Zeitung Heute : Dinner fürs Volk

Nächsten Samstag speist der neue Bundespräsident Horst Köhler mit den Deutschen. Es gibt schwäbisch – wie bei ihm zu Hause. Womit muss man da rechnen? Ein Küchenlatein.

Norbert Thomma

Der neue Bundespräsident will neue Saiten aufziehen. Die Presse begrüßt das. Sie will sehen, wie Horst Köhler der Politik „schonungslos“ („Die Welt“) in die Parade fährt. Sie jubelt: Mit diesem Präsidenten ruckt es und zuckt es in Deutschland. Möglicherweise kommt ja alles so, wenn Köhler am Donnerstag vereidigt wird. Möglicherweise aber gibt es da mit den neuen Saiten ein grobes Missverständnis.

Horst Köhler („Ich fühle mich als Süddeutscher“) ist in Ludwigsburg aufgewachsen. Johann Wolfgang von Goethe war mal dort und begeistert: „Man ist als Fremder erstaunt über die ungeheure Fruchtbarkeit dieses Landes, auf der ganzen Tour von Heilbronn nach Stuttgart…, mitten in Gärten und Weinbergen.“ Zwischen Heilbronn und Stuttgart liegt Ludwigsburg. Eines der traditionsreichen Gerichte dieser schwäbischen Gegend nennt sich „Linsen und Spätzle mit Saiten“. Saiten (siehe Glossar) sind Würste, vergleichbar am ehesten mit den Wiener Würstchen. Zieht man diese Saiten auf? Nein, sie werden gegessen. Dieses Beispiel zeigt, wie leicht Präsident und Volk aneinander vorbei reden können.

Der neue Präsident spricht mit deutlich schwäbischem Idiom. Der letzte Präsident mit dieser sprachlichen Herkunft war Theodor Heuss, der erste Präsident der Bundesrepublik (1949-53). Er promovierte zum Thema „Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn am Neckar.“ Wenn er eine Rede schrieb, brauchte er „immer eine Flasche lang“. Heuss stand auf Lemberger . Die Ernsthaftigkeit, mit der Schwaben sich dem Essen und Trinken hingeben, zeigt die Anekdote eines Stuttgarter „Tatort“-Krimis. Kommissar Bienzle verhaftet einen Heroinhändler, der die heiße Ware in Weinkisten geschmuggelt hat, und sagt vorwurfsvoll: „Rauschgift in einer Trollingerflasche, das verzeih ich Ihnen nie.“ Der schamlose Missbrauch des Trollingers schmerzte den Polizisten mehr als alles andere.

Kommenden Sonnabend speist der neue Präsident mit dem Volk. Am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor wird für 1200 Bürger aufgetischt. Zu trinken gibt es Riesling und Trollinger vom Weingut Herzog von Württemberg. Das Hauptgericht wird in Berliner Zeitungen geheimnisvoll als „sommerlicher“ oder „schwäbischer Eintopf“ beschrieben. Es handelt sich dabei, wie der eigens engagierte Drei-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt vorab verrät, um einen „Gaisburger Marsch“ – einen selten anzutreffenden Klassiker der schwäbischen Küche.

Man muss sich, um dieses Gericht und seine Auswahl durch den Bundespräsidenten Köhler zu verstehen, der Sache gleichsam ethnologisch nähern. „Der Schwabe“, schreibt der Kulturwissenschaftler Wolfgang Alber, „ist ein Nass-Esser.“ Er hat ein amphibienhaftes Verhältnis zu Speisen. Sie müssen schwimmen, mindestens aber gut gebadet im Teller liegen. Kartoffelsalat isst der Schwabe „schlonzig“ . Und Spätzle gehen mit reichlich Soße durch die Gurgel. Aus der Sicht des Nass-Essers ist der Gaisburger Marsch die Synthese allen schwäbischen Verlangens. Die Ursuppe.

Zur Geschichte des Gerichts gibt es wie so oft mehrere Versionen. Als gesichert gilt nur: Gaisburg ist ein Vorort von Stuttgart. Version 1 behauptet, Männer aus Gaisburg seien in Gefangenschaft geraten, ihre Frauen durften jedoch jedem eine Schüssel voll Essen bringen; hinein kam, was gut und nahrhaft war. Version 2 stammt vom schwäbischsten aller Schriftsteller, Thaddäus Troll: Junge Offiziersanwärter seien von der Bergkaserne in Marschformation zur „Bäckaschmiede“ in Gaisburg gepilgert, die für ihren Eintopf berühmt war. Fest steht immerhin, wie Harald Wohlfahrt den Gaisburger Marsch zubereitet. Er hat freundlicherweise für die 84 514 000 nicht eingeladenen Bundesbürger das Rezept herausgerückt ( rechts unten auf dieser Seite).

Dieser Herr Köhler (am Samstag natürlich: Herr Bundespräsident) ist ganz schön raffiniert. Denn die Wahl des Gaisburger Marschs als Hauptspeise zum Bürgermenü zeigt: Ich stehe zu meiner Herkunft, und ich bin bescheiden geblieben. Überhaupt ist die schwäbische Küche eher karg, eine Mehlspeisenküche. Die bekannten Gerichte sind preiswert und einfach herzustellen. Die Flädlesuppe ist nichts als eine Fleischbrühe mit Einlage, zu der fein geschnittene Pfannkuchen verwendet werden.

Solche Unwichtigkeiten zu wissen, könnte sich als vorteilhaft erweisen. Vielleicht gehören Sie ja zu den Geladenen. Und das Protokoll sieht vor, dass Horst sprich: Horschd] Köhler immer mal wieder einen Tisch weiter wandert, weil er mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen möchte. Es könnte also sein, jemand rückt den Stuhl neben Sie und fragt: „Essen Sie Maultaschen geschmälzt oder gebacken?“ Wir legen deshalb mit einem Glossar und einigen Einkaufstipps die Grundlage, den ersten Kontakt zwischen Bürger und Präsident fruchtbar werden zu lassen.

Bereiten Sie sich gründlich auf diese Begegnung vor. Sehr gut zum Kennenlernen wäre der Satz: „Herr Präsident, meiner Meinung nach ist die Brezel ein Opfer der Globalisierung.“ Mit der Globalisierung kennt sich der Neue aus, er war Chef des Internationalen Währungsfonds. Und die Laugenbrezel gehört zu den zentralen Grundnahrungsmitteln des Schwaben. Möglicherweise schaut der Präsident bei dieser Eröffnung etwas verblüfft und sagt: „Sie Schlaule .“ Für die weitere Konversation einige Fakten: Schon in frühen Bibelschriften aus dem 13. Jahrhundert ist in sich verschlungenes Gebäck zu sehen, auch auf einem Fastengemälde von Pieter Bruegel d.Ä. Die Schwaben haben keinesfalls das Urheberrecht an der Brezel. Trotzdem ist die schwäbische Laugenbrezel einzigartig – und die einzig Wahre. Sie hat einen dicken Bauch und die verschlungenen Ärmchen sind extrem knusprig. Außerdem wird vor dem Backen in den Bauch eine Längsritze gezogen, die beim Backen zum so genannten „Aufbund“ aufreißt. Sagen Sie: „Herr Bundespräsident, Sie sind zu bedauern, es gibt in ganz Berlin keine einzige Brezel, die schmeckt.“

So, Adele , jetzt muss Horst Köhler am nächsten Tisch schauen, wie der Gaisburger Marsch angekommen ist. Sollte das Gespräch jedoch vorher schon nicht so recht in Schwung kommen, schieben Sie sich einfach einen Löffel Spätzle in die Backen. Der Bundespräsident wird dann sagen: „En guada“ und Sie in Ruhe lassen. Nichts erfreut einen Schwaben mehr als der Anblick eines lustvollen Essers.

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