Zeitung Heute : Digitales Video: Aliens stürmen das Internet!

Heiko Schwarzburger

Erst die Musikindustrie, jetzt die Traumfabriken: Am 30. Juni kam "Der Sturm" von Wolfgang Petersen in die amerikanischen Kinos. Schon am Dienstag darauf schwappte die erste Welle von Raubkopien durch das Internet. Beim Hühnerrennen "Chicken Run" dauerte der Angriff der Illegalen neun Tage. Sie hatten sich heimlich in die Kinos geschlichen und mit digitalen Kameras die Leinwände gefilmt. Anschließend verdichteten sie die Video-Dateien mit einer Software, die auf dem Kompressionsstandard MPEG-1 basiert.

Um diese schlechten Kopien aus dem Internet zu laden, muss das Modem immer noch bis zu 1,3 Gigabyte schlucken. Das dauert Tage. Mit MPEG-4, dem neuen Standard zur Kompression von Video-Dateien, lassen sich Filmkopien aus dem Internet innerhalb weniger Minuten laden.

Läutet der Untergang der "Andrea Gail" auch den Untergang der Filmindustrie ein? Wie das Wissenschaftsmagazin "Scientific American" in seiner jüngsten Ausgabe berichtet, steht MPEG-4 kurz vor der Markteinführung. MPEG steht für "Movie Picture Expert Group". Dieses Forum vereint die Experten von Produktionsfirmen der Unterhaltungsindustrie, die gemeinsam einen Standard für die Kompression und Verarbeitung digitaler Dokumente festlegen.

Für die Filmindustrie entwickelt

MPEG-4 wurde entwickelt, um den Datenaustausch zwischen den Produktionsfirmen für Kino, Video und TV zu erleichtern. Künftig sollen Bildschnipsel, Sequenzen oder ganze Filme über das Netz ausgetauscht werden, ohne nennenswerten Qualitätsverlust. Ein zweistündiger Schinken wie "Der Sturm" passt dann locker auf eine CD, mit höchster Bildauflösung und Dolby-Surround.

MPEG-4 ist keine direkte Weiterentwicklung von MP3, dem Kompressionsstandard für Audiosequenzen. MP3 steht für "MPEG-1, Layer 3", den ein holländischer Hacker vom Rechner des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen in Erlangen gestohlen hatte, und dezimiert die Dateigröße eines Musiktitels, indem unhörbare Sequenzen einfach weggeschnitten werden. Auch leise Töne, die von lauten überlagert werden, fallen der digitalen Schere unwiderbringlich zum Opfer. "Verlustbehaftete Kompression" nennen dies die Fachleute. CDs mit MP3-Titeln fehlt klangliche Tiefe.

Bewegte Objekte erkannt

MPEG-4 geht auf den Standard MPEG-2 zurück, der Videofilme auf DVD komprimiert. Dessen Weiterentwicklung MPEG-2 AAC (Advanced Audio Coding) erhöht bei gleicher Datenmenge die Spielzeit eines Musiktitels um 50 Prozent gegenüber MP3. Auf AAC aufbauend, erkennt MPEG-4 in Videostreifen bewegte Objekte, zum Beispiel Aliens, die ahnungslosen Bürgern den Garaus machen. Unbewegte und unveränderte Objekte wie Häuser, Himmel oder Totenstille auf der Tonspur werden dagegen nur einmal erfasst.

"Anstatt jedes einzelne Bild zu betrachten, wird das, was den Film überhaupt erst ausmacht, gesehen: die Bewegung", erklärt Jörg Schieb vom Online-Informationsdienst Computerchannel. Bei der Herstellung von Filmen wird schon seit vielen Jahren ein ähnlicher Trick verwandt: Die Vordergrund-Aktion wird in einem Studio vor einer Blauwand erzeugt. In die blaue Fläche wird später der Hintergrund eingespiegelt. Alienfilme sind anders überhaupt nicht denkbar: Die kleinen Monster entstehen im Trickstudio, der Hintergrund einer amerikanischen Kleinstadt wird später eingesetzt.

Aus den sich bewegenden Objektdaten macht MPEG-4 ein "Sprite", das sich gegenüber den unbewegten Objekten verändert: läuft, Angst verbreitet, zischt und schreit. Um weitere Daten zu sparen, werden die Objekte und die Tonspuren auf eigene Datenströme aufgeteilt, so genannte Streams. Diese Streams können gleichzeitig verarbeitet werden, bei der Wiedergabe setzt MPEG-4 die Ströme synchronisiert zusammen.

Ein eigenes Protokoll sorgt dafür, dass die Streams bei der Datenübertragung im Internet nicht durcheinander geraten. Das spezielle Transferprotokoll dafür heißt "Delivery Multimedia Integration Framework", vergleichbar dem im Internet gebräuchlichen "File Tranfer Protocoll" (FTP). FTP überträgt aber ganze Dateien, während DIMF permanent Informationen über die in den Streams darzustellenden Objekte übermittelt. Ein digitaler Wächter achtet darauf, dass alle Streams beim Abspielen wieder zeitlich genau ineinander greifen, sonst gerät das Alien vielleicht erst nach dem Abspann des Films auf den Monitor.

Anders als bei MP3 wird MPEG-4 eine Funktion erhalten, die digitale Wasserzeichen und andere Hinweise auf die Urheber erkennt. Damit lassen sich auch automatische Sperren in der Abspielsoftware und in den Geräten steuern, wenn Raubkopien auftauchen.

Natürlich dürfte es sehr schnell zum Sport unter Hackern werden, diesen elektronischen Safe zu knacken. Dennoch rechnen Analysten damit, dass der Vertrieb von Filmen im Internet künftig deutlich höhere Renditen abwerfen wird als der (legale) Handel mit MP3-Titeln. Die Filmbranche wird von den Fehlern und Erfahrungen der Musikindustrie profitieren: Nachdem ein amerikanisches Gericht die freien MP3-Tauschbörsen für illegal erklärte und den größten virtuellen Handelsplatz Napster.com stilllegte, bauen jetzt Riesen wie Sony und BMG ihre eigenen Vertriebsserver auf.

Der manipulierte Film

Das neue Zauberwort der Branche heißt "Music on demand". MPEG-4-Dateien werden im Format "Advanced Streaming Format" (ASF) auf der Festplatte abgelegt. Microsoft unterstützt ASF bereits in seinem Windows-MediaPlayer ab Version 6.2. In Aussicht steht bereits eine zweite Version von MPEG-4. Mit ihrer Hilfe kann der Betrachter die Objekte sogar manipulieren. Das ist für Produktionsfirmen interessant, die halbfertige Sequenzen austauschen und Speicherplatz sparen wollen.

MPEG-7, der Nachfolger von MPEG-4, steckt noch in den Kinderschuhen. Darin erhalten die Objekte Namen und Kennzeichnungen, die sich mit einer Suchmaschine im Internet gezielt aufspüren lassen, ohne dass die MPEG-Datei in voller Länge abgespielt werden muss. Gibt es für MPEG-4 bereits erste Aufzeichnungsgeräte wie die ViewCam VN-EZ1 von Sharp, sind MPEG-7-Geräte vorerst noch Zukunftsmusik.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar