Zeitung Heute : Doch etwas zu verbergen?

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming

Zu einer Bilanz gehören Zahlen. Israel sagt, seine gut dreiwöchige Militäroperation gegen die Infrastruktur des palästinensischen Terrorismus sei vorbei. Offiziell wurden mindestens 250 Menschen getötet, darunter 35 Top-Verdächtige, mehrere Selbstmordattentate konnten angeblich verhindert werden, die Armee nahm 4500 Palästinenser fest. Von den Verhören sowie der Auswertung von konfiszierten Materialien verspricht sich die Scharon-Regierung nützliche Erkenntnisse. Die Mission, heißt es, sei ein Erfolg gewesen. So kann man es sehen.

Zu einer Bilanz jedoch gehören auch die Schäden. Hunderte von Häusern wurden platt gewalzt. Unter den Palästinensern ist die Wut auf die Besatzer erneut gestiegen. Die Bilder der rollenden Panzer haben das Ansehen Israels weltweit ramponiert. Offenbar wurde nicht allein gegen die Infrastruktur des Terrors gekämpft, zerstört werden sollte gleichzeitig die Infrastruktur der palästinensischen Zivil-Autonomie. Als bedauerliche Randale vereinzelter Soldaten lassen sich die vielen Übergriffe auf Ministerien, Radiostationen oder Banken jedenfalls nicht abtun.

Der Streit über die UN-Gruppe, die im Flüchtlingslager Dschenin untersuchen soll, ob Israels Armee dort fahrlässig den Tod von Zivilisten in Kauf genommen hat, fügt sich nahtlos in diese Reihe ein. Mit dem Satz „Israel hat nichts zu verbergen“ ermunterte Außenminister Peres vergangenes Wochenende den Sicherheitsrat zur entsprechenden Resolution. Fünf Tage später sieht die Sache anders aus. Plötzlich werden alle möglichen Bedenken vorgetragen, die in der Summe nur einen Schluss zulassen: Scharon will diese Gruppe nicht. Was aber will er dann?

Es ist bestürzend, wie viele altneue Argumente Israels Ministerpräsident seinen Kritikern in den vergangenen Tagen geliefert hat. Seine Abneigung gegen den gesamten, in Oslo eingeleiteten Friedensprozess teilt er mit der Mehrheit seiner Regierung. Er ist unfähig, über praktische, nicht-ideologische Lösungen des Konflikts nachzudenken. Scharon wird nie mit Arafat verhandeln oder eine einzige Siedlung räumen. „Das Schicksal von Netzarim ist das Schicksal von Tel Aviv“, hat er unlängst beteuert. Netzarim ist jene abgelegene Siedlung im Gazastreifen, die so augenfällig deplatziert ist, dass ihre Aufgabe im Falle eines Friedens bislang als sicher galt.

Mit seinen Taten und Worten nährt Scharon den Verdacht, er nutze den Kampf gegen den Terrorismus lediglich aus, um Israels Herrschaft über ein anderes Volk zu verewigen. Es gibt keinen Zweifel, dass die Militäroperation nach der Fülle von Selbstmordattentaten berechtigt war. Die Nebenwirkungen der Medizin freilich könnten ärger sein, als es die Krankheit war. Geht das? Kann es schlimmeres geben als den Tod vieler Menschen? Ja, den Tod von noch mehr Menschen.

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