Zeitung Heute : Diplomatie der Straße

Er hat Morddrohungen erhalten und trägt kugelsichere Westen. Auf seiner Visitenkarte steht: „Friedensstifter“. Seit Hassan Allouche in den 70er Jahren nach Deutschland kam, löst er Konflikte unter Einwanderern. Für ihn ein Ehrenamt, für seine Kritiker „Parallel-Justiz“.

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Im Schatten der Kultur. Hassan Allouche ist der bekannteste arabische Friedensrichter in Deutschland. Er lebt „irgendwo in Neukölln“, wie er sagt. Foto: laif
Im Schatten der Kultur. Hassan Allouche ist der bekannteste arabische Friedensrichter in Deutschland. Er lebt „irgendwo in...Foto: Antje Berghaeuser/laif

Am erfolgreichsten ist Hassan Allouche, wenn niemand etwas davon erfährt, wenn es keine Schlagzeilen gibt. Keine Meldungen von „Ehrenmorden“, häuslicher Gewalt oder Massenschlägereien. Der Palästinenser ist ein Diplomat der Straße, der bekannteste arabische Schlichter in Berlin.

Wer ihn treffen möchte, braucht Geduld. Er weiß selbst nie, wie sein Tag verlaufen wird, wann ihn der nächste Notruf erreicht. Nur dass sein Mobiltelefon klingeln wird, ist gewiss. Ein Leben auf Abruf.

An einem grauen, verregneten Winternachmittag sitzt Allouche in dem türkischen Restaurant „Adana-Grill“ in Berlin-Neukölln. Es ist für ihn Rückzugsort, zweites Wohnzimmer, manchmal sogar Büro, wenn er die Parteien zu Schlichtungsgesprächen hierher bittet. Während draußen der Abendverkehr rauscht, die Kälte unter die Kleidung dringt, wirkt der „Adana-Grill“ wie eine gemütliche Insel an der Sonnenallee: orangefarben getünchte Wände, Gemälde, Zierpalmen, im Hintergrund leise, türkische Musik.

Allouche lehnt sich im Stuhl zurück, vor sich seine ständigen Begleiter, ein Päckchen Zigaretten und sein Mobiltelefon. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen zu helfen, in Ruhe und Frieden zu leben, egal wo“, erklärt Allouche mit tiefer, leicht kratziger Stimme seine Mission. „Ich helfe, wie ich kann, damit keine Schlägerei passiert, keine Schießerei, kein Mord.“ Es ist ihm egal, ob er es mit Libanesen, Palästinensern oder Ägyptern zu tun hat, mit Deutschen oder Italienern. Er sei für jedes Problem bereit, fügt Allouche hinzu, und das klingt kämpferisch. Als müsse jemand, der Frieden bringen will, ebenfalls einen Kampf aufnehmen. Allouche zieht an einer Zigarette. Bereit also. „Außer es betrifft Rauschgift, Waffenhandel oder Terrorismus“, sagt Allouche.

Er hat ergraute Haare, buschige Augenbrauen, Schnauzer. Heute trägt er einen grauen Wollpullover zur dunklen Anzughose und leichte Lederschuhe. Er ist Anfang 60, genauer will er da nicht werden, auch behält er für sich, wo er wohnt – irgendwo in Neukölln. Er sieht aus wie einer, der zupacken kann. Gearbeitet hat er in den vergangenen Jahren bei einem Autohandel. Schlichten ist seine Berufung, ein Ehrenamt.

Auf der Visitenkarte, die Allouche vor sich auf den Tisch legt, steht „Arabischer Friedensrichter“. Doch er nennt sich jetzt nicht mehr so, aus Respekt vor der deutschen Justiz, wie er sagt. Die neuen Karten sind schon im Druck: auf ihnen wird Allouche als „Friedensstifter“ firmieren.

Dass es einen wie ihn gibt, eine Art Ein-Mann-Gericht, legt den Verdacht nahe, unter Arabern, Türken, unter Einwanderern überhaupt, komme es häufiger zu Konflikten als unter Deutschen. Aber das ist ein Irrtum. Die Art des Streits macht den Unterschied.

In Deutschland sind arabische Friedensrichter umstritten. Der Journalist Joachim Wagner kritisiert in seinem Buch „Richter ohne Gesetz“, dass eine islamische Rechtsjustiz den deutschen Rechtsstaat bedrohe, in großstädtischen Einwanderervierteln eine Schattenjustiz herrsche, die deutsche Gesetze aushebelt. Auch die Juristin Seyran Ates warnt vor muslimischen Milieus, „in denen Allahs Gebote mehr gelten als das Grundgesetz“.

„Manche haben kritisiert, dass ich keine juristische Ausbildung habe“, sagt Allouche. „Aber ich habe meine Arbeit jahrelang auf der Straße gelernt, viele Erfahrungen gesammelt.“

Wie viele Fälle Allouche gelöst hat? Er lacht laut bei dieser Frage. Zählen kann er sie nicht mehr. An manche erinnert er sich aber genau. „Leipzig, Detroit“, zählt er auf, „Amsterdam, Hotel Continental, Zimmer 110“. Von dort hat er junge Frauen zurückgeholt, die mit ihren Freunden davongelaufen waren, „Ehrenmorde“ habe er verhindert. „Ich telefoniere herum, suche und finde die Mädchen“, sagt Allouche. „Ich kriege die Information immer viel schneller heraus als die Polizei.“

Als eine 18-jährige Palästinenserin zu ihrem Freund in den Libanon geflüchtet war, habe er ein Blutbad verhindert. „Dass sie abgehauen ist, war eine Schande für die Familie“, erzählt Allouche. „Die Eltern waren zum Mord bereit, haben sich bei den Verwandten im Libanon gemeldet, und denen gesagt, sie sollen beide erledigen.“ Allouche rief die Eltern an, redete auf sie ein, versprach ihnen, die Tochter nach Berlin zurückzuholen – wenn ihr nichts passieren würde, sie danach wieder in den Libanon reisen dürfte, um dort zu heiraten. Heute, so erzählt er, lebe das junge Ehepaar im Libanon, habe Kinder und besuche immer wieder die Eltern in Berlin.

In arabischen Ländern sind Friedensrichter eine anerkannte Instanz, Einwanderer haben die Tradition nach Deutschland mitgebracht. Meist sind es Männer aus angesehenen, großen Familien, die Streitigkeiten schlichten. Sie setzen sich mit den Betroffenen zusammen, reden, suchen den Kompromiss, manche orientieren sich dabei an der Scharia, andere nicht. Für Hassan Allouche hat Schlichten nichts mit Religion oder Scharia-Gesetzen zu tun. Er arbeitet eher wie ein Sozialpsychologe, ergründet, wie sein Gegenüber tickt. „Um zu wissen, wie ich mit den Leuten reden muss, studiere ich ihre Mentalität, ihre Kultur, ihre Kraft, ihre Schwachpunkte“, sagt Allouche. Manchmal streue er einen Satz ein, in dem er Jesus oder Mohammed erwähne, die beide Versöhnung und Vergessen gefordert hätten.

Streiten sich Frauen, nimmt Allouche seine 28-jährige Tochter Sissy mit, die jetzt neben ihm am Tisch sitzt, an einem Lammspieß knabbert. Sie, die fließend Deutsch und Arabisch spricht, ergänzt ihren Vater. Der sagt, dass Frauen ihre eigenen Entscheidungen treffen sollten, nicht Mann und Familie alles bestimmen dürften. Eine Einstellung, mit der auch seine Tochter Sissy aufgewachsen ist, eine selbstbewusste und selbstbestimmte junge Frau, ihr Kopftuch trägt sie nur in der Moschee. „Ich habe keine Angst vor meinem Vater“, sagt sie. „Ich habe höchstens Angst um ihn.“

Bei Hassan Allouche ist Schlichten Familientradition – und das hatte seinen Preis. Schon der Ururgroßvater schlichtete als Friedensrichter in einem kleinen palästinensischen Dorf, das heute mitten auf der von Israel kontrollierten Grenze liegt. Als die Familie in den Libanon vertrieben wurde, vermittelte der Großvater dort bei Streitigkeiten, später Allouches Vater. Hassan Allouche begleitete ihn schon als Jugendlicher bei Verhandlungen und studierte dessen Abschriften. 1957 wurde der Vater tödlich verletzt, als er versuchte, bei einer Schlägerei einzugreifen. Im Gerangel krachte der Ellbogen eines Mannes auf den Hals des Schlichters, drückte den Kehlkopf ein. Nach 17 Tagen im Krankenhaus starb er an den Verletzungen.

Trotzdem setzte Hassan Allouche die Tradition fort, als er Anfang der 70er Jahre nach Deutschland ging. Sein Bruder Bassam, der auch Friedensstifter war, wurde 2001 angeschossen. Im Oktober 2004 zerstach jemand Bassams Autoreifen, und als er sich hinunterbeugte, um das Rad zu wechseln, wurde er von hinten mit einem Schuss in den Nacken ermordet. Vermutlich, weil sich jemand bei einer Schlichtung benachteiligt fühlte. Aufgeklärt wurde die Tat nie.

Auch Allouche erhielt Morddrohungen, trug eine kugelsichere Weste. Ob er Angst habe? „Wenn mein Schicksal kommt, kommt es“, sagt er nur.

Es soll arabische Schlichter geben, die für erfolgreiche Konfliktlösungen Provisionen kassieren, wenn sie etwa Schmerzensgeld zwischen Familien aushandeln. Allouche mache das aber nicht, sagt er. „Ich verlange von niemand einen Cent“, sagt er. Nur wenn jemand sich mit einem kleinen Geschenk bedanken möchte, nimmt er es an – eine Schachtel Zigaretten oder einen Tee. Dass er Deutschland etwas zurückgeben wolle, sagt er. Dem Land, das ihn aufnahm, als er vor dem Krieg flüchten musste, und dessen Pass er heute besitzt.

Allouche ist der bekannteste, aber nicht der einzige arabische Schlichter in Deutschland. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Ali Maarouf von der Palästinensischen Gemeinde in Berlin sagt, dass es in Moscheen, aber auch in arabischen Familien in Deutschland viele Respektspersonen gebe, die Schlichterrollen übernehmen, aber nie in die Öffentlichkeit treten. „In der arabischen Welt wird Streit seit eh und je so gelöst“, sagt Maarouf. „Arabische Familien wenden sich ungern an die Polizei. In erster Linie an Verwandte und andere arabische Personen. Sie leben sehr eingeschlossen und glauben, dass andere Menschen keinen Einblick in ihre Familien haben sollten.“

Einen Konflikt mit dem deutschen Gesetz sieht Maarouf aber nicht: „Das Gericht macht seine Arbeit in dem vorhandenen Gesetzesrahmen, der Friedensrichter hat die Aufgabe, dass ein Versöhnungsprozess zustande kommt.“ Würde ein Mordfall nur juristisch verurteilt, ohne Friedensprozess, wäre dies nur „ein kalter Frieden“. Der Konflikt könnte sich trotzdem auf die zweite oder dritte Generation übertragen.

Ali Maarouf hat zwei Schlichtungsgespräche von Hassan Allouche erlebt. Zwei arabische Familien hatten sich zerstritten, immer, wenn sich die Jugendlichen der Familien auf der Straße begegneten, gerieten sie aneinander. Um den Frieden im Kiez wiederherzustellen, rief Allouche die beiden Familien zusammen an einen Tisch, Ali Maarouf war als unabhängiger Zeuge dabei. Mindestens eine Stunde dauerte das erste Gespräch, erinnert sich Maarouf. Einigen konnten sich die Familien nicht, auch weil die aufbrausenden Jugendlichen sich nicht beruhigen wollten. Beim zweiten Schlichtungsgespräch setzten sich die Familienoberhäupter zunächst ohne die Jugendlichen mit Hassan Allouche zusammen, nach zwei Stunden hatten sie sich angenähert, die Jugendlichen kamen dazu. „Sie haben sich dann die Hände gereicht und versprochen, dass sie sich wieder vertragen“, sagt Maarouf. „Und dass sie sich zuerst an Hassan Allouche wenden würden, wenn etwas schieflaufen sollte.“ Ein Ehrenwort, das in der arabischen Kultur verbindlich ist.

Buchautor Joachim Wagner sagt, es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn Streitschlichter zwischen gekränkten Vätern und untergetauchten Töchtern vermitteln oder in Klan-Kriege eingriffen. Problematisch werde es, wenn sie beginnen, „die Beweislage in Prozessen zu manipulieren, wenn sie Zeugen beeinflussen, Ratschläge im Umgang mit Beweismitteln erteilen und alles tun, damit die Ermittlungsziele nicht erreicht werden“. Wagner hat für sein Buch mehr als ein Dutzend Fälle recherchiert, in denen nach Schlägereien, Messerstechereien oder Mord unter Beteiligung arabischer Friedensrichter Kläger plötzlich versuchten, Anzeigen zurückzuziehen, Zeugen sich nicht mehr an Aussagen erinnern konnten, Täter so dem deutschen Gesetz entzogen wurden.

Verlässliche Zahlen über diese Praxis gibt es nicht. Auf eine kleine Anfrage hin erklärte der Berliner Senat 2012, dass es „in einzelnen Fällen“ Hinweise auf den Einfluss eines Friedensrichters gegeben habe, dass es sich aber „nicht um ein Massenphänomen handelt“.

Die Berliner Polizei gibt sich arabischen Friedensrichtern gegenüber offiziell distanziert, doch Hassan Allouche erzählt von gelegentlicher Zusammenarbeit. Im Mai 1990 arbeitete er zum ersten Mal der Mordkommission zu, der Täter wurde gesucht. „Ich habe den Täter getroffen, er hatte einen Pass in seiner Tasche und wollte aus Deutschland fliehen“, erzählt Allouche. „Ich habe ihm erklärt, wenn er jetzt abhaut, bleibt die Blutrache hinter ihm, da kann viel passieren, das kann sich ausweiten.“ In Deutschland dagegen gelte das Gesetz. Der junge Mann stellte sich, zusammen mit dem Rechtsanwalt des Täters begleitete Allouche ihn zum Amtsgericht. „Er hat seine Strafe bekommen, war im Knast“, sagt Allouche zufrieden.

Der Friedensstifter alarmiert aber auch die Polizei , wenn er eine Schlägerei nicht mehr verhindern kann oder wenn er zu einer Schlichtung fährt, die für ihn gefährlich werden könnte. Dann wartet ein Streifenwagen vor der Haustür. Vor ein paar Monaten klingelten Polizisten Allouche um vier Uhr morgens aus dem Bett. Er sollte als Übersetzer helfen, erzählt er. Es klingt wie eine Arbeitsteilung: „Wir leisten die Vorarbeit“, sagt Sissy Allouche. „Wir können nur etwas machen, bis etwas passiert – die Polizei kann nur etwas machen, wenn etwas passiert ist.“

Doch nicht alle Polizisten verlassen sich gern auf diese Hilfe. Der Hauptkommissar Karlheinz Gaertner zum Beispiel. „Ich kann nicht ausschließen, dass Kollegen mit ihm zusammenarbeiten, vielleicht aus Hilflosigkeit. In meinem Bereich lasse ich es aber nicht zu“, sagt Gaertner, der Dienstgruppenleiter eines Polizeiabschnitts in Neukölln ist. Gaertner hält Allouche für einen freundlichen Menschen – aber nicht für einen, von dem sich die Polizei bei Ermittlungen helfen lassen sollte. Allouche erfahre vielleicht mehr, sagt Gaertner, werde der Polizei aber sicher nicht alles offenbaren. Viele der arabischen Klans in Berlin seien auch Teil des kriminellen Milieus. „Die Sache ist zu kompliziert, als dass man sich darauf einlassen sollte.“

Einmal wurde Gaertner für einen Einsatz in die Sonnenallee gerufen, Mitglieder zweier polizeibekannter Großfamilien prügelten sich, zwei der Gegner hatten leichte Messerstiche abbekommen. Auf einmal tauchte auch Allouche auf, sagte den Polizisten, dass sie zurück zum Revier fahren könnten und er sich um die Angelegenheit kümmere. Er habe für die Familien schon öfter Friedensverträge ausgehandelt. „Er hat versucht, uns zu beeinflussen, dass wir die Messerstecherei nicht aufnehmen“, sagt Gaertner. „Wir haben ihm deutlich gemacht, dass wir uns an die Gesetze halten, und Strafanzeige gegen die Männer aufgenommen.“

Allouche selbst sieht sich nicht als Hindernis, sondern als Helfer von Justiz und Polizei. Und er wünscht sich, dass die Justiz noch härter durchgreift. Durch die Fensterscheibe des „Adana-Grill“ deutet Allouche ins graue Neukölln, in Richtung der neonblinkenden Spielhöllen, die die Sonnenallee säumen. Er poltert los gegen spielsüchtige Familienväter, die dort Tausende von Euros verzockten, die nur aus illegalen Geschäften stammen könnten, gegen Kriminelle, die wüssten, dass ihre Familien vom deutschen Staat umsorgt würden, während sie im Knast sitzen, gegen faule Einwanderer, die den Ruf der Migranten ruinierten, Sozialhilfe kassierten, und sich im Libanon Villen bauen würden. Die Villen, sagt er, habe er mit eigenen Augen gesehen.

Er schüttelt den Kopf. Wenn Allouche sich in Rage redet, scheint da plötzlich ein anderer Mann zu sitzen. Der spricht sich für die harte Bestrafung von Migranten und deren Nachkommen aus. Deutschland, glaubt er, hat zu viel Mitleid mit Einwanderern. Warum gibt es nicht mehr Kontrollen und Razzien? Warum werden Straftäter nicht einfach abgeschoben? Es ist der Zorn eines Mannes, der die Ordnung liebt. Vielleicht lebt er deshalb so gerne in einem Land, dem es ebenso geht. Jemand, der seine Wohnung mit Dreck an den Schuhen betreten würde, sagt Allouche, den würde er hinauswerfen.

Ohne Schlichter wie ihn, da ist Allouche sich sicher, würden Gewalt und Kriminalität weiter eskalieren.

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