demnächst etwa Hauskäufe, Kapitalinvestitionen und Grundstücksgeschäfte samt allen notariellen Beglaubigungen elektronisch abwickeln lassen. Doch die Probleme sind programmiert. So wird dem Benutzer das Aussehen von Dokumenten auf dem Bildschirm nur vorgegaukelt. Im Hintergrund des Desktop, sozusagen unter der imaginären Tischplatte, läuft die Software, die die Monitorbilder erzeugt. Doch das ist das, was digital signiert wird. Das gefürchtete Kleingedruckte wird unsichtbar.

"Signieren Sie grundsätzlich nur solche digitalen Informationen", warnt daher die Telekom, "deren Inhalt Sie vorher geprüft haben." Doch genau dafür sind nur wenige ausgebildet. Da kein Code prinzipiell unknackbar ist, sieht das Signaturgesetz von 1997 einen jährlichen Sicherheits-Check der zugelassenen Verschlüsselungs-Verfahren vor. Vorsichtshalber ist auch die Gültigkeit der damit erstellten Unterschriften zeitlich beschränkt, aktuell nicht länger als fünf Jahre. Konsequenterweise sind daher, so das Gesetz, "Daten mit digitaler Signatur bei Bedarf neu zu signieren, bevor der Sicherheitswert der vorhandenen Signatur durch Zeitablauf geringer wird." Immer wieder mit neuen Nach-Schlüsseln versiegelt, kommen wichtige Dokumente in Laufe der Zeit zu einer ganzen Latte veralteter Signaturen.

Doch auch die vielfach signierten Computerdateien, die Kaufverträge, Stiftungsurkunden und Testate haben wenig Bestand. Denn digitale Speichermedien besitzen bisher nur ein kurzes Gedächtnis. Selbst CD-ROMs halten maximal 100 Jahre. Doch gibt es dann noch Geräte, die die Daten lesen können? Damals in Weimar, beim Geheimrat Goethe, wurden Verträge auch schon mal mit Blut besiegelt. Das hielt ewig. Irgendwie tröstlich.

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