DISKURSPOPDie Goldenen Zitronen : Die Unbeugsamen

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In Hamburg brennt gerade mal wieder die Luft. Die Rote Flora soll geräumt werden, die von den Eigentümern jahrzehntelang vernachlässigten Esso-Häuser an der Reeperbahn stehen kurz vor dem Abriss – in der flächendeckend durchgentrifizierten Hansestadt drohen gerade die letzten Räume einer linksalternativen Gegenkultur verloren zu gehen. Umso wichtiger ist es da, dass die zuverlässigste Denkfabrik im deutschsprachigen Pop auf Hochtouren läuft. Die Goldenen Zitronen haben auf ihrem elften Album „Who’s bad?“ den gesellschaftlichen und politischen Zuständen in ihrer Wahlheimat gleich mehrere Songs gewidmet und liefern mit krautig- neuwellig groovenden Diskurspopkrachern wie „Der Investor“ oder „Echohäuser“ den Soundtrack zur nächsten Straßenschlacht.

Könnte man zumindest denken. Aber für allzu simpel gestrickte ideologische Gut-Böse-Muster sind Schorsch Kamerun, Ted Gaier und die anderen Chefdozenten der Hamburger Hochbegabtenschule dann doch nicht zu haben: Auch das im Grunde strukturkonservative linke Straßenguerillaspießertum kriegt in „Rittergefühle“ oder „Typ, Lederjacke, in der Ecke stehend“ ordentlich einen übergebraten. Dafür liebt man die Goldenen Zitronen: dass sie seit über 20 Jahren – nämlich seit sie sich von den biedermannbraven Funpunk-Anfängen im Fahrwasser von Toten Hosen und Ärzten emanzipiert haben – nicht nur in einem kontinuierlichen Reifungsprozess ihr stilistisches und inhaltliches Repertoire erweitern, sondern sich auch jeglicher Umarmung durch die üblichen Verdächtigen im politischen Unter- oder Überbau entziehen. Und dennoch nie vergessen haben, auf welcher Seite das Herz schlägt.Jörg Wunder

Lido, Sa 11.1., 20 Uhr, 18 €

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